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Rätsel England: die undemokratische Demokratie

Wer heute nach mehrjähriger Abwesenheit auf die grüne Insel zurückkehrt, dem ist es, als sei eine Fee durch England geschritten, um mit mildem Hauch unzählige Flämm- chen der Sorge und Angst auszulösdhen.

Wo sind die Tage, da viele Menschen genau zu sagen wußten, wieviel Gold und letzte Devisen noch in den Tresors der Bank von England liegen, da der Konflikt der beiden großen Parteien eine Schärfe angenommen hatte, die das Ende des alten Systems in greifbare Nähe zu rücken schien? Wo die Tage, da in dem „ration book“ (das man in diesem Juli weggeworfen hat, so man nicht auf gewisse Vergünstigungen des Wohlfahrtsstaates Wert legt) die ehernen Gesetze von 'Haushaltsführung und Festesfreude niedergelegt waren: Hatte man damals nicht hinter allem, was sich auf den britischen Inseln abspielte, immer deutlicher die unlösbare Problematik der überindustrialisierten Gesellschaft verspürt?

Nun pulsiert das englische Leben kräftiger denn eh und je, es hat vielleicht nicht die Spannkraft und Nimmermüdigkeit Westdeutschlands, wirkt aber ausgeglichener und oft zielbewußter. •

Unzählige Wagen neuester Bauart jagen über die schmalen englischen Straßen, selbst die unscheinbarsten „cottages“ — Mischformen zwischen Land- und Bauernhaus mit dem Behaglichkeitsgehalt beider Welten — prangen in neuem Weiß oder sattem Creme zwischen blühenden Rhododendren, immer mehr Fernsehantennen greifen mit ihren kargen Geisterhänden nach den unsichtbaren Bildern, Gärten sind wieder liebevoll betreute Inseln von Farbe und Duft und in den Buchten schaukeln bunte Flotten kleiner Boote, Nachfahren jener kleinen und kleinsten Schiffe, die einst nach Dünkirchen aufgebrochen sind.

All das ist übrigens nicht die „prosperity“ der Konservativen, ja das Bemerkenswerte scheint, daß die Männer in Downing Street Nr. 10 heute in vielem ihre Aufgabe darin erblicken, das große Labour-Erbe zu verwalten, und zwar besser zu verwalten, als Labour selbst es getan hätte. In diesem Bestreben hat man auch Erfolge zu verzeichnen: Churchill hat sicherlich viel Schwung, gesunden Menschenverstand und administrative Wendigkeit in den Apparat injiziert, so daß die „gentlemen von Whitehall“, wie man die Angehörigen des zentralen Verwaltungskörpers gern nennt, um rund 30.000 reduziert werden konnten.

Aber auch das ist nur ein Teilabschnitt, und man muß hinzufügen, daß wieder die Sozialisten bei all ihren demagogischen Ausfällen gegen die Vergangenheit, ganz bewußt auf Fundamenten weiterbauten, die von liberalen und konservativen Regierungen gelegt worden sind.

Was ist das Geheimnis dieser vielbewunderten britischen Kontinuität? Mit einiger Sicherheit läßt sich wohl nur sagen, daß es in der Art und Weise gelegen ist, in der sichhier stets von neuem eine Elite herausbildet. Der Prozeß wird auch von den turbulentesten Ereignissen, von sozialen Revolutionen und Weltreichsauflösungen nie unterbrochen. Die Hierarchie ist veränderlich, aber beständig, sie wandelt sich, erhält aber die nationale Kohäsion. Darauf hat wohl auch der Schriftsteller Max Beloff angespielt, als er unlängst sagte: „Die britische Demokratie war vor allem deshalb so erfolgreich, weil sie so undemokratisch ist.“

Natürlich wird diese dauernde Neubildung des hierarchischen Kernes vom Erziehungssystem eingeleitet, und es ist eigentlich merkwürdig, daß, wenn die Frage gestellt wird, warum die Engländer Probleme lösen können, an denen andere Gesellschaften scheiterten, der Hinweis auf die völlig andere Schulwelt der englischen und festländischen Kinder, meist vermißt werden muß.

Jedenfalls wäre es äußerst amüsant, die englische Gesellschaft mit einem klugen und sensiblen Marxisten zu bereisen und seine Reaktionen zu beobachten. Denn auf den britischen Inseln hat sich alles völlig anders entwickelt, als nach der marxistischen Lehre zu erwarten wäre. Noch vor zwanzig Jahren, als große Menschenmengen sich in einzelnen Hungerzügen in den Hyde Park ergossen und sich die Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen zu erweitern schien, konnte man annehmen, daß sich die Dinge nach dem „heiligen Schema“ entwickeln würden und daß der Zusammenballung des Kapitals gewaltsam« Versuche folgen würden, eine legitime Machtergreifung der Labour-Partei zu verhindern. Inzwischen hat eine Neuverteilung von Einkommen und Vermögen stattgefunden, der Anteil der Arbeiterschaft am Sozialprodukt ist größer, nicht kleiner geworden, die Sozialisten kamen friedlich an die Macht und gaben sie friedlich in konservative Hände zurück, die verzweifelten Menschen aber, die Jack London „die Leute aus dem Abgrund“ nannte, sind verschwunden.

Die Armut ist von der dramatischen Phase in die verschämte hinübergewechselt. Sie ist etwas so Seltenes geworden, daß ihr etwas Asoziales anhaftet und der proletarische Stolz auf die Bedürftigkeit der Vergangenheit angehört. Ist es nicht bezeichnend, daß die Londoner Vorstadtjugend es so liebt, sich „Eduardian“ zu kleiden, daß die seriöseren Leute diese Modeerinnerung an höchst bürgerliche Zeiten bald nicht mehr mitmachten?

Zwischen 1929 und 1939 ergaben verschiedene soziale Untersuchungen, daß etwa jede fünfte Familie mit weniger auskommen mußte als dem errechneten Minimalbetrag für Kost, Quartier und Kleidung. Hingegen haben Analysen, die nach dem Krieg von Mr. Rowntree (einem Abkömmling der großen Quäkerfamilie) und Commander Lavers durchgeführt wurden, gezeigt, daß in einem bestimmten Gebiet (York) der unter dem Minimum lebende Bevölkerungsteil von 17 auf 1,7 Prozent zurückgegangen ist.

Damit ist von den sozialistischen Voraussagen nicht viel übriggeblieben, es sei denn die Lust zum Prophezeien. Paradoxerweise sagen aber heute Labour-Leute ganz furchtbare Dinge voraus die sich ereignen würden, wenn sie selbst an die Macht kämen! So schrieb Mr. Strachey, der ehemalige Kriegsminister, im Februar dieses Jahres: „Wenn wir nicht phantastisches Glück haben… dann wird die nächste Labour-Regierung unter Umständen an die Macht kommen, die die nationalen Reserven an Gold und Dollars und Devisen, in einem einzigen Ungewitter aus dem Land schwemmen werden, so auch nur der Versuch unternommen wird, ihre sozialen Reformen durchzuführen.“ Nun, das sind in der Tat unbehagliche Aussichten, und Strachey erläutert dann die neuen Kontrollmaßnahmen, die blitzartig einsetzen müßten, sollte solch eine Katastrophe verhindert werden. Natürlich läßt sich unschwer erkennen, wie hier eine alte marxistische Voraussage (gewaltsamer Widerstand gegen eine Arbeiterregierung) sozusagen ins nationalökonomische Unterbewußtsein verdrängt wurde. Im einzelnen ist dabei die Argumentation Stracheys strikt logisch; was der ehemalige Kriegsminister dabei nur übersehen hat, ist die Tatsache, daß die Logik in England nicht die Gewohnheit hat, ihre eigenen Kinder zu verzehren, und daß das erste Kabinett Attlee mit Hilfe der Industriellen, das zweite Kabinett Churchill mit Hilfe der Gewerkschaften reüssiert hat.

All dies sind natürlich nur die groben Konturen, aber die innere Entwicklung mit ihren subtilen Einzelheiten müßte unseren marxistischen Reisegefährten fast noch mehr erstaunen.'Da erweist sich nämlich zunächst, daß man zwar aus dem Schlcuserisystem der alten Gesellschaft mit ihren finanziellen Niveauunterschieden das Wasser abgelassen hat, ohne sich aber damit der klassenlosen Gesellschaft zu nähern. Daß dabei die alte, durch feine Segmentierung kenntliche Wasserlinie ihre Bedeutung nicht gleich verliert, ließe sich hinnehmen. Aber dazu hat sich auch das vertraute Vorstellungsschema: Entwicklung auf die rein proletarische Gesellschaft, mit den im Klasscnkampf entwickelten Idealen und Vorstellungen hin. beinahe ins Gegenteil verkehrt. Die ihrer finanziellen Privilegien beraubten Oberschichte infiltriert in ganz sicher gehaltene Bereiche, sie verbreitet sich sichtlich, und der Marxist steht vor dem absurden Schreckgespenst einer schließlich nur aus Oberschichte bestehenden Gemeinschaft mit den im Klasscnkampf beibehaltenen Idealen und Vorstellungen.

Ganz klar treten aber nun, da der soziale Zeitzünder des Gegensatzes zwischen reich und arm weitgehend entschärft werden konnte, wieder ältere Züge des englischen Wesens zutage. Mit einem Mal spürt man die schon versunken geglaubte Gedanken- und Gefühlswelt einer landbebaucnden, landbesitzenden und landliebenden Schicht und entdeckt, wie weitgehend es dieser Schicht gelungen ist, ihre Verhaltensideale in die industrielle Gesellschaft einzubauen. Es ist bezeichnend, daß der große politische Skan dal dieses Jahres, der der Regierung sehr ernsthafte Sorgen bereitet, sich um ein Landgut, um „Crichel Down“, dreht. Dieser, in der Grafschaft Dorset gelegene Besitz wurde während des Krieges verstümmelt, da die Krone Felder und Aecker für militärische Zwecke übernahm. Nach Kriegsende waren diese Zwecke überlebt, aber der Gatte der Besitzerin, Commander Martin, konnte weder unter den Sozialisten noch unter den Konservativen die Rückgabe des Grundes erreichen. Verschiedene Beamte wollten aus dem beschlagnahmten Land zuerst eine Musterfarm machen, gaben Commander Martin ausweichende und verlogene Auskünfte und verpachteten schließlich „Crichel Down“ an einen Dritten. Aber Commander Martin gab nicht nach, er verlangte eine Untersuchung, war auch bereit, sie zu bezahlen, und entfesselte schließlich einen Unmutssturm gegen die Selbstherrlichkeit der „gentlemen von Whitehall“. Zum ersten

Mak ist wieder ein reicher Mann ein populärer Held.

„Crichel Down“ oder jener Teil des Gutes, um den gekämpft wird, ist eine große Farm. Von ihr spricht man. Aber jeden Tag verschwindet in England ein ganzes Bauerngut. Von dem spricht man nicht. Siedlungen, Flugplätze, Fabriken — jeden Tag wird das Ackerland kleiner, jeden Tag nähert sich der Augenblick, da cs nur noch Städte und Parks geben wird. Viele Fragen der industriellen Gesellschaft konnten gelöst werden, aber die große Frage der verstädterten Gesellschaft, die nicht mehr genug eigene Aecker hat und die Industrieprodukte in einer Welt verkaufen muß, die immer weniger Agrarprodukte zu immer höheren Preisen anzubieten hat, bleibt ungelöst. Und aller Glanz der gegenwärtigen Prosperität bringt die Frage, ob die Krise der urbanen Gesellschaft nicht nur vertagt ist, nicht zum Verstummen.

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