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Der Islam und die Proteste im Iran

FOKUS
Iran I - © APA/AFP/UGC -  Protestierende auf dem Weg nach Saqquz, wo die am 16.9. im Polizeigewahrsam verstorbene Mahsa Amini begraben wurde.

Iran: Aufstand - auch gegen den Islam

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Die Gewalt im Iran basiert auf dem Islam. Auch wenn dessen westliche Apologeten das nicht wahrhaben wollen: Die Proteste richten sich auch gegen die Religion.

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Die Gewalt im Iran basiert auf dem Islam. Auch wenn dessen westliche Apologeten das nicht wahrhaben wollen: Die Proteste richten sich auch gegen die Religion.

Im Iran übernahm der politische Islam erstmals die Macht. Er wird irgendwann auch hier sein Ende beginnen, allerdings noch nicht jetzt. Vierzig Jahre real existierende Islamische Republik haben gezeigt, dass der Islam keine funktionierende Alternative zum modernen Verfassungs- und Verwaltungsstaat besitzt. Dennoch sind Nachrufe verfrüht, da zum einen die Machthaber sich zu äußerster Gewalt berufen fühlen und zum anderen ihre Gegner keine Sprache für ihre Forderung nach einem anständigen Leben haben. Das hat auch mit dem naiven westlichen Umgang mit dem Islam zu tun.

„Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“– So betitelte die deutsche Satirezeitschrift Titanic einst das Bild eines lächelnden Führers. An diesen Titel musste ich denken, als ich das Interview mit dem emeritierten Schweizer Orientalisten Reinhard Schulze in der FURCHE 49/2022 las. Nach einer Exegese des iranischen Staatsmodells prophezeite er unheilschwanger: „Ich befürchte, man versucht, so etwas wie eine schleichende Diktatur zu errichten.“ Ihm schwane Böses, er sehe das existierende „Zweisäulenregime“ im Iran kurz vor dem Zusammenbruch. Auf der einen Seite „die zivile Gesellschaft, die durch die Regierung, ihre Ministerien und Behörden vertreten ist“ und auf der anderen Seite „die Ideologie Chameneis“, die nun die Oberhand zu gewinnen droht. Man sieht bereits das Titelbild der Titanic: „Furchtbare Vorstellung: Ist Khamenei Islamist?”

Chameini, Raissi & Co beim Wort nehmen

Es scheint, dass in der Tat eine ehrliche Auseinandersetzung mit der dem Islam heute so eigentümlichen Gewalt nur noch in Satirezeitungen möglich ist. Die Titanic hatte die im Westen verbreitete Neigung, diese klein zu reden, bereits 1989 persifliert. Auf einem krakeligen Titelbild zeigte sie ein Turban tragendes, von abgestochenen Haustieren umgebenes Kind: „Khomeini, der ewige Lausbub“. Wie seinerzeit Rudi Carrell für seinen BH-Sketch wurde die Zeitschrift damals natürlich von den Vertretern der Islamischen Republik bedroht und von deren westlichen Apologeten als „islamophob“ und „rassistisch“ angefeindet, ebenso wie man Salman Rushdie – nun schließlich fast erfolgreich – nach dem Leben trachtete, von Charlie Hebdo mal ganz zu schweigen.

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