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Absage an einen Dialog mit Rom?

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Die katholische-lutherische "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" scheint desavouiert. Insbesondere das Agieren Roms irritiert die evangelische Seite.

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Die katholische-lutherische "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" scheint desavouiert. Insbesondere das Agieren Roms irritiert die evangelische Seite.

Ärgerlich war das schon, sehr ärgerlich sogar. Da meinte man nach jahrelangen Expertengesprächen und kirchenamtlichen Dialogen den Durchbruch in einer für die Kirchenspaltung des 16. Jahrhunderts ursächlichen Streitmaterie geschafft zu haben. Man konstatierte - vorsichtig zwar, aber doch - durchgehend "Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre", wie es in der seit Februar vorliegenden "Gemeinsamen Erklärung" des Lutherischen Weltbundes und des Päpstlichen Rates für die Einheit heißt. Die entsprechenden Lehrverurteilungen der lutherischen Bekenntnisschriften sollten die Katholiken nicht mehr treffen und jene des Trienter Konzils zur Rechtfertigungslehre nicht mehr die Lutheraner.

Noch auf der Jubiläumsvollversammlung des Lutherischen Weltbundes im Juli 1997 in Hongkong - der Lutherische Weltbund feierte dort sein 50jähriges Bestehen - sprach der mecklenburgische Landesbischof Christoph Stier trotz der sich damals schon regenden Widerstände unter deutschen lutherischen Theologen von einem "qualitativ neuen Anfang" zwischen Katholiken und Lutheranern. Niemand werde künftig sich noch "darauf berufen können, wir könnten deshalb nicht auf dem Weg zur Kirchengemeinschaft vorangehen, weil dieses Hindernis (der Gegensatz in der Rechtfertigungslehre, Anm.) im Wege liegt".

Desavouierung derökumenischen Arbeit Die Abschlußerklärung von Hongkong bekräftigte feierlich, der erreichte Konsens sei ein "historisches ökumenisches Ergebnis", das neue, hoffnungsvolle Perspektiven für weitere Gespräche eröffne. Die Stellungnahmen der Mitgliedskirchen fielen zwar variantenreich aus, dennoch konnte der Rat, das oberste Beschlußgremium des Lutherischen Weltbundes, das Fazit aus dem Meinungsbildungsprozeß in den Mitgliedskirchen ziehend, eindeutig, wenn auch nicht ohne Vorbehalte, Zustimmung signalisieren.

Kaum aber war der Ratsbeschluß gefaßt, antwortete Rom mit einer "Note", in der der Gemeinsamen Erklärung einleitend zwar "bemerkenswerte Fortschritte im gegenseitigen Verständnis" attestiert werden, die aber in den weiteren Ausführungen selbst diese zu nichts verpflichtende Höflichkeitsfloskel desavouiert.

Inhalt und Tenor der Note irritieren gleicherweise. Man mag viele Fragen an die Gemeinsame Erklärung stellen, insbesondere, ob in ihr das Verhältnis von göttlicher Gnade und menschlicher Mitwirkung auch aus katholischer Perspektive überzeugend dargestellt ist. Aber selbst für einen mit dogmatischen Aussagen einigermaßen vertrauten Katholiken ist nicht einsichtig, wieso ausgerechnet das lutherische "Gerechter und Sünder zugleich" der Stein des Anstoßes sein bzw. wie es die römische "Note" sieht, auf dem Weg zu einem "vollständigen Konsens in der Rechtfertigungslehre" die "größten Schwierigkeiten" bieten soll.

Rom: eigene Leute wie Schüler behandelt Manchem Katholiken mag zwar Luthers sperrige Existentialdialektik wider den Strich gehen, und akribisch argumentierende Theologen wie amtliche Glaubenswächter mögen einen Glaubensabgrund sehen zwischen der Sündengeneigtheit auch der Getauften und der lutherischen Sündigkeit trotz Taufgnade, wenn sie mit der Lupe hineinschauen, aber kaum ein zeitgenössischer Christ diesseits und jenseits der Konfessionsgrenzen wird auf das Heute bezogen darin noch mehr zu sehen vermögen als ein semantisches Problem der mittleren Gewichtsklasse.

Und mehr als seltsam ist der Hinweis - in Punkt 6 des römischen Dokuments - "auf den unterschiedlichen Charakter der beiden Partner ... unter dem Gesichtspunkt der Repräsentativität", als ob die unterschiedlichen Amts- und Entscheidungsstrukturen zwischen lutherischen Kirchen und katholischer Kirche nicht seit je bekannt wären. Wer dieses Argument just in dem Augenblick aus der Schublade holt, wo es ökumenisch ernst wird, muß sich fragen lassen, ob er den Konsens überhaupt je ernsthaft wollte.

Der Gesamteindruck: man belehrt, anstatt zu dialogisieren; man behandelt die andere Seite nicht wie einen Partner im gemeinsamen Glauben, sondern beurteilt ihn allein vom "sicheren" Sitz der eigenen Orthodoxie aus und die "paritätisch" besetzte Kommission, die den Konsens erarbeitet hat, damit auch die eigenen Leute, wie einen Schüler, dem man zwar Fleiß und irgendwie auch den rechten Ansatz bestätigt, der aber ansonsten so gut wie alles falsch gemacht hat - von der seltsamen Art der Publikation im "Osservatore Romano" - wer verantwortet Diktion und Inhalt eigentlich in der Sache und nicht nur der Form nach: der Einheitsrat oder die Glaubenskongregation? - ganz zu schweigen.

Man kann deshalb verstehen, daß Ökumeniker auf beiden Seiten enttäuscht sind; daß mancher auf der evangelischen Seite die "Konsens-Ökumene" für erledigt hält oder sich fragt, wie es mit der Ökumene kirchenamtlich überhaupt weitergehen soll (wie Johannes Dantine in Furche 28); daher auch die glatte Absage der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland, in ihrer Stellungnahme zur römischen "Note" vom 17. Juli an den Dialog mit Rom "in der gegenwärtigen Form" - auch wenn die EKD keine lutherische Instanz ist und sie auf die Reformierten in ihren Reihen Rücksicht zu nehmen hat.

Aber - erstens - Ökumene ohne kirchenamtliche Konsensbildung würde zum punktuellen Zusammenwuchern nach subjektivem Gruppengusto und müßte sich in den Sümpfen säkularer Beliebigkeit bald verlieren.

Zweitens ist nicht ausgemacht, daß der bisher eingeschlagene Weg über die kontroversiellen Themen, wie sie sich aus der Zeit der Kirchenspaltung in ihrem Ergebnis für die jeweilige Konfession darstellen, unbedingt der erfolgversprechendste und, was entscheidender ist, der sachlich richtigste ist. Man kann natürlich den Stier bei den Hörnern packen, die theologischen Kontroverspunkte direkt angehen und dann feststellen: Sie waren damals kirchentrennend, sind es aber heute nicht mehr. Nur handelt man sich so möglicherweise die Gefahr ein, daß Vorverständnisse inhaltlicher wie perspektivischer Art "unerlöst" mitgeschleppt werden, die den Kontroversen erst ihre eigentliche Schärfe geben, und damit eine Einigung in der Sache behindern. Das gemeinsame Suchen entlang der Genese der Gegensätze und eine gründliche Diskussion der Vorverständnisse, Gott, Gnade, Sünde, Schöpfung, Willensfreiheit betreffend, dürften zwar den Weg zum Konsens eher verlängern, ihn aber zugleich zielführender machen.

Auch lutherische Position unklar Daß wir Menschen unser Heil allein Gottes Gnade und nicht unseren Werken verdanken, dürfte unter Christen kaum umstritten sein. Damit ist aber noch lange nicht gesagt, daß unsere Rolle im Heilsgeschehen eine "rein passive" ist. (Insofern wird die EKD, die in ihrer Stellungnahme das "allein aus Glauben, allein aus Gnade" wieder zum Knackpunkt zwischen Reformation und Rom schlechthin macht, auch erst einmal erklären müssen, wie sie das wirklich versteht.) Gott desavouiert sein Geschöpf nicht. Vielleicht ließe sich auf diesem Wege auch das Hauptproblem bei der Rechtfertigung entschärfen: die Stellung der Rechtfertigungslehre im Ganzen des christlichen Glaubens.

Es ist schon auffällig, wie sich die römische Note und Eberhard Jüngel (Tübingen) von den 160 evangelischen Theologen, die kollektiv der Gemeinsamen Erklärung widersprochen haben, aus entgegengesetzter Richtung fast wortgleich mit diesem selben Problem herumschlagen. Aber ist nun der paulinisch-augustinisch-lutherische Strang des Rechtfertigungsverständnisses mit seiner heute gerade glaubensmäßig schwer zu vermittelnden "forensischen" Begrifflichkeit (Recht, gerecht machen, Rechtfertigung) nun einfach die christliche Lehre oder eben nur eine durchgehende Rechtfertigungstheorie, die in den lutherischen Bekenntnisschriften eine weitaus geringere Rolle spielt als bei Luther selbst?

Probleme aus der Vergangenheit?

Allein schon von daher kann das lutherische "Lenker und Richter über alle Stücke christlicher Lehre", die Rechtfertigungslehre also als Kriterium aller Kriterien des rechten Glaubens, eigentlich nicht das letzte Wort sein. Wird da die Wahrheit von der Erlösung in Jesus Christus nicht mit ihrer zeit- und umstandsbedingten begrifflichen Rekonstruktion verwechselt?

Vielleicht verhülfe ein solcher Weg gewissermaßen über die Ebene der Vorverständnisse sogar zu einer klareren Erkenntnis der Trennungsursachen von heute und nicht nur derer von damals. Denn vieles was zu Luthers Zeiten trennte, trennt heute nicht mehr, aber manches Trennende ist seither quer zu den Konfessionen, aber auch längst zu ihnen dazugekommenen: Zivilreligiöses im Protestantismus ebenso wie die katholischen Dogmen des 19. und 20. Jahrhunderts. Weder römische Formelfetischisten noch protestantische Rechtfertigungsfundamentalisten können da eine Antwort geben.

Und drittens: Ist der Eindruck ganz falsch, daß wenigstens zur Zeit die Unlust, eine erste Dialogetappe abzuschließen und mutig die nächste zu beginnen, um so der Einheit evangelischer und katholischer Christen wirklich ein Stück näher kommen zu können, auf beiden Seiten verbreitet und ungefähr gleich stark ausgeprägt ist? Rom lebt gerade zur Zeit einen Katholizismus vor, der ökumenisch weit inkompatibler ist, als es der Katholizismus von seinem Selbstverständnis sein müßte.

Und so manche evangelische Gegner der Übereinkunft scheinen nicht nur um die theologische Wahrheit, sondern auch um ihr Evangelisch-Sein zu bangen für den Fall, daß man sich über die Rechtfertigung doch noch einigen sollte. Ihnen konnte Rom keine bessere Steilvorlage liefern als mit seiner "Note" vom 30. Juni.

Der Autor, langjähriger Chef der "Herder-Korrespondenz", ist freier theologischer Publizist und lebt in Deutschland.

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