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Ein Kirchen-Streit macht Hoffnung

Ein internes Papier der Evangelischen Kirche in Deutschland sorgt – vorübergehend – für Verstimmung auf katholischer Seite. In den Beziehungen zwischen den beiden großen Kirchen in Deutschland herrscht Stillstand.

Gar nicht so große Ursache – große Wirkung. Ein internes Thesenpapier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat die Ökumene im Nachbarland zumindest vorübergehend stark belastet. In dem von Oberkirchenrat Thies Gundlach verfassten Dokument wird die katholische Kirche als führungsschwach und verunsichert dargestellt, Papst Benedikt XVI. ein rückwärtsgewandter Kurs vorgeworfen. (Zitat aus dem Papier siehe unten). Eine deutliche Verstimmung, ja Verärgerung bei den katholischen Bischöfen war die Folge. Doch die ist – glücklicherweise – nach einem kurzfristig anberaumten Spitzengespräch in Karlsruhe bereits wieder überwunden. Von evangelischer Seite hat man sich offiziell entschuldigt, die katholische sieht noch nicht alle Irritationen als restlos beseitigt an. Aber offenbar hat ein klärendes Gewitter zwischen Spitzenvertretern beider Kirchen für ein kleines Wunder gesorgt.

Das war auch dringend nötig, denn die Stimmung ist momentan nicht die beste. Zwar sind in den vergangenen Jahrzehnten gerade in Deutschland große Fortschritte im Verhältnis von Katholiken und Protestanten erzielt worden, aber in jüngster Zeit war der Stillstand unverkennbar. Nicht zuletzt hat die Aufhebung der Exkommunikation der unverhohlen ökumene-feindlichen Piusbruder-Bischöfe das Klima zwischen den Kirchen verschlechtert. Auch vom Ökumenischen Kirchentag 2010 in München wird in Insider-Kreisen kaum etwas erwartet, das große Jubiläum der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre wird öffentlich (fast) nicht wahrgenommen. Um so mehr muss man sich fragen: Wer hatte ein Interesse daran, in schwieriger Zeit ein solches Papier publik zu machen?

Über eines aber sollte man sich keinen Illusionen hingeben: Das interne EKD-Papier hat vieles ausgesprochen, was insgeheim viele Protestanten und auch Katholiken in Deutschland denken. Es ist eine in weiten Passagen hellsichtige und scharfsinnige Analyse, die sein Verfasser, Oberkirchenrat Gundlach, da abgeliefert hat. Denn dass der deutsche Papst einen ausgesprochen rückwärtsgewandten Kurs steuert und lieber auf die Piusbrüder als auf die evangelische Kirche zugeht, ist in der deutschen Bevölkerung, egal welcher Konfession, inzwischen Mehrheitsmeinung. Und aus Sicht der Protestanten dürfte es auch unklar sein, in welche Richtung die deutsche Kirche sich momentan bewegt.

Profil-Schärfung statt Kooperation

Die katholisch-evangelische Ökumene tritt seit Jahren auf der Stelle. Statt die Gemeinsamkeiten hervorheben, wird auf beiden Seiten das eigene Profil geschärft. Daran ist auch die evangelische Seite mitschuldig, war es doch der EKD-Vorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, der den Begriff „Ökumene der Profile“ kreierte. Paulus-Jahr und Luther-Dekade, die sich eigentlich ideal für das Betonen von Übereinstimmungen eignen würden, wurden und werden stattdessen von der jeweils anderen Konfession mit Misstrauen betrachtet. Das Paulus-Jahr hat die evangelische Kirche – von einigen Veranstaltungen an der Basis abgesehen – weitgehend ungenutzt verstreichen lassen, offenbar aus Angst davor, die katholische Seite könne „ihren“ Apostel, diesen Kronzeugen Luthers, für sich vereinnahmen. Umgekehrt polemisiert „Ökumenebischof“ Gerhard Ludwig Müller offen gegen das Reformationsgedenken rund ums Jahr 2017, weil er eine antikatholische Profilierung befürchtet. Statt sich in die Jubiläumsgestaltung einzubringen, verharrt die katholische Kirche Deutschlands bisher in abwartender Distanz.

Am 31. Oktober jährt sich die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre zum zehnten Mal. Diese ist ein Meilenstein auf dem Weg zur Einheit. Katholiken und Protestanten in Deutschland haben wohl eine ökumenische Arbeitshilfe zum zehnten Jahrestag herausgegeben und werden den historischen Tag gemeinsam feiern. In der deutschen Öffentlichkeit aber spielt dieses epochale Ereignis bisher keine Rolle. Seit zehn Jahren ist es – vor allem auf katholischer Seite – nicht im entferntesten gelungen, den wegweisenden Charakter der „Gemeinsamen Erklärung“ an die Basis zu vermitteln.

Ähnlich steht es um den Ökumenischen Kirchentag, der im Mai 2010 – nach seiner Berliner Premiere 2003 – zum zweiten Mal stattfinden soll. Beide Seiten, sind eifrig darum bemüht, dort nur ja keine ökumenischen Abendmahlsfeiern zustandekommen zu lassen, die 2003 unverdient großen Medienwirbel ausgelöst hatten.

Keine konkreten Ökumenefragen

Beim Ökumenischen Kirchentag werden daher die gesellschaftspolitischen Fragen im Vordergrund stehen, nicht die Ämterfrage oder die Einheitsmodelle. Andererseits fehlen dadurch die großen Themen. Deswegen hat der Arbeitskreis „Pastorale Grundfragen“ des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) das Vaterunser als Brücke zur Ökumene ins Spiel gebracht – eine faszinierende Idee. Kritiker wenden dagegegen ein: Der ZdK-Arbeitskreis weicht jetzt auf die geistliche Ökumene aus, weil in den ganz entscheidenden konkreten Fragen nichts mehr läuft. Ganz von der Hand weisen lässt sich dieser Einwand sicher nicht.

So beunruhigend und belastend der jüngste Streit ist, so positiv kann andererseits seine Wirkung sein. Es hat sich gezeigt, dass das Vertrauen zwischen beiden Seiten immerhin so groß ist, dass manche Verletzungen sehr schnell und effizient aus der Welt geschafft werden können. In Zukunft sollen die beiderseitigen Kontakte sogar noch intensiviert werden. Das ist ein gutes Omen für den Ökumenischen Kirchentag. Wer weiß: Vielleicht werden von München doch mehr Impulse ausgehen, als manche es sich derzeit träumen lassen. Denn der Geist weht bekanntlich, wo er will.

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