Thomas Sternberg - © Gerd Felder
Religion

"Gläubige erwarten klare Ergebnisse"

1945 1960 1980 2000 2020

Thomas Sternberg ist als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) so etwas wie der oberste Laie in Deutschlands katholischer Kirche. Er betont, der geplante „synodale Weg“ muss Vertrauen in die Kirche zurückgewinnen.

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Thomas Sternberg ist als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) so etwas wie der oberste Laie in Deutschlands katholischer Kirche. Er betont, der geplante „synodale Weg“ muss Vertrauen in die Kirche zurückgewinnen.

Das Gespräch führte Gerd Felder

Bei seiner jüngsten Vollversammlung hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) beschlossen, sich an dem von der Deutschen Bischofskonferenz vor dem Hintergrund des Missbrauchs­skandals geplanten „synodalen Weg“ zu beteiligen.

Wie soll dieser Gesprächs- und Reformprozess aussehen, welche Ziele hat er? Und was erhofft sich das ZdK davon? Darüber sprach die FURCHE mit dem ZdK-Präsidenten Thomas Sternberg.

Die Furche: Das ZdK will sich am „synodalen Weg“ beteiligen. Allerdings sind Zuständigkeiten, Rollenverständnisse, Entscheidungsbefugnisse sowie Geschäftsordnung und kirchenrechtlicher Status unklar. Ist das nicht ein großes Risiko?
Thomas Sternberg: Nein, denn das war genau die Voraussetzung unserer Zustimmung. Da wir alle noch nicht wissen, wie der synodale Weg genau aussehen wird, können wir gemeinsam mit den Bischö­fen nach Wegen und Lösungen suchen. Vielleicht muss man über eine Stufung der Beschluss-Umsetzung sprechen. Die Rahmenbedingungen müssen noch geklärt werden. Wichtig ist die Klausursitzung der „Gemeinsamen Konferenz“ im September, an der von beiden Seiten 20 statt wie üblich zehn Vertreter teilnehmen. Dort werden wir beraten, welche Rechtsform der synodale Weg bekommen soll. Das Problem ist, dass manche Rechtsformen sehr kompliziert sind und einer langwierigen Bestätigung durch den Vatikan bedürfen. Das wollen wir vermeiden.

Die Furche: Wäre es nicht klarer, einfacher und näher liegender gewesen, eine Synode zu veranstalten?
Sternberg: Eine Synode ist im Kirchenrecht inzwischen genau definiert. Sie ermöglicht kein wirkliches Miteinander von Bischöfen und Laien in dieser Dimension.­ In etlichen deutschen Bistümern hat es in den letzten Jahrzehnten Dialogforen und synodale Prozesse gegeben, die häufig nicht zu konkreten Reformen, sondern eher zu Frustration geführt haben. Das Motto, „Es ist gut, dass wir einmal dar­über gesprochen haben“, wird beim synodalen Weg nicht ausreichen. Das machen die Gläubigen nicht mit.

Die Furche: Kann der synodale Weg an den Dialogprozess anknüpfen, der vor ein paar Jahren von Bischofskonferenz und Zentralkomitee geführt wurde?
Sternberg: Der Dialogprozess war eine vertrauensbildende Maßnahme und ein Ermutigungsprozess, aber auch nicht mehr. Er war nicht auf Verbindlichkeit und Abstimmung angelegt. Es handelte sich nicht um ein Entscheidungsgremium. Man kann aber eben auch synodale Formen umsetzen, wie es jetzt Bischöfe und ZdK einstimmig wollen. Demokratische Formen werden in die Kirche deutlicher werden. Ich habe nie verstanden, woher die irrige Auffassung kommt, Kirche und Demokratie gingen nicht zusammen. Wie schon das Konklave beweist, in dem der Papst gewählt wird, ist die Kirche durchaus vereinbar mit demokratischen Verfahren, die sogar teilweise dort erfunden wurden.

Die Furche: Wie sollte also Ihrer Meinung nach die kirchenrechtliche Form des synodalen Wegs beschaffen sein?
Sternberg: Das kann man nicht aus dem Ärmel schütteln, sondern muss jetzt gründlich geprüft werden. Da müssen Fachleute zugezogen werden, zumal es für den synodalen Weg kein Vorbild nach Kirchenrecht gibt. Es wäre eine völlige Überforderung, beim ersten Anlauf schon festlegen zu können, wie der synodale Weg im Detail aussieht. Vor allem muss die Frage geklärt werden, wie man damit umgeht, dass volle Einstimmigkeit immer und überall nicht zu erreichen ist. Damit stellt sich das Problem der Durchsetzbarkeit von Mehrheitsbeschlüssen. Nach derzeitigem Stand des Kirchenrechts muss ohnehin jeder Beschluss vom jeweiligen Ortsbischof in Kraft gesetzt werden.

Die Furche: Wie lange soll er dauern, und wie soll er ablaufen? Um welche Themen wird es gehen?
Sternberg: Der synodale Weg sollte nicht viel länger als zwei Jahre dauern, er darf kein Endlos-Prozess sein. Ob er dann auf irgendeine Weise eine dauerhafte Fortsetzung findet, steht auf einem ganz anderen Blatt. Inhaltlich befassen wir uns mit den Themenblöcken, die in der sogenannten MHG-Studie, die die Bischöfe in Auftrag gegeben hatten, als strukturelle Ursachen des Missbrauchs herausgearbeitet wurden. Wir werden uns vorbereitend an drei Foren zu den Themen Macht/Partizipation/Gewaltenteilung, Sexualmoral und priesterliche Lebensform beteiligen. Einen eigenen, zusätzlichen Themenblock wird es darüber hinaus zum Zugang von Frauen zu Ämtern und Diensten geben. Die Art der Durchfüh­rung des Prozesses ist noch völlig offen.

Das Motto, „Es ist gut, dass wir einmal darüber gesprochen haben“, wird beim synodalen Weg nicht ausreichen. Das machen die Gläubigen nicht mehr mit.

Die Furche: Ist der Prozess ergebnis­offen?
Sternberg: Es gibt vorab noch keine genauen Festlegungen. Eine Fixierung auf die deutsche Situation wird es nicht geben, denn wir sind nicht autonom und sicher keine „deutsche Kirche“. Es gibt auch Fragen und Themen, die wir in Deutschland nicht lösen können, sondern über die gesamtkirchlich entschieden werden muss, die aber als Votum der Kirche in Deutschland definiert und weitergegeben werden können. Eine spannende Frage ist für mich, wie viel Selbständigkeit künftig einem Land oder auch einem Kontinent zugestanden wird. Beispielsweise werden grundlegende Fragen der Ämter gesamtkirchlich geregelt.

Die Furche: Droht aber da nicht am Ende wieder eine große Enttäuschung bei vielen im ZdK und weit darüber hinaus?
Sternberg: Ich bemühe mich darum, dass wir nicht Hoffnungen wecken, die zu hoch gesteckt sind und die am Ende nicht eingelöst werden können. Eines ist gewiss: Die Gläubigen wollen klare Ergebnisse sehen. Der Gesprächsverlauf als solcher reicht nicht. Vielleicht gibt es aber auch ein Ergebnis, in dem festgehalten wird: Die Kirche in Deutschland setzt sich nachdrücklich dafür ein, dass zum Beispiel endlich Frau­en zu Weiheämtern zugelassen werden.

Die Furche: Umgekehrt: Je nachdem, wie weitreichend die Beschlüsse sein werden, wird es bei konservativen, traditionsbewussten Katholiken Enttäuschung geben. Sollten deshalb noch andere kirchliche Gruppierungen in den synodalen Prozess einbezogen werden, wie zum Beispiel „Wir sind Kirche“ oder das „Forum deutscher Katholiken“?
Sternberg: Sehr unterschiedliche Richtun­gen werden durch das ZdK abgedeckt. Das Zentralkomitee bildet den deutschen Katho­-
lizismus in seiner ganzen Breite ab. Bei uns sind die Positionen, Meinungen und Strömungen repräsentiert, auch wenn es Gruppierungen gibt, die aus unterschiedlichen Gründen nicht vertreten sein wollen.

Die Furche: Von Bischöfen wie dem Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki oder dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer gab es zuletzt massive Kritik am synodalen Weg und den damit verbundenen Forderungen. Sind das gute Voraussetzungen?
Sternberg: Bei der Vollversammlung der Bischofskonferenz im März haben 62 Bischöfe dem synodalen Weg zugestimmt – bei vier Enthaltungen. Das ist nach allen demokratischen Verfahren einstimmig. Wenn jetzt Einzelne zur Beruhigung ihrer Klientel scharfe Kritik hinterher schicken, ändert das nichts an der von ihnen getroffenen Entscheidung. Einlassungen Einzelner sollen da nicht zu Irritationen führen.

Die Furche: Ausgangspunkt der Überlegungen, die zum synodalen Weg geführt haben, war die Missbrauchskrise in der katholischen Kirche. Wie beurteilen Sie das Vorgehen von Papst Franziskus dabei?
Sternberg: Die römische Kinderschutz-Konferenz im Februar hat viel negative Bewertung erfahren, vor allem in Deutschland. Das war so nicht richtig. Vielmehr hat der Papst durch diese Konferenz das Thema „Missbrauch“ weltweit auf die kirchliche Agenda gebracht und Voraussetzungen für klare rechtliche Regelungen geschaffen. Und dass es damals keine Beschlüsse gab, lag an der Art der Versammlung. Papst Franziskus hat den „Verrat am Vertrauen der Gläubigen“ mit deutlichen Worten angeprangert. Er ist auf kein Land, keinen Kulturkreis und keinen Kontinent begrenzt, sondern global. Bis in die obersten Ränge der Kirche ist die Erschütterung über den Skandal des Missbrauchs angekommen, und die Bischofskonferenzen beschäftigen sich damit. Handfestes Ergebnis des Gipfels war das jüngste Motu proprio des Papstes, mit dem er die Kirchenrechtsnormen im Kampf gegen den Missbrauch verschärft hat. Bei uns in Deutschland wird gelegentlich so getan, als wäre noch nichts passiert. Es geschieht jedoch bereits eine Menge für Prävention, Opferschutz und Aufarbeitung. Wir müssen uns als Laien vor Selbstgerechtigkeit hüten, denn der Skandal des Missbrauchs durch Ausnutzen von Autorität und Macht ist natürlich nicht auf den Klerus beschränkt!

Die Furche: Oberstes Ziel des synodalen Wegs ist es, Vertrauen zurückzugewinnen?
Sternberg: Ja, oberstes Ziel ist die Zurückgewinnung des Vertrauens und der Glaubwürdigkeit der Kirche. Nichts ist schwerer, und es gibt einen riesigen Vertrauensverlust, aber wir haben keine Wahl und tun das als und für die Kirche. Wenn wir das Missbrauchsgeschehen mit aller Schonungslosigkeit, Offenheit und Genauigkeit aufklären, neue Formen der Schuld­anerkennung und Vergebung entwickeln, gute Präventionsarbeit betreiben und die Verletzungen der Opfer in den Mittelpunkt stellen, dann können wir vielleicht ein Vertrauen zurückgewinnen, das es uns erlaubt, glaubwürdig gegen empörende Formen von Missbrauch, Prostitution und Ausbeutung weltweit vorzugehen.

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Das Gespräch führte Gerd Felder