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Der Schatten des Vorgängers

George Weigel und die (neo)konservative Interpretation des gegenwärtigen Pontifikats.

Was macht einen Autor, was macht ein Buch zum ,Klassiker'? Fachliche Kompetenz, gepaart mit sprachlicher Eleganz und einem gewissen stilistischen Esprit sind zweifellos unabdingbare Ingredienzien des Klassikers. Unterschätzt wird - gerade im Bereich der ereignisbezogenen Fachbücher - zumeist der Faktor des richtigen "Timing". Auch das muss nämlich exakt stimmen, um ein Buch nicht nur auf einer Buchmesse erfolgreich anpreisen zu können, sondern über einen langen Zeitraum gute Absatzzahlen zu erreichen.

Der amerikanische Theologe und Publizist George Weigel hat von allem etwas. Dafür spricht neben dem Erfolg seines wohl bekanntesten Buches, der Biografie Johannes Pauls II., Zeuge der Hoffnung, auch der Erfolg seines 2006 auf deutsch erschienenen biografisch-theologischen Werkes Das Projekt Benedikt. Der neue Papst und die globale Perspektive der katholischen Kirche. Dass es wohltuend aus der Flut der Benedikt-Literatur heraussticht, hat dabei nicht nur mit der Aura des "Vatikan-Insiders" zu tun, die Weigel seit einigen Jahren umgibt, sondern vielmehr mit der Seriosität und Unaufgeregtheit, mit der Weigel sein Wissen im Gegensatz zu vielen anderen selbst ernannten "Insidern" präsentiert und in einen geregelten, wohldosierten Erzählfluss webt. Kurz gesagt: sein Buch zählt sicherlich zu den fundiertesten und wohlinformiertesten nicht-theologischen Werken über Papst Benedikt XVI., über die Vorgeschichte der Papstwahl, über seine theologischen Anliegen sowie über die weltkirchlichen Herausforderungen, vor die er sich in seinem Pontifikat gestellt sieht.

"Projekt Johannes Paul II."

Dabei lässt Weigels sein Projekt Benedikt eigentlich erst auf Seite 165, und damit exakt zur Hälfte des Buches beginnen. Das vielen noch im Ohr klingende "Habemus Papam!" findet sich nicht am Anfang, sondern bereits inmitten einer Gesamterzählung, die zur Hälfte von Johannes Paul II. bestimmt ist. Selbst vor dem Hintergrund, dass Weigel den Großteil seines bisherigen literarischen Schaffens der Person Johannes Pauls II. gewidmet hat, so ist in dieser Tatsache doch mehr als nur eine Reminiszenz an den verstorbenen Papst zu sehen. Weigel diktiert dem Leser vielmehr einen fundamentalen interpretatorische Schlüssel, der lautet: Wie auch immer Benedikt sich positionieren mag, wie auch immer er sich bemühen wird, eigene Akzente zu setzen, immer wird sein Pontifikat im Schatten seines Vorgängers stehen, immer wird es dieser lange Schatten Johannes Pauls II. sein, der das Projekt Benedikt überragt.

Vor diesem Hintergrund erscheint das "Projekt Benedikt" als Fortsetzung des "Projekt JPII" - ein laut Weigel wahrlich umfassendes Programm, in dessen Zentrum der "Aufruf zur Erneuerung der Kultur, der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft aus christlichem Geist" stehe. Dass Benedikt zur Umsetzung dieses Projekts geeignet ist wie kein zweiter, macht Weigel durch den dezenten Hinweis auf dessen Lesart des "Aggiornamento", des zentralen Schlagwortes der Erneuerung und des Türen-Öffnens des 2. Vatikanischen Konzils, deutlich. So trage auch Benedikt das Konzil weiter, jedoch könne der Umbau der Kirche, die Reform nur als gleichzeitiges "Ressourcement", als Rückführung zu den Quellen des Glaubens, zur Tradition, gelingen. Sinnfällig sei dieses Programm des "Aggiornamento als Ressourcement" bei der Wahl seines Papstnamens geworden, so Weigel: Indem der neue Papst den heiligen Benedikt zum Namenspatron wählte, habe er sich bewusst in die Tradition des Mönchtums gestellt, welches für Weigel das Sinnbild des Fackelträgers von Vernunft, Hoffnung und Glaube in dunklen Zeiten ist.

Kirche in der Postmoderne

Konturen gewinnt das titelgebende Projekt Benedikt daher vor allem im letzten Teil des Buches, in dem Weigel die Herausforderungen an die Kirche "in postmoderner Zeit" beschreibt. Es ist dies eine Zeit, wie Weigel treffend feststellt, in der sich eine dramatische Verschiebung des Christentums auf die Südhalbkugel vollzogen hat, die mit einem weiteren, unabsehbaren Abschmelzen der Katholizität insbesondere in Europa, dem "historischen Zentrum des katholischen Glaubens", einhergeht. In dieser Situation wird es an Europa liegen, eine neue christliche Stimme "jenseits der Stille" zu finden, so Weigel, um dem grassierenden, mit dem Glaubensverfall einhergehenden moralischen Werteverfall entgegenzutreten. Aber auch praktische Aufgaben warten auf den neuen Papst. Vor allem sei eine Reform der vatikanischen Diplomatie um so dringlicher geboten, je mehr die Welt die Kirche brauche, "um die Würde des Menschen als Fundament jeder, auch internationaler Politik adäquat durchzusetzen". Es liege daher an Benedikt, die Kirche auch politisch zu jenem Global Player zu machen, der sie als moralische Instanz längst ist.

Wie gesagt, das Buch hat "das Zeug" zum Klassiker. Als umfassende Einführung in die Vatikanische Weltsicht empfiehlt es sich ebenso wie als lebendiger Rückblick auf das Pontifikat Johannes Pauls II. und den Amtsantritt Benedikts XVI. Dennoch sollte man sich bewusst machen, wes Geistes Kind es ist, gehört George Weigel doch zu den führenden konservativen Intellektuellen Amerikas. Als solcher ist er mehr als "nur" Autor, er ist Stichwortgeber zur geistigen Situation der Zeit.

Schreckenskabinett Europa

So sei an seinen Auftritt bei einer Internationalen Tagung in Wien vor einem Jahr erinnert, bei der er den Anwesenden kräftig die europäischen Leviten las und sie auf einen Wertkonservativismus einschwor, wie er sich von der politischen Rechten mittlerweile bis weit in die bürgerliche Mitte vorgearbeitet hat. Sprachlich ausgefeilt präsentierte Weigel damals nahezu sämtliche Thesen aus dem zeitdiagnostischen Schreckenskabinett eines moralisch und geistig erlahmenden Europa: Er prognostizierte den "demografischen Selbstmord" Europas, warnte angesichts der gescheiterten Aufnahme des Gottesbezugs in eine europäische Verfassung vor dem "Verlust der christlichen Wurzeln Europas" und sah stattdessen einen "hedonistischen Säkularismus" am Horizont aufkeimen. Natürlich durfte auch die "Diktatur des Relativismus" und die Gefahr der Islamisierung Europas ("Eurabia") nicht fehlen. Allesamt Stichwörter, die im Übrigen auch im vorliegenden Buch zur Sprache kommen.

So findet man dort beispielsweise auch die klassisch-konservative Kausalverkettung, dass der Rückgang der Geburtenrate in Europa Hand in Hand gehe mit dem Glaubensverlust: "Der Abfall in Europa vom Gott der Bibel hat zu einer weitverbreiteten Nichtachtung des ersten göttlichen Gebotes in der Heiligen Schrift geführt: ,Seid fruchtbar und mehret euch' (Gen 1,28)." Dass die Geburtenrate in Polen, dem katholischen Vorzeigeland Europas, noch niedriger liegt als in Österreich, sei in diesem Zusammenhang jedoch nur am Rande bemerkt.

Das Projekt Benedikt (God's Choice)

Der neue Papst und die globale Perspektive der katholischen Kirche

Von George Weigel

Pattloch-Verlag, München 2006 336 Seiten, geb., € 20,50

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