Umberto Eco - © Foto: Getty Images  / Leonardo Cendamo

Umberto Eco: Muster von Verschwörungsmythen

1945 1960 1980 2000 2020

Wie Verschwörungsmythen gebaut sind und wie sie funktionieren: Erstaunlich bekannte und erschreckend gefährliche Muster entlarvte der Semiotiker und Schriftsteller Umberto Eco in jahrzehntelanger Forschungsarbeit und zahlreichen Publikationen.

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Wie Verschwörungsmythen gebaut sind und wie sie funktionieren: Erstaunlich bekannte und erschreckend gefährliche Muster entlarvte der Semiotiker und Schriftsteller Umberto Eco in jahrzehntelanger Forschungsarbeit und zahlreichen Publikationen.

Was hätte wohl Umberto Eco zu den gegenwärtigen Vorgängen geschrieben, der Professor für Semiotik und Autor des Kriminalromans „Der Name der Rose“, der zeitlebens den Mustern und Mechanismen von Verschwörungsmythen auf der Spur war? Die Social-Media-Kanäle hatten zu seinen Lebzeiten noch nicht die Wirkmächtigkeit von heute erreicht, doch Eco (1932–2016) sah die Gefahr auch im Internet von Anfang an. Er kannte sie aus seinen Studien von geschichtlichen Dokumenten, denn das „Verschwörungssyndrom ist so alt wie die Welt“. Er warnte davor in seinen Romanen, er warnte davor als Kommentator und Vortragender in seinen „Gelegenheitsschriften“, die gesammelt in zahlreichen Bänden auch auf Deutsch erschienen sind.

Für das Erdichten „bisweilen sogar weltumspannender Konspirationen, von denen es im Internet geradezu wimmelt“, so Umberto Eco etwa in seinem 2015 gehaltenen Vortrag „Komplotte, Verschwörungen und Konspirationen“, gelte dasselbe „wie für das Geheimnis, über das der Soziologe Georg Simmel geschrieben hat, dass es umso mächtiger und verlockender wird, je leerer es ist. Ein leeres Geheimnis erhebt sich drohend und kann weder aufgedeckt noch widerlegt werden, und genau deshalb wird es zu einem Machtinstrument.“

Die Lust am Komplott

Auf die Frage, warum Verschwörungsmythen dermaßen faszinieren, kann man mit Pier Paolo Pasolini antworten, dass sie von der Last befreien, sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. Eco zitiert Frédéric Lordons Hypothese, „das Verschwörungssyndrom sei die Reaktion einer Bevölkerung, die gerne begreifen würde, was gerade passiert, aber oft feststellen muss, dass ihr der Zugang zu umfänglicher Information verwehrt wird“. Richard Hofstadter meinte 1965 in seinem Buch „The Para­noid Style in American Politics“, „die Lust am Komplott sei nur zu erklären, wenn man die Kategorien der Psychiatrie auf das gesellschaftliche Denken anwende. Es handle sich um zwei Formen von Paranoia. Der klinisch kranke Paranoiker sehe die ganze Welt gegen seine Person verschworen, während der Sozialparanoiker der Ansicht sei, die Verfolgung durch geheime Mächte richte sich gegen seine Bezugsgruppe, seine Nation oder seine Religion.“

Umberto Eco greift diese Kategorien auf und fährt fort: „Ich halte den Sozialparanoiker für gefährlicher als den klinisch kranken Paranoiker, weil er seine Obsessionen von Millionen anderer Menschen geteilt sieht und den Eindruck hat, er handle uneigennützig gegen das Komplott.“

Dabei lenke aber jeder Verschwörungsmythos von den echten Bedrohungen ab, und es profitierten just „diejenigen Institutionen, auf die es die Verschwörungstheorie abgesehen hatte“. Eco nennt als Beispiel die Mutmaßungen und Mythen über den 11. September 2001: „wenn man sich vorstellt, Bush habe für den Einsturz der Twin Towers gesorgt, um den Irakkrieg zu rechtfertigen, bewegt man sich zwischen verschiedenen Halluzinationen und verzichtet darauf, die Techniken und wirklichen Gründe für Bushs Intervention im Irak zu analysieren und zu klären, welchen Einfluss die Neocons auf ihn und seine Politik gehabt haben“.

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