past Assis - ©  APA / AFP / Vatican Media / Handout - 3. Oktober 2020: Papst Franziskus unterzeichnet am Grab des hl. Franziskus in Assisi die neue Enzyklika
Religion

Enzyklika "Fratelli Tutti": Ethik des barmherzigen Samariters

1945 1960 1980 2000 2020

„Fratelli tutti“ II: In seiner neuen Sozialenzyklika blickt Papst Franziskus auf die Welt unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Verwerfungen, die die Corona-Pandemie nicht verursacht, aber zugespitzt hat.

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„Fratelli tutti“ II: In seiner neuen Sozialenzyklika blickt Papst Franziskus auf die Welt unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Verwerfungen, die die Corona-Pandemie nicht verursacht, aber zugespitzt hat.

„Ignatius von Assisi“ hat Rudolf Mitlöhner seinerzeit den neuen Papst genannt, den ersten aus dem Jesui­tenorden, der, auch das ein Novum, den Namen des italienischen Nationalheiligen wählte. Was Wunder, dass seine erste Sozialenzyklika Laudato si’ (2015), die schnell als „Öko-Enzyklika“ etikettiert wurde, vom Sonnengesang des Poverellos inspiriert war. Nun hat Franziskus am vergangenen Samstag – wo sonst? – in Assisi seine zweite Sozialenzyklika unterschrieben, die tags darauf veröffent­licht wurde, verfasst unter dem Eindruck der politischen, sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die die Corona-Pandemie nicht verursacht, aber aufgedeckt oder zugespitzt hat.

Nachdem vor einigen Wochen der Titel des neuen Lehrschreibens bekanntgegeben wurde und hierzulande heftige (aus meiner Sicht: hysterische) Debatten über Fratelli tutti aufkamen und Andrea Tornielli aus dem Vatikan erklären musste, dass es sich um inklusive Rede- und Schreibweise handle, darf man jetzt über den deutschen Untertitel nicht überrascht sein: „Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“. Mit der Anrede „Fratelli tutti“ hatte sich Franz von Assisi seinerzeit „an alle Brüder und Schwestern“ gewandt, „um ihnen eine dem Evangelium gemäße Lebensweise darzulegen“ (Nr. 1).

Fragen kann man, warum eine Enzyklika heute so beginnen muss. Aber das ist ein rein deutschsprachiges Problem, auch wenn der Papst in puncto Gendersensibilität gewiss Lernbedarf hat.

Von Al-Tayyeb bis Karl Rahner

Hat Franziskus 2015 beim orthodoxen Patriarchen Bartholomaios Inspiration gefunden, erwähnt er diesmal ausdrücklich – und zwar gleich vier Mal – den ägyptischen Großimam Ahmad Al-Tayyeb. Als sie sich im Februar 2019 in Abu Dhabi begegneten, unterzeichneten sie dort ein vielbeachtetes „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“, auf das Franziskus wiederholt zu sprechen kommt. Ganz am Ende erwähnt er (nach Franz von Assisi), dass er sich diesmal auch „von nichtkatholischen Brüdern (habe) inspirieren lassen: Martin Luther King, Desmond Tutu, Mahatma Gandhi und viele andere.“ Und er verweist auf den „Weg der Verwandlung“, den der Priester und Eremit Charles de Foucauld gegangen ist (Nr. 286).

Enzykliken vertiefen und führen weiter, was ein Papst auch sonst sagt und schreibt. So kann es nicht verwundern, dass er, neben seinen Vorgängern Pius XI., Johannes XXIII., Johannes Paul II. und Benedikt XVI., zitiert, was er selbst bei verschiedenen Gelegenheiten vor dem Diplomatischen Korps, der Römischen Kurie, auf Reisen vor Vertretern des politischen und gesellschaftlichen Lebens, vor dem Europaparlament in Straßburg, vor der UNO gesagt oder in Videobotschaften mitgeteilt hat.

Wieder sind eine ganze Reihe von Bischofskonferenzen zitiert – der Papst beginnt nicht bei Null, er nimmt zur Kenntnis, was andere sagen. Interessant ist auch, dass er zeitgenössische Autoren erwähnt: Georg Simmel, Gabriel Marcel, Paul Ricœur oder Karl Rahner SJ (aus dessen Predigt „Bilanz von Neujahr“ von 1954); aber auch zwei lebende Jesuiten, nämlich Antonio Spadaro und Jaime Hoyos-Vásquez. Drei Mal wird auf den Film von Wim Wenders, „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ (2018), Bezug genommen: „Die Welt braucht Hoffnung“.

Was dem Papst unter den Nägeln brennt

Fratelli tutti kommt oft auf Laudato si’ zurück und auf das Apostolische Schreiben Evangelii gaudium. Wie schon 2013 kritisiert Franziskus auch hier die Trickle-down-Theorie, nach der vor allem das Wirtschaftswachstum Wohlstand auch in sozial schwache Schichten bringen würde, und er verweist zusätzlich „auf die magische Vorstellung des Spillover“ als exklusive „Wege zur gesellschaftlichen Lösung der Probleme“ (Nr. 168). Er erinnert an die Finanzkrise 2007/08 und deren fatale Folgen (Nr. 170): Ob wir daraus gelernt haben?

Migration, Fremdenfeindlichkeit, Natio­nalismen, Populismus, Rassismus, Hassgruppen im Netz, soziale Aggressivität auf Mobilgeräten, Wachtürme und Verteidigungsmauern, Globalisierung der Gleichgültigkeit, die Mentalität der Wegwerf-Kultur, Relativismus, Religionsfreiheit: Diese Themen hat Franziskus auch anderswo schon berührt. Sie brennen ihm unter den Nägeln.