Reformstau und Friedhofsruhe

Vor fünf Jahren - vom 23. bis 26. Oktober 1998 - fand in Salzburg die Delegiertenversammlung zum "Dialog für Österreich" statt. Die Chancen dieses "Dialogs" wurden aber längst zunichte gemacht. Zorniges Fazit eines damals intensiv Beteiligten.

Als vor fünf Jahren in Salzburg knapp 300, von den Bischöfen handverlesene Delegierte zum "Dialog für Österreich" zusammenkamen, befand sich Österreichs katholische Kirche in ihrer tiefsten inneren Krise: Rom hatte in den späten 80er und frühen 90er Jahren durch konservative Bischofsernennungen den nachkonziliaren Aufbruch "von oben" zu lähmen begonnen. Und Anfang 1998 hatte die neu aufgebrochene Affäre Groër nicht nur einen öffentlichen Vertrauensschwund in die katholische Kirche zur Folge, sondern auch Frustration und Resignation unter vielen aktiven Katholiken.

Die Not der Stunde führte aber zu einer eigenen Dynamik, die noch einmal Hoffnung aufkommen ließ: Johann Weber, damals Vorsitzender der Bischofskonferenz, konnte überzeugt werden (und überzeugte seinerseits die Mehrheit seiner Amtsbrüder), dass im "Dialog für Österreich" alle Fragen, die die Katholiken des Landes umtrieben, angesprochen werden mussten, darunter viele Themen, die in der Nachkonzilskirche seit Jahren auf der Agenda gestanden waren - auch "heiße Eisen" wie die Mitwirkung der Ortskirche an Bischofsbestellungen, Sakramentenzulassung für wiederverheiratete Geschiedene, Diskussion des Pflichtzölibats, neuer Umgang mit der Sexualität, Frauendiakonat, Aufwertung von Laien in der Kirche und ähnliches.

Es gelang damals - unter wesentlicher Mitarbeit der Katholischen Aktion - die innerkirchliche Diskussion dieser Themen so zu öffnen, dass die Kirchenvolks-Begehrer ebenso wie konservative Bewegungen mitmachten. Die Delegierten in Salzburg stimmten über "Voten" zu den einzelnen Themen ab, wobei auch bei den "heißen Eisen" nicht allzu radikale, aber klare Wünsche mit jeweils überwältigenden Mehrheiten der - wie gesagt: handverlesenen - Delegierten den anwesenden Bischöfen mitgegeben wurden.

Was im Oktober 1998 in Salzburg geschah, war der letzte österreichweite Versuch, Kirchenreformen in Fortführung des II. Vatikanums einzumahnen. Dieser Versuch muss als gescheitert betrachtet werden: Teilweise liegt das daran, dass die Voten von Salzburg (zum Frauendiakonat, zur Weihe bewährter verheirateter Männer zu Priestern, zu den wiederverheirateten Geschiedenen) von den Bischöfen nicht direkt weiterverfolgt werden konnten, weil sie in der Kompetenz Roms liegen. Aber die Bischofskonferenz als Ganze fasste keines der "heißen Eisen" an; so war es wenig erstaunlich, dass Aufbruchsstimmung, wie sie in Salzburg noch einmal aufflackerte, bald der Resignation oder einer Indifferenz wich.

Das Fazit eines intensiv Beteiligten lautet fünf Jahre später:

* Nach 1998 kann von einer breiten österreichweit sichtbaren Kirche keine Rede mehr sein; wohl gab und gibt es in den einzelnen Diözesen vitale und interessante Ansätze, aber österreichweit ist die Kirche so wenig präsent wie noch nie (und wenn es die Caritas nicht gäbe, fiele die Diagnose noch verheerender aus).

* Die Langzeitprobleme der Kirche in Österreich verschärften sich weiter: die Not der Gemeinden wegen Priestermangel nimmt riesige Ausmaße an; Ansätze, die in Salzburg angedacht wurden (etwa: Änderung der Zölibatsverpflichtung) wurden - auch wegen des gesamtkirchlichen Reformstillstandes - von der Kirchenleitung nicht weiterverfolgt.

* Es gab weder von Seiten der Laien, schon gar nicht seitens der Bischöfe sichtbare Zeichen der Vernetzung auch über Österreich hinaus, um die beim "Dialog für Österreich" geäußerten Anliegen breiter - und damit erfolgreicher - in einen gesamtkirchlichen Denk-Prozess einzubringen.

* Zusammenfassend ist festzustellen, dass mit dem Ende des "Dialogs" die (Nach-)Konzilsgeneration in Österreichs Kirche endgültig marginalisiert wurde; der darauf folgende Rückzug in innere Emigration oder andere Gesellschaftsbereiche hinterlässt ein intellektuelles Vakuum und innerkirchliche Friedhofsruhe, die für die Zukunft der katholischen Kirche mehr als gefährlich sind.

Vielleicht sollte man nicht unbescheiden sein, denn einer der Wünsche von Salzburg wird doch verwirklicht: Ende November soll das von den Delegierten angeregte Ökumenische Sozialwort der Kirchen erscheinen. Das ist ein positives, aber auch ambivalentes Zeichen: in - innerkirchlich "ungefährlichen" - Sozialfragen gibt es, Gott sei Dank, am ehesten Bewegung.

Dass aber angesichts der - vor und seit fünf Jahren - verpassten Chancen, der Blick auf den "Dialog für Österreich" auch ein Blick im Zorn ist, sollte niemanden wundern.

Der Autor war 1998 Vizepräsident der Kath. Aktion Österreich und Ko-Autor des Arbeitsdokuments zur Salzburger Delegiertenversammlung.

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