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Es geht um die Glaubwürdigkeit

Der „Dialog für Österreich“ war ein vorerst letzter Versuch, Kirche in gemeinsamer Verantwortung zu gestalten.

Der „Dialog für Österreich“ vor zehn Jahren stellte in zweierlei Hinsicht eine Chance dar: Erstens galt es zu demonstrieren, dass die Umsetzung des Evangeliums in die heutige Kirchenpraxis nicht nur „von oben“ verordnet werden kann, sondern im Sinne des „Priestertums aller Gläubigen“ gemeinsam mit dem Kirchenvolk erarbeitet werden muss. Etwas von diesem Geist des gemeinsamen Ringens um eine evangeliums- und zeitgerechte Praxis, aus Verantwortung für die Kirche und die Erhaltung lebendiger Gemeinden, war bei dieser Versammlung spürbar.

Auch wenn es unumstritten ist, dass die Kirche nicht einfach eine Demokratie ist, in der Mehrheiten über die Wahrheit entscheiden, so ist der „consensus fidei“ doch Bestandteil alter kirchlicher Tradition. Insofern waren Voten bei der Delegiertenversammlung ein deutlicher Ausdruck dessen, was Verantwortliche im Kernbereich unserer Kirche für richtig und notwendig halten.

Eine ungenutzte Chance

Leider wurde diese Chance, Kirche in von Kirchenleitung und Kirchenvolk gemeinsam wahrgenommener Verantwortung zu gestalten, über das punktuelle Ereignis hinaus nicht genutzt. Die von einer großen Mehrheit unterstützten Anliegen wurden von der Kirchenleitung nicht weiter verfolgt, sondern schubladisiert, und auch weiterhin werden brennende Fragen etwa der Zulassungsbedingungen zum Weiheamt oder der Empfängnisregelung einsam „von oben“ beantwortet, statt auf die besorgte Stimme von weiten Teilen des Kirchenvolkes zu hören.

Noch schwerer wiegt das Versäumen der Chance, sich mit den von der Delegiertenversammlung mit großer Mehrheit erhobenen Forderungen einer Kirchenreform theologisch auseinanderzusetzen. Dabei wurde und wird bis heute oft die Unterstellung geäußert, dass es sich bei den Anliegen der Kirchenreform um zweit- oder drittrangige Randfragen handle, die mit dem Glauben an Gott und dem Wesen des Christentums nichts zu tun hätten. In Wirklichkeit zeigt aber ein Blick auf die konkrete Struktur und das Erscheinungsbild unserer Kirche, dass sie in einigen Bereichen wesentliche Anliegen der Botschaft des Evangeliums nicht umsetzt. Es steht also ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Letztlich geht es um die Kernfrage: Wie ernst nimmt die Kirche ihre eigene Botschaft?

Sie lebt in ihrer „Körpersprache“ oft das Gegenteil von dem, was sie predigt und von anderen einfordert:

Sie predigt einen Gott, der die Menschen aufrichtet und ermutigt – und unterdrückt selbst Mitsprache aller Gläubigen.

Sie predigt einen Gott, der für die gleiche Würde aller Menschen, auch von Mann und Frau eintritt – und schließt selbst Menschen nur wegen ihres weiblichen Geschlechts von Weiheämtern aus.

Die eigene Botschaft ernstnehmen!

Sie predigt einen Gott, der die Menschen zur Gemeinschaft zusammenführt (mit der Eucharistie im Zentrum) und Menschen zum priesterlichen Dienst beruft – und schließt selbst verheiratete Menschen von diesem Dienst aus.

Sie predigt einen Gott, der den Menschen mit Körper und Sexualität geschaffen und gutgeheißen hat – und ist selbst immer noch sehr skeptisch gegenüber einer Sexualität, die nicht zu allererst der Zeugung von Nachkommenschaft dient.

Sie predigt einen Gott, dem Arme, an den Rand Gedrängte und schuldig Gewordene ganz besonders am Herzen liegen – und begegnet in ihren eigenen Reihen Menschen in schwierigen Lebenssituationen, die einen neuen Anfang wagen wollen, oft mit Härte (wiederverheiratete Geschiedene, verheiratete Priester ohne Amt).

Durch diese Widersprüche nimmt sich die Kirche selbst viel von ihrer Glaubwürdigkeit. Es geht daher bei den Anliegen der Kirchenreform keineswegs um Randfragen, reine Strukturfragen, die man beliebig ändern kann oder auch nicht. Es geht auch nicht um den raschen Erfolg („wieder mehr Menschen in die Kirche“). Schon gar nicht geht es um Forderungen der Moderne, des „liberalen Westens“. Nicht die Anpassung an den Zeitgeist ist angesagt, sondern die Anpassung an den Evangeliumsgeist; nicht Modernisierung, sondern Evangelisierung. Der Eindruck zeitgeistiger Anliegen konnte nur dadurch entstehen, dass diese „entlaufenen Kinder“ des Christentums in der weltlich-demokratischen Gesellschaft mehr umgesetzt haben als in der Kirche selbst. Und nun klopfen sie von außen an deren Türe und bitten um Einlass.

Der Autor ist Landesschulinspektor in Tirol. Er initiierte 1995 das Kirchenvolks-Begehren.

„Nicht die Anpassung an den Zeitgeist ist angesagt, sondern die Anpassung an den Evangeliumsgeist; nicht Modernisierung, sondern Evangelisierung.“

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