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Zurück zur Rückkehr-Ökumene

Das jüngste Dokument der Glaubenskongregation zur "Lehre über die Kirche" hat nicht nur Protestanten, sondern auch in der Ökumene engagierte Katholiken vor den Kopf gestoßen.

Nur drei Tage nach der Annäherung des Papstes an die Traditionalisten sendet die römische Glaubenskongregation die Botschaft in die Welt: Die katholische Kirche ist die einzig wahre Kirche, und die Kirchen der Reformation sind keine Kirchen "im eigentlichen Sinn", sondern nur kirchliche Gemeinschaften. Sofort gibt es bei Deutschlands Protestanten einen Aufschrei der Entrüstung. Landauf, landab erheben sich in der evangelischen Kirche entrüstete Stimmen. "Brüskierend", befindet Bischof Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), harsch, "eine vertane Chance". Der Catholica-Beauftrage der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Bischof Friedrich Weber, zeigt sich ebenfalls entsetzt: "In vielen katholischen Kirchengemeinden wird diese Abgrenzung auf pures Unverständnis stoßen", ist er überzeugt.

"Dämpfer" für Ökumene

Am Abend des Tages, an dem die römischen Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche (so ist das Dokument der Glaubenskongregation überschrieben) veröffentlicht werden, spricht Margot Käßmann, Bischöfin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover und eine der prominentesten Protestantinnen Deutschlands, in der Osnabrücker Marienkirche. Ein "Trauerspiel" sei die jüngste Erklärung der römischen Kongregation für die Glaubenslehre, beklagt sie. Das Dokument, das die katholische Kirche als einzig wahre Kirche bezeichnet, stelle "einen Dämpfer für alle Katholiken und Protestanten dar, die sich bemüht haben, keine Eiszeit in der Ökumene entstehen zu lassen", erklärt die Bischöfin unter dem Beifall von 1000 - katholischen wie evangelischen - Zuhörern. Trotzdem gebe es ökumenische Hoffnungssignale, die man nicht ignorieren solle.

Auf Seiten der katholischen Bischöfe und Theologen herrscht dagegen weithin das Schweigen im Walde. Mit einigen wenigen Ausnahmen allerdings. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, verblüfft viele Beobachter mit seiner Ansicht, das neue Papier lasse "grundlegend Raum, die anderen Kirchen nicht nur moralisch, sondern theologisch als Kirchen zu achten". Alle Seiten müssten sich jetzt der Aufgabe stellen, "ehrlich und mutig auf dem Weg der Ökumene voranzuschreiten". Als einziger deutscher Diözesanbischof neben Lehmann meldet sich Ökumene-Bischof Gerhard Ludwig Müller zu Wort. Ausgerechnet der Hardliner aus Regensburg warnt vor Triumphgeschrei und Überlegenheitsgefühlen, betont aber im selben Atemzug, die evangelische Sichtweise der Kirche sei der katholischen entgegengesetzt. Von Seiten der katholischen Theologie meldet nur der längst emeritierte Tübinger Dogmatiker Peter Hünermann seinen Protest an.

Pfeifen im Wald

Und die katholischen Ökumene-Experten? Sie sind wie so viele andere an diesem 10. Juli von der neuerlichen Erklärung völlig überrascht worden. "Warum jetzt?", fragen sie sich. Doch schon bald haben sie ihre Fassung wiedergefunden, auch wenn die eine oder andere Äußerung eher nach Pfeifen im Walde klingt. Da wird - sicher in allerbester Absicht - manches herbeigeredet, was in dem tatsächlichen Papier des Vatikans keine reale Grundlage mehr hat; der Wunsch wird zum Vater des Gedankens. Roms oberster Ökumeniker Kardinal Walter Kasper gibt den Ton vor und erklärt zur Überraschung der Vatikan-Beobachter, er sehe keinen Grund zur Empörung. Das Dokument enthalte nichts Neues, sondern wiederhole die bisherige Position der katholischen Kirche in knapper Form. Es spreche den evangelischen Kirchen nicht den Kirchen-Status ab, sondern sei eine Einladung zum Dialog, so der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Auch der Leitende Direktor des renommierten Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik, Wolfgang Thönissen, ein Kasper-Schüler, folgt ganz dieser Argumentationslinie: Rom habe lediglich eine altbekannte Position beschrieben und sei "ökumenisch handlungsfähig und handlungsbereit".

So viel kirchenpolitischer Diplomatie kann Dorothea Sattler nicht viel abgewinnen. Die renommierte katholische Ökumenikerin aus Münster ist sichtlich geschockt. "Leider sind wichtige Ergebnisse der ökumenischen Dialoge über die Ämterfrage überhaupt nicht in das Papier aufgenommen worden", beklagt die Professorin mit tiefer Resignation in der Stimme. "Im Stil und in der Aussage wird das Dokument verletzend wirken und die Ökumene sehr belasten." Der ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen, dessen wissenschaftliche Leiterin sie von katholischer Seite ist, arbeitet seit 2001 an einem Papier über die apostolische Sukzession und steht dabei kurz vor dem Abschluss. Das Ergebnis: Man ist übereinstimmend zu der Überzeugung gekommen, dass die evangelischen Ämter Anerkennung finden können. Bereits im nächsten Frühjahr soll das Dokument veröffentlicht werden, und Sattler geht fest davon aus, dass der Arbeitskreis an diesem Ergebnis festhalten wird.

Noch weiter als Sattler geht Matthias Haudel, Privatdozent an der Universität Münster mit Schwerpunkt Ökumene sowie für die Evangelische Kirche von Westfalen im Bereich der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) tätig. Aus Sicht des langjährigen Gemeindepfarrers setzt die katholische Kirche ihre eigene römische Tradition unkritisch mit der "einen, heiligen, katholischen und apostolischen" Kirche des Glaubensbekenntnisses gleich und macht sie für alle Konfessionen zum Kriterium des wahren Kirche-Seins. "Das ist aber weder biblisch noch kirchengeschichtlich nachvollziehbar", erregt sich Haudel. Offenbar versuche Rom, katholische Theologen zu disziplinieren, die ökumenisch bedeutend weiter sind - "und dazu gehört auch Kardinal Walter Kasper", fügt der Ökumeniker hinzu. Nicht nur für Haudel stellt das Dokument einen deutlichen Rückschritt hinter das Zweite Vatikanische Konzil dar: Die konservativen Kräfte, die beim Konzil den Kürzeren gezogen hatten, scheinen sich 40 Jahre danach durchzusetzen.

Kein Kurswechsel

Doch was ist mit Benedikt XVI. selbst, nach dessen Wahl zumindest viele in Deutschland behauptet hatten, er werde für "Überraschungen" sorgen? Haudel, der in seinem kürzlich erschienenen Buch Die Selbsterschließung des dreieinigen Gottes in einem eigenen Kapitel die Ökumene-Theologie Joseph Ratzingers untersucht hat, meint: "Es gibt keine bedeutsame Veränderung in der Theologie Ratzingers." Als Theologe habe er Christus direkt mit der Kirche gleichgesetzt und den Heiligen Geist nur noch als Anhängsel und Gabe der Kirche interpretiert. Als Präfekt der Glaubenskongregation habe er dann das in praktische Politik umgesetzt, was er in seiner Theologie grundgelegt hatte. "Insofern ist die neueste Erklärung überhaupt keine Überraschung", kommentiert Haudel. "Wenn der Papst sich selbst treu bleiben will, dann kann da gar nichts anderes kommen. Er folgt strikt seinen theologischen Grundsätzen."

Wie aber soll es nach einer solchen Erklärung in der Ökumene weitergehen? Vieles spricht dafür, dass man sich von offizieller katholischer Seite künftig auf eine "Feier-Ökumene" konzentrieren will. Sprich: Man feiert zusammen mit den Protestanten schöne, harmonische, stimmungsvolle Feste, Jubiläen und Gottesdienste, bleibt aber innerlich und grundsätzlich auf Abstand. Folgt man der Argumentation der Glaubenskongregation, dann müssen alle anderen Christen römisch-katholisch werden, wenn sie in irgendeiner Form Einheit mit Rom anstreben. Das heißt im Klartext: Das Ziel der "Einheit in versöhnter Verschiedenheit" ist tot. Es ist nur noch eine Rückkehr-Ökumene möglich, von der überzeugte katholische Ökumeniker in den letzten Jahren eigentlich ständig behauptet hatten, sie sei tot.

"Dicke Bretter bohren"

Damit nicht genug, drohen auch auf evangelischer Seite nach einer solchen Brüskierung jene Kräfte Oberhand zu gewinnen, die schon seit Jahren die Ökumene mit der katholischen Kirche hinter sich lassen wollen. Und auch bei den Ostkirchen, denen der Papst seit seinem Amtsantritt deutliche Avancen macht, schlägt die Erklärung Türen zu: Eine Verabsolutierung der katholischen Strukturen, insbesondere des Primats des Papstes, ist auch für sie nicht mehr akzeptabel, zumal wenn sie nur als "Teilkirchen" gesehen werden.

Gibt es trotzdem noch eine Chance für die Ökumene? Trotz aller resignativen Grundhaltung meinen engagierte Ökumeniker wie Sattler und Haudel: Ja. "Aber man muss an die Grundmauern heran und bereit sein, die dicken Bretter zu bohren", meinen sie übereinstimmend. Haudel hat im erwähnten Buch nachgewiesen, dass man gerade bei den Grundlagen - nämlich der Gotteslehre und dem Kirchenverständnis - ansetzen kann und muss, um weiterzukommen. Doch auch Sattler und Haudel wissen: Wirkliche Ökumene ist nur dann möglich, wenn die Kirchen gegenseitig ihre Einheit in den Grundlagen - wie bei der Bibel und den altkirchlichen Bekenntnissen - akzeptieren und die unterschiedlichen konfessionellen Strukturen als legitim betrachten.

siehe auch "Im Gespräch", S. 9

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