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Wo die Kirchen einander vertrauen

Mag es auf Weltebene Probleme in der Ökumene geben, in Österreich ist das Verhältnis der Kirchen untereinander weitgehend ungetrübt: Der "Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich" feierte sein 50-jähriges Bestehen" .

Das Klima zwischen den Kirchen ist legendär. Wenn Friedrich Hebbels berühmtes Bonmot, nach dem in Österreichs kleiner Welt die große ihre Probe hält, stimmt, dann müsste die Ökumene im Land als besonders glückliches Beispiel dafür gelten: Nirgendwo sonst auf der Welt etwa haben sich alle Kirchen bereitgefunden, ein gemeinsames Dokument zu Sozialfragen vorzulegen. Das Ökumenische Sozialwort aus dem Jahr 2003, in dem sich Christen der westlichen - katholisch, protestantisch, anglikanisch - und der östlichen Tradition einen gemeinsamen gesellschaftspolitischen "Kompass" erarbeitet haben, ist weltweit einzigartig.

Die Uhren gehen anders

Dies ist nur eines von vielen, oft im Verborgenen blühenden Pflänzchen, die der Ökumenische Rat der Kirchen Österreichs ÖRKO hervorgebracht hat, der dieser Tage sein 50-jähriges Bestehen feierte (vgl. dazu Heinz Nußbaumer auf Seite 10). Als "großartige Gemeinschaft" charakterisiert auch Herwig Sturm, lutherischer Altbischof und derzeitiger ÖRKÖ-Vorsitzender, die heimische Ökumene-Lage. Ein Kontrapunkt zur Welt-Ökumene, denn dort waren sich die Kirchen einander schon näher, als sie es heute sind: Zwischen Rom und den Protestanten waren die Zeiten schon besser, auch zwischen Protestanten und Orthodoxen kracht es im weltweiten Ökumenischen Rat der Kirchen ebenso wie in der Konferenz Europäischer Kirchen. Und die katholische Kirche ist in beiden ökumenischen Großorganisationen erst gar nicht Mitglied.

In Österreich gehen die Uhren anders. Hier ist seit 1994 auch die katholische Kirche mit im Boot und agiert - trotz zahlenmäßiger Dominanz - auf Augenhöhe mit den anderen Kirchen. ÖRKÖ-Vorsitzender Herwig Sturm weist im FURCHE-Gespräch darauf hin, dass die Orthodoxie in Österreich mittlerweile eine markante Größe darstellt: Nur wenige wüssten, dass - vor allem wegen der Migration aus Serbien - die Orthodoxen die Evangelischen zahlenmäßig überholt haben.

1958 hatten sich in Österreich zunächst vier Kirchen zum ÖRKÖ zusammengeschlossen - die Altkatholiken, die Evangelischen A.B. und H.B. sowie die Methodisten. Der erste große Schritt fand acht Jahre später statt, als die orthodoxen und altorientalischen Kirchen Österreichs Mitglieder wurden. Bei der katholischen Kirche dauerte es noch weitere 30 Jahre, obwohl sich das ökumenische Klima seit dem II. Vatikanum auch mit den Katholiken radikal entspannt hatte.

Sturm würdigt dabei insbesondere Kardinal König, der mit der Gründung der Stiftung "Pro Oriente" das Gespräch mit den Ostkirchen ebenso eröffnet hat wie durch die Gemischt-Katholisch-Evangelische Kommission, welche seit 1964 eine Reihe von strittigen Fragen zwischen Katholiken und Protestanten in Österreich angehen konnte. Sturm nennt da etwa die gegenseitige Anerkennung der Taufe, die Regelungen der gemischt-konfessionellen Ehen oder der ökumenischen Gottesdienste. Auf diese Weise ist Vertrauen gewachsen.

Das gewachsene Vertrauen

Ein Jubiläumsband (Titel: "Begegnung und Inspiration") zeichnet zum 50-Jahr-Jubiläum die Geschichte des ÖRKÖ nach und bietet eine Standortbestimmung aus der Feder prominenter Ökumeniker. Im Gegensatz zu den anderen Konfessionen ist die katholische Kirche in diesem Buch zwar mit gewichtigen Stimmen, darunter einem Beitrag der langjährigen ÖRKÖ-Vorsitzenden Christine Gleixner, nicht aber durch ein Bischofswort vertreten.

Herwig Sturm weist auch darauf hin, dass es mitunter glückliche Fügungen waren, durch welche die Ökumene in Österreich ihren hohen Stand erreichte: Ein historisches Projekt war da die Ökumenische Morgenfeier - seit 1968 eine halbe Stunde "ökumenischer Gottesdienst" jeden Sonntagmorgen auf Ö1 und weltweit eine der ersten ökumenischen Rundfunksendungen. Viele der Ökumeniker in Österreich lernten sich im Zuge dieser Sendung, die bis 1997 on air war, kennen und schätzen. Als zweites nennt Sturm die KSZE (die heutige OSZE), welche Wien im Kalten Krieg zu einem Brückenkopf zwischen Ost und West werden ließ.

Dass sich in den letzten Jahren auf Weltebene Spannungen zwischen den Konfessionen aufgebaut haben, bestreitet Sturm nicht. Er betont aber: "Der Stil, wie wir miteinander umgehen, jeden zu nehmen, wie er sich selber versteht: Daran ändert sich nichts!" Höchste Wertschätzung drückte sich auch letzten Mittwoch bei der Jubiläumsfeier in der Wiener Konzilsgedächtniskirche aus - Bundespräsident Heinz Fischer war ebenso gekommen wie Kardinal Schönborn und Colin Williams, der Generalsekretär der Konferenz Europäischer Kirchen.

Begegnung und Inspiration 50 Jahre Ökumene in Österreich

Hg. Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich. Verlag Styria, Wien 2008.

288 Seiten, geb. e 24,95

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