Synodaler Weg - © Foto: picturedesk.com / Action Press / Peter Back

Synodaler Weg in Deutschland: Auf Abwegen?

1945 1960 1980 2000 2020

Zielt der Synodale Weg in Deutschland tatsächlich auf "eine andere Gestalt von Kirche“, wie der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück meint? Eine Replik.

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Zielt der Synodale Weg in Deutschland tatsächlich auf "eine andere Gestalt von Kirche“, wie der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück meint? Eine Replik.

Der Vorwurf ist nicht neu, aber er wird seit der zweiten Plenarversammlung des Synodalen Wegs der katholischen Kirche in Deutschland in diesem Herbst lauter: dass dieser Prozess auf „eine andere Gestalt von Kirche“ ziele, wie der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück zuletzt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Protokoll gab. Eine Versammlung, in der die Bischöfe nur die eine Hälfte stellen und das gleiche Stimmrecht wie Laien besitzen, laufe auf eine „Halbierung der episkopalen Leitungskompetenz“ hinaus. Dem entspreche der ganze Reformansatz, indem er Strukturfragen vom Kerngeschäft der Kirche abkopple: der Arbeit an der Evangelisierung. Statt Initiativen gegen „die andauernde Versteppung des Glaubens“ in einem eigenen Synodalforum zu setzen, konzentriere man sich auf systemische Veränderungen.

Um diese Bedenken einordnen zu können, hilft ein Blick in die Entstehungsgeschichte des Synodalen Wegs. Für die Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Herbst 2018 war ein Studientag zum Thema „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) vorgesehen. Es sollten Herausforderungen und Möglichkeiten einer zeitgemäßen Rede von Gott diskutiert werden. Aber die Tagesordnung musste kurzfristig verändert werden. Die MHG-Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ lag inzwischen vor. Die Bischöfe mussten sich den schier unfassbaren Ausmaßen katholischer Missbrauchswirklichkeit stellen. Dazu wurde für die folgende Frühjahrsversammlung ein neuer Studientag anberaumt. Er stand unter dem Vorzeichen einer „Zäsur“, um Ursachen des Missbrauchskomplexes in den Blick zu nehmen und Konsequenzen zu ziehen. Daraus entstand der Synodale Weg. Er ist aus einer Not geboren: aus einer Krise, in der die katholische Kirche dramatisch an Glaubwürdigkeit verliert. Wenn die Kirche als Zeichen des Unheils statt des Heils wahrgenommen wird, geht es um ihre Identität.

Deshalb ist Evangelisierung kein Sonderthema des Synodalen Wegs, ausgegliedert in ein Forum. Es geht bei Strukturfragen um die Voraussetzungen, Menschen mit dem Evangelium in Kontakt zu bringen. Dafür bedarf es Beratungen und Entscheidungen im ganzen Volk Gottes, denn das apostolische Zeugnis ist an die Bischöfe gebunden, aber nicht auf sie beschränkt. Papst Franziskus hat entsprechend einen weltweiten synodalen Weg in Gang gesetzt, um „einen kirchlichen Prozess zu leben, an dem alle teilnehmen können und von dem niemand ausgeschlossen wird“ (Vorbereitungsdokument: „Auf dem Weg zu einer synodalen Kirche“) .

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