Hoffnungsträger John F. Kennedy

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DAS JAHR 2017 BRINGT DIE BEGEGNUNG MIT EINEM TRAGISCHEN "GÖTTERLIEBLING", DER VIELE MILLIONEN MENSCHEN IN ALLER WELT VERZAUBERT HAT: US-PRÄSIDENT KENNEDY WÄRE IM MAI 100 JAHRE ALT.

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DAS JAHR 2017 BRINGT DIE BEGEGNUNG MIT EINEM TRAGISCHEN "GÖTTERLIEBLING", DER VIELE MILLIONEN MENSCHEN IN ALLER WELT VERZAUBERT HAT: US-PRÄSIDENT KENNEDY WÄRE IM MAI 100 JAHRE ALT.

"Sie glauben doch nicht, dass Dallas Sie nicht liebt", rief Nelly Connally, Gattin des Gouverneurs von Texas, vom Beifahrersitz dem hinter ihr sitzenden John F. Kennedy zu. Und tatsächlich: Dicht gestaffelt säumten begeisterte Menschen den Straßenrand, als die Wagenkolonne mit dem weißen Cabriolet von der Elms Street in den Dealey Plaza einbog. In diesem Augenblick fiel der erste Schuss und der 35. US-Präsident sackte getroffen zusammen. Dann ein zweiter Schuss - vielleicht waren es auch noch weitere. Jacqueline Kennedy beugte sich zu ihrem Mann und sah entsetzt, wie Stückchen seines Schädels durch die Luft flogen.

Eine Stunde später war es offiziell: Der mächtigste Mann der freien Welt war tot, 46-jährig und nach nur zwei Jahren, zehn Monaten und zwei Tagen im Weißen Haus. Amerika fiel in einen tiefen Schock - und unzählige Millionen rund um den Globus in ratlose Trauer. Was an jenem 22. November 1963 ohne erkennbaren Sinn geschah und bis heute von ungezählten Vermutungen begleitet ist, gehört zu den mysteriösesten Momenten der Zeitgeschichte. Warum musste Kennedy so tragisch als unerfüllte Hoffnung enden? Er, der wie kein Zweiter die Sehnsucht nach einer anderen, gerechteren, geistgeprägten Zukunft verkörpert hatte.

Am 29. Mai 2017 wird die Welt einmal mehr seiner gedenken - an diesem Tag wäre der ewig junge "Götterliebling" unvorstellbare hundert Jahre alt.

Was von ihm geblieben ist? Zunächst sind es Bilder: Jack und die hübsche Jackie als ausgelassenes Paar am Atlantikstrand. Dann der eben gewählte Präsident bei seiner Angelobung, als einziger ohne Hut unter Zylinderträgern. Dann die Kinder bei ihren ersten Gehversuchen im "Oval Office". Dann Kennedy und Kreml-Chef Chruschtschow 1961 in der Wiener Hofburg. Dann Marilyn Monroe, seine heimliche Geliebte, "Happy Birthday, Mr. President" singend. Schließlich die blutbefleckte Präsidentengattin. Und die chaotische Angelobung des Nachfolgers Lyndon B. Johnson an Bord der "Air Force One".

Geblieben sind Zitate aus Kennedys Reden: "Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann; fragt, was ihr für euer Land tun könnt" zur Angelobung im Jänner 1961. Und: "Ich bin ein Berliner" im Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus. Und: "Es ist besser, man trifft sich auf einem Gipfel, als am Rande des Abgrunds" usw.

WER WAR BEIM MORD NOCH DABEI?

Geblieben sind auch ungezählte Verschwörungstheorien -trotz der 700 Seiten starken Bilanz der "Warren-Kommission". War Lee Harvey Oswald, der zwei Tage später selbst erschossen wurde, wirklich ein paranoider Einzeltäter? Hatten noch andere die Hand im Spiel: Der Kreml? Castros Kuba? Die CIA? Die Mafia? Noch heute misstraut eine Mehrheit der US-Bürger der offiziellen Version. 2017 müssen bisher geheim gehaltene Akten freigegeben werden.

Dass die Todesschüsse genau in jenem Moment gefallen sind, als Kennedy in Dallas von der Liebe seiner Bürger überzeugt werden sollte, ist von tiefer Symbolik: Sein ganzes Leben war ein Taumeln zwischen Widersprüchen. Dieser John Fitzgerald Kennedy, Spross einer bettelarmen irischen Einwandererfamilie, die es - nicht immer ganz ehrenhaft - innerhalb von drei Generationen zu sagenhaftem Reichtum und großem Ansehen gebracht hatte, war von früh an mit einem beispiellosen Ehrgeiz zum Präsidentenamt erzogen worden, nachdem sein älterer - ursprünglich für das Weiße Haus vorgesehener - Bruder Joseph im Zweiten Weltkrieg als Pilot über der Nordseeküste gestorben war. Auch seine jüngeren Brüder - Ex-Justizminister Robert Kennedy (1986 als Präsidentschaftskandidat erschossen) und der 2009 verstorbene Langzeit-Senator Edward "Ted" Kennedy -sind zu großen Gestalten der US-Politik geworden.

Trotz der beispiellosen Kürze seiner Amtszeit ist die Ära Kennedy so tief in die Zeitgeschichte eingraviert, dass sie hier auch nicht annähernd nacherzählt werden kann. Was davon bleibt, ist eine durch seinen Tod ins nahezu Mystische überhobene Legende, randvoll mit unvereinbar scheinenden Gegensätzen:

Da ist der "Kalte Krieger" JFK, hineingestoßen in den damals mörderischen Zweikampf der beiden Supermächte. Nie mehr war die Welt so nahe einem großen Krieg wie unter seiner Führung (Schweinebucht-Invasion 1961, Berlin-Krise und Mauerbau 1961, Kubakrise 1962). Mit ihm begann auch das Vietnam-Drama, obwohl er gerade unterwegs nach Dallas den Rückzug der 16.000 Militärberater erwog (unter Johnson kämpften dann 500.000 GI's in Vietnam). Und doch war Kennedy auch der große Weltkrieg-Verhinderer und "Vater" der Entspannung. Durch Geheimkontakte und bewussten Verzicht auf Gesichtsverlust seiner Gegner wurde am Ende sogar die Einstellung aller Atomversuche (ausgenommen unterirdische Tests) möglich. Von ihm kam auch die Idee einer gemeinsamen Ost-West-Eroberung des Weltraums.

Da ist der kühl-intellektuelle Realpolitiker Kennedy, der seinem Volk mit unerbittlicher Ehrlichkeit bittere Medizin verordnete. Und doch geht gerade er als Visionär in die Geschichte ein, der Menschen faszinierte, ja verzauberte. Weit früher als andere warb er für globale Menschenrechte, Verständnis für die Dritte Welt und den globalen Kampf gegen Armut. Ein "Idealist ohne Illusionen", wie seine Frau Jackie meinte.

Da ist der jüngste Präsident der USA und der erste Katholik im Amt - eine heute kaum mehr vorstellbare Provokation für die Erben der protestantischen "Mayflower"-Puritaner. Den Kampf ums Weiße Haus gewann er mit nur 120.000 von 65 Millionen Stimmen -so schwer wogen die "Schwächen" seiner Jugend und des "falschen Glaubens". Und doch reichte die katholische Moral nicht aus, um seine permanente Jagd auf Frauen zu bändigen: Filmstars, Sekretärinnen, Stewardessen und Prostituierte wurden in versteckte Wohnungen und durch Hotel-Geheimgänge gelockt. Eine von ihnen, die zugleich Geliebte eines Mafia-Bosses war, wäre ihm fast zum Verhängnis geworden.

DER ATHLET AUF KRÜCKEN

Da ist die offizielle Legende vom athletischen Helden, der im Krieg sechs Tage im Haifisch-verseuchten Pazifik überlebt und dabei auch noch einen Kameraden gerettet hatte. Und doch war er lebenslang krank: trug immer Korsett, ging unbeobachtet mit Krücken, wurde lebensgefährlich operiert und empfing zweimal die Sterbesakramente.

Da ist der Millionärssohn, im Reichtum aufgewachsen. Und war doch enorm sozialpolitisch engagiert: kämpfte für Bürgerrechte, für Bildungschancen von Farbigen, für sozialen Wohnungsbau, Krankenversicherung

Da ist der weitgehend erfolglose Innenpolitiker, dem seine eigenen Demokraten im Kongress den Erfolg verweigerten. Und doch hat er das geistig-moralische Klima der USA entscheidend verändert und längst überfällige Rassengesetze auf den Weg gebracht.

Viele weitere Widersprüche wären zu erwähnen - zwischen Ehrgeiz, Geld und Geist, Triumph und Unglück. Ungezählte Seiten sind darüber geschrieben worden. Seine Ära, seine Siege und Niederlagen, sie sind uns fremd geworden. Seine Faszination aber lebt - gerade in einer Zeit, in der "Politik" in den tiefen Schatten des Argwohns geraten ist.

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