#Erinnern

Von Spuren getragen

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Erinnerung_Buch - © Valentin Salja / Unsplash
Feuilleton

Kulturelles Gedächtnis, humane Gesellschaft

1945 1960 1980 2000 2020

Am 14. Oktober wird das Kulturwissenschaftler-Ehepaar Aleida und Jan Assmann in der Frankfurter Paulskirche gemeinsam mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Seit Jahrzehnten inspirieren und ergänzen die beiden einander wechselseitig.

1945 1960 1980 2000 2020

Am 14. Oktober wird das Kulturwissenschaftler-Ehepaar Aleida und Jan Assmann in der Frankfurter Paulskirche gemeinsam mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Seit Jahrzehnten inspirieren und ergänzen die beiden einander wechselseitig.

"Erinnerungen existieren nicht als geschlossene Systeme", sie sind mit anderen Erinnerungen und "Impulsen des Vergessens" vernetzt, schreibt Aleida Assmann in ihrem Buch "Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik", in dem sie sich mit der "Dynamik individueller und kollektiver Erinnerung 'im Schatten' einer traumatischen Vergangenheit" beschäftigt. Zum kulturellen Feld "gehören sowohl materiale Repräsentationen in Gestalt von Texten, Bildern und Denkmälern als auch symbolische Praktiken in Gestalt von Festen und Riten". Das kulturelle Gedächtnis ermöglicht Menschen Erfahrungen, die sie nicht selbst gemacht haben, prägt und festigt aber auch Erfahrungen und die Art und Weise, wie man sich erinnert. Die Spannung zwischen persönlicher Erinnerung und kollektivem Gedächtnis, also auch offizieller Gedenkkultur ist ebenso Thema in Assmanns lesenswerten Büchern wie jenes des Kanons.

Kanonische Texte, also Texte, die eine Kultur oder Gruppe für besonders wertvoll hält und entsprechend überliefert, normieren (sie schreiben Richtlinien des Handelns vor: Verhalten, Brauch, Sitte, Recht) und sie formatieren: Sie fundieren "das Selbstbild einer Gruppe, durch Erzählungen über Vorzeit und Geschichte, Mythen, Sagen, Legenden, die die Ordnung der Welt narrativ entfalten und die Stellung des Menschen in ihr beleuchten", schreiben Aleida und Jan Assmann zu diesem sie verbindenden Thema in einem gemeinsamen Beitrag. Der Kanon ist einerseits eine Strategie, als wichtig Erachtetes zu bewahren, auf der anderen Seite immer auch ein Mittel, auszusortieren, zu zensurieren, vergessen zu machen. Kanon bedeutet Auswahl, aber auch Deutung: "Professionelle" Ausleger treten zwischen Text und Leser, sie schreiben den Texten die "gültigen" Bedeutungen zu. Schrift wird zusammen mit dieser Auslegungskultur zum "Medium des kulturellen Gedächtnisses".

Aktuell und notwendig

Die 1947 geborene Anglistin und Ägyptologin Aleida Assmann, Mutter von fünf Kindern, wurde 1993 auf den Lehrstuhl für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft der Universität Konstanz berufen und widmete ihre Forschungen vor allem den Themen kulturelles Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen, wie man auch den Titeln ihrer Bücher entnehmen kann: "Arbeit am nationalen Gedächtnis"(1993),"Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses"(1999),"Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung"(2007),"Ist die Zeit aus den Fugen?" (2013),"Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention"(2013), um nur einige zu nennen.

"Erinnerungen existieren nicht als geschlossene Systeme", sie sind mit anderen Erinnerungen und "Impulsen des Vergessens" vernetzt, schreibt Aleida Assmann in ihrem Buch "Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik", in dem sie sich mit der "Dynamik individueller und kollektiver Erinnerung 'im Schatten' einer traumatischen Vergangenheit" beschäftigt. Zum kulturellen Feld "gehören sowohl materiale Repräsentationen in Gestalt von Texten, Bildern und Denkmälern als auch symbolische Praktiken in Gestalt von Festen und Riten". Das kulturelle Gedächtnis ermöglicht Menschen Erfahrungen, die sie nicht selbst gemacht haben, prägt und festigt aber auch Erfahrungen und die Art und Weise, wie man sich erinnert. Die Spannung zwischen persönlicher Erinnerung und kollektivem Gedächtnis, also auch offizieller Gedenkkultur ist ebenso Thema in Assmanns lesenswerten Büchern wie jenes des Kanons.

Kanonische Texte, also Texte, die eine Kultur oder Gruppe für besonders wertvoll hält und entsprechend überliefert, normieren (sie schreiben Richtlinien des Handelns vor: Verhalten, Brauch, Sitte, Recht) und sie formatieren: Sie fundieren "das Selbstbild einer Gruppe, durch Erzählungen über Vorzeit und Geschichte, Mythen, Sagen, Legenden, die die Ordnung der Welt narrativ entfalten und die Stellung des Menschen in ihr beleuchten", schreiben Aleida und Jan Assmann zu diesem sie verbindenden Thema in einem gemeinsamen Beitrag. Der Kanon ist einerseits eine Strategie, als wichtig Erachtetes zu bewahren, auf der anderen Seite immer auch ein Mittel, auszusortieren, zu zensurieren, vergessen zu machen. Kanon bedeutet Auswahl, aber auch Deutung: "Professionelle" Ausleger treten zwischen Text und Leser, sie schreiben den Texten die "gültigen" Bedeutungen zu. Schrift wird zusammen mit dieser Auslegungskultur zum "Medium des kulturellen Gedächtnisses".

Aktuell und notwendig

Die 1947 geborene Anglistin und Ägyptologin Aleida Assmann, Mutter von fünf Kindern, wurde 1993 auf den Lehrstuhl für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft der Universität Konstanz berufen und widmete ihre Forschungen vor allem den Themen kulturelles Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen, wie man auch den Titeln ihrer Bücher entnehmen kann: "Arbeit am nationalen Gedächtnis"(1993),"Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses"(1999),"Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung"(2007),"Ist die Zeit aus den Fugen?" (2013),"Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention"(2013), um nur einige zu nennen.

Das kulturelle Gedächtnis ermöglicht Menschen Erfahrungen, die sie nicht selbst gemacht haben, prägt und festigt aber auch Erfahrungen und die Art und Weise, wie man sich erinnert.

Wie aktuell und notwendig Assmanns genauer kulturwissenschaftlicher Blick ist, zeigt sich auch in ihren soeben erschienenen Büchern "Der europäische Traum. Vier Lehren aus der Geschichte" (C. H. Beck) und "Menschenrechte und Menschenpflichten", hervorgegangen aus einer Wiener Vorlesung, nun zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels neu und erweitert aufgelegt.

Darin geht sie der Ideen-und Kulturgeschichte und Bedeutung von Begriffen nach, die seit der Millenniumswende wieder als "Orientierungsvokabeln" auftauchen und "eine beachtliche Verbreitung und Konjunktur erfahren haben". Sonderbar, dass Begriffe wie "Anstand","Höflichkeit", "Zivilität","Anerkennung","Respekt" und "Empathie" nun wiederentdeckt werden, denn sie waren "eine Weile 'out'", meint Aleida Assmann. "Begriffe, die zum Teil eine lange professionelle Diskussion in rechtlichen, historischen und philosophischen Disziplinen hinter sich haben, sollen hier einmal aus dem Kokon der Spezialistendiskurse herausgeholt, mit anderen Begriffen zusammengestellt und auf ihr kulturelles, ethisches, soziales und politisches Potenzial für das 21. Jahrhundert befragt werden. Die Kandidaten, die im Folgenden vorgestellt und auf ihre mögliche Rolle als Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft hin untersucht werden, sind Menschenrechte und Menschenpflichten, Höflichkeit und Sozialität, Anerkennung und Respekt, Empathie und Ähnlichkeit."

Assmann - © Foto: C.H. Beck
© Foto: C.H. Beck
Buch

Achsenzeit

Eine Archäologie der Moderne.
Von Jan Assmann C. H. Beck 2018.
52 Seiten, geb., € 27,80

aleida assmann - © Picus Verlag
© Picus Verlag
Buch

Menschenrechte und Menschenpflichten

Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft
Von Aleida Assmann. Picus 2018
189 S., geb.,
€ 22,–