6863968-1977_47_14.jpg
Digital In Arbeit

Die Geschichte wird seine Rechtfertigung bringen

19451960198020002020

Kurt Schuschnigg ist tot. Der letzte Bundeskanzler der Ersten Republik Österreich starb wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag, wenige Monate, bevor sich die Ereignisse, die mit seinem Namen verbunden sind, zum 40. .Maljähren. Dr. Hans Huebmer ist einer der drei noch lebenden Redakteure der „Reichspost”, einer der wenigen noch lebenden Zeitgenossen, die jene Ereignisse in engstem Kontakt mit den Regierenden miterlebt hat. Dr. Huebmer hat der FURCHE diese Analyse der Jahre von 1933 bis 1938, diese Würdigung der Person Kurt Schuschniggs zur Verfügung gestellt.

19451960198020002020

Kurt Schuschnigg ist tot. Der letzte Bundeskanzler der Ersten Republik Österreich starb wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag, wenige Monate, bevor sich die Ereignisse, die mit seinem Namen verbunden sind, zum 40. .Maljähren. Dr. Hans Huebmer ist einer der drei noch lebenden Redakteure der „Reichspost”, einer der wenigen noch lebenden Zeitgenossen, die jene Ereignisse in engstem Kontakt mit den Regierenden miterlebt hat. Dr. Huebmer hat der FURCHE diese Analyse der Jahre von 1933 bis 1938, diese Würdigung der Person Kurt Schuschniggs zur Verfügung gestellt.

9. September 1933 - Höhepunkt im Leben eines Volkes, Höhepunkt im Leben eines Mannes.

Im Stadion des Wiener Praters findet die erste Hauptversammlung des Allgemeinen Deutschen Katholikentages statt. Die von Hitler verbotene Ausreise nach Österreich hat den Katholiken des Deutschen Reiches das Kommen unmöglich gemacht, doch erscheinen so viele Gäste aus anderen Ländern, daß die ursprünglich als „deutsch” geplante Kundgebung des Glaubens zu einem „Reichstag Gottes” emporwächst, der nicht nur den bereits um ihr Lebensrecht fechtenden Österreichern das Rückgrat stärkt, sondern auch den beamteten Beobachtern aus dem Dritten Reich Äußerungen entlockt, die sich mit der Parteilinie keineswegs decken. Über dem Lande scheint die Sonne aufzugehen; dann aber folgt ein Unwetter dem anderen

„Die Sendung des deutschen Volkes im Abendlande” hieß das Hauptreferat. Nicht umsonst war vom deutschen Volke die Rede. Es galt, der Welt zu zeigen, welcher Staat die deutsche Tradition vertrat, und welcher - obwohl kein Wort politischer Polemik fiel - die deutsche Aufgabe verriet und die Grundlagen deutscher Volkwer- dung zerstörte. Der Redner trat zum erstenmal vor eine ganz große Weltöffentlichkeit: Bundesminister Dr. Kurt von Schuschnigg. Nun hatte Österreich wieder einen Sprecher von der Tiefe der Bildung eines Ignaz Seipel, aber Schuschnigg übertraf seinen Meister durch den Glanz der Diktion und die feine ästhetische Ausfeilung bis in den scheinbar nebensächlichen Satzteil, ja bis in jedes einzelne Wort.

Schuschnigg sprach von der Vergötzung der Masse und der Entseelung des Geistigen - Sätze, die nach 44 Jahren so aktuell wirken, als wären sie heute gesprochen; von der Aufgabe der Deutschen, die Kulturfackel des Christentums dem Abendland zu entzünden. Er führte seine von der Glut seiner Worte hingerissenen Hörer zu jenem Österreich, das bis zum heutigen Tage die Reichssymbole birgt; gegen Schluß rief er den Österreichern die katholische Verantwortung und europäische Verbundenheit ins Gewissen. Es waren kühne Worte, die heute, das inzwischen ein anderes, sich deutsch nennendes Programm nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa in ein kaum vorstellbares Chaos gestürzt hat, wie die Mahnrufe eines Propheten klingen. Einem Propheten, den sein Volk nicht gehört hat.

Es mag am Wechsel der Generationen liegen, daß Helmuth Andics in Schuschnigg den „Gefangenen der großdeutschen Ideologie” sieht, und selbst der einsichtsvolle englische Historiker Gordon Shepherd dem Kanzler das Beharren auf den Traditionen des Heiligen Reiches zum Vorwurf machen kann. Grotesk wirkt die Historiographie besonders, wenn etwa der sachlichste unter den deutschnationalen Autoren, der Linzer Franz Langoth, meint, mit Dollfuß hätte es einen Ausgleich gegeben, niemals aber mit Schuschnigg. Kritiken von entgegengesetzten Richtungen pflegen einander aufzuheben. Tatsache ist, daß unter den Besten in Österreich - übrigens auch im Deutschen Reiche - österreichisch und deutsch keine Gegensätze waren und daß 1866 als Unrecht und Unglück empfunden wurde. Großräumige Ideen wie heute der Europa-Gedanke, dazu noch vorgetragen von erleuchteten Geistern, sind eben etwas anderes als die in kleine Münze umgewechselte Tagespolitik.

Der Festredner von 1933 gehörte erst seit etwas mehr als einem Jahr der Bundesregierung an. Der Sohn eines Offiziers altösterreichischer Prägung hatte in Feldkirch, am Schnittpunkt österreichischer, reichsdeutscher und Schweizer Geistigkeit, seine Formung erfahren. Noch nicht 30 Jahre alt, wurde der junge Doktor der Rechte, der sich in Innsbruck niedergelassen hatte, in den Nationalrat gewählt, wo man bald auf seine glänzende Rednergabe aufmerksam wurde.

Es war das Unglücksjahr 1927. Der Brand des Justizpalastes und die vielen Todesopfer der Gewalttaten verhärteten die Fronten. Wohl schien Bundeskanzler Seipel die Beruhigung zu gelingen, als 1929 die verhängnisvolle Militarisierung der Parteien den Staat erschütterte. Noch einmal fing Bundeskanzler Johannes Schober die in Bewegung geratenen Fronten durch eine Verfassungsreform auf. Die erste Einschaltung von Heimwehrführem in die Bundesregierung endete rasch. Bundeskanzler Otto Ender, dem die Rettung der Demokratie zu gelingen schien, scheiterte an einem Bankenzusammenbruch von gigantischem Ausmaß. In der Stunde höchster Gefahr bot Seipel seinem großen Gegner, dem Sozialdemokraten Otto Bauer, die Koalition zur Rettung des Staates an. Er empfing ein Nein wie nach einem Jahre Bundeskanzler Karl Buresch. Hier und im Austritt der Großdeutschen aus der Regierung, liegt die Schuld dieser zwei Parteien am Zusammenbruch der Demokratie in Österreich, die dieser später einseitig Dollfuß und seinen Mitarbeitern angelastet wurde.

1932 konnte man - die Anspielüng auf ein Wahlplakat liegt nahe - nur mehr sagen: „Dollfuß, wer sonst?”. Im Jänner 1933 taten Hitlers Bestellung zum Reichskanzler und der sich steigernde Druck auf Österreich das ihre. Die weiteren Ereignisse sind bekannt. Schuschnigg finden wir in einer außenpolitischen Mission, als er am 30. Oktober 1933 nach München fuhr, um in Dollfuß’ Auftrag Verhandlungen mit dem „Stellvertreter des Führers” Rudolf Heß zu pflegen, die keinen Erfolg bringen, aber ein wertvoller Beweis dafür sind, daß Österreich an der Verschärfung der Lage keine Schuld getragen hat.

Dollfuß’ Ermordung am 25. Juli 1934 ließ Kurt von Schuschnigg zum Kanzler werden. Er hatte dieses Amt nicht gesucht. Am Abend des tragisch verlaufenen Tages fühlte sich der Führer der Wiener Heimwehr, Major Emil Fey, als Sieger, aber sein Verhalten im Bundeskanzleramt kostete ihm das Vertrauen des Volkes; eine Wiederholung des Februar, da er als Triumphator über die Ringstraße geritten war, gab es nicht. Am Abend des Sonntags, des 29. Juli, zogen in den Straßen Wiens Militärposten mit Maschinengewehren auf, um eine Aktion der Wiener Heimwehr zugunsten Feys zu verhindern.

Aber noch ein zweiter kam nicht ans

Ziel. Fürst Starhemberg weilte am 25. Juli zu Besuch bei Mussolini in Italien und kehrte noch am selben Abend im Flugzeug nach Wien zurück, um Dollfuß’ Nachfolger, vielleicht sogar mehr, zu werden. Die Weisheit des Bundespräsidenten Wilhelm Miklas, der Schuschnigg unverzüglich ernannte, hat einen Sprung ins Dunkle verhindert.

Kurt von Schuschnigg übernahm ein Erbe, bei dem die Lasten unendlich größer waren als der Besitz. Von einer Gestaltung der Ereignisse war keine Rede mehr. Waren sie im Jahre vorher derart in Fluß gewesen, daß es oft kaum möglich war, einen festen Stand zu gewinnen, und die Bilder von Tag zu Tag kaleidoskopartig wechselten, so war der Ablauf der Dinge nach dem

Februar und dem Juli 1934 nicht nur in feste Bahnen gelangt, sondern derart erstarrt, daß an eine Auflockerung nicht zu denken war. Versuche, die Distanzierung nach rechts oder links etwas aufzulockem - beide wurden reichlich gemacht -, wurden von den starren Anhängern des Dollfuß-Kurses als Testamentsverfalschung, wenn nicht gar als „Verrat” gebrandmarkt, so daß gelegentlich mit einer Art von dritter Opposition zu rechnen war. Immerhin trat inhenpolitisch Ruhe ein, wenn sie auch nur einen Scheinfrieden zudeckte.

Weit gefährlicher als im Inneren wurde die Entwicklung der europäischen Politik. Deutschlands Sieg bei den Wahlen im Saarland, der Einmarsch Italiens in Abessinien, die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland und die’ Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands ohne Gegenmaßnahmen der Alliierten, schließlich der spanische Bürgerkrieg - Österreich konnte im Sommer 1936 nirgends auf Hilfe rechnen. Für seine Regierung gab es längst keine Handlungsfreiheit mehr, nur mehr bittere Zwangslagen; das Land war Objekt, nicht Subjekt im Völkerleben. In diesem Zusammenhang ist das viel kritisierte Juliabkommen von 1936 zu sehen. Es gewährte eine Atempause und die - zugegebenerweise schwache - Hoffnung auf eine Änderung des weltpolitischen Kräftespiels, etwa eine Verständigung Italiens mit den Westmächten.

Aber bald begannen selbst die Bundesgenossen Österreichs vom Kompakt des 17. März 1934 abzufallen. Vom 9. bis 12. Jänner 1938 mußte Österreich bei der Budapester Konferenz feststellen, daß Italien und Ungarn offen die Sache Deutschlands vertraten; Österreich konnte nur mit Mühe die Forderung abwehren, aus dem Völkerbund auszutreten, dem es zweimal eine wertvolle Finanzhilfe zu verdanken hatte.’Die in der Literatur wenig beachtete Budapester Konferenz war das außenpolitische Vorspiel von Berchtesgaden.

Kurz vorher hatte ich in einer journalistischen Mission in Budapest geweilt. Im Gespräch mit ungarischen

Kollegen erfuhr ich von den zweierlei Gefühlen, die die Machtentfaltung Hitlers in Ungarn ausgelöst hatte. Die einen fürchteten, Hitler würde Ungarn zum Satelliten machen und sich dabei der Ungarn-Deutschen bedienen, während andere hofften, Hitler werde Ungarn zur Wiedergewinnung von Gebieten im Norden, Osten und Süden helfen und alles weitere werde sich finden. Die Frage, welcher Ansicht die Regierung zuneige, wurde vorsichtig nach der zweiten Richtung beantwortet. Immerhin fuhr man mit dem Gefühl nach Wien heim, daß Ungarn Österreich ebenso abgeschrieben habe wie Italien.

So fuhr Schuschnigg ohne Rückendeckung von außen nach Berchtesgaden. Seine Kritiker übersehen gerne, daß er seinem Peiniger doch einige Konzessionen abnötigte, so über die Eingliederung von Nationalsozialisten in die Vaterländische Front, den Ausschluß der Legionäre von der Amnestie, oder der Besetzung des Kommandos im Bundesheer. So wenig dies auch scheinen mag, bei dem beiderseitigen Kräfteverhältnis war der kleinste Gewinn ein Sieg. Selbst Hitler sprach nun von einer fünijährigen Pause in seiner Österreich-Politik.

Aber nun war die Lawine losgetreten, die Österreich verschlingen sollte. Die Einzelheiten zwischen Berchtesgaden am 12. Februar und Linz am 13. März 1938 sind bekannt. Zu kritisieren, welche taktischen Fehler gemacht wurden und was man hätte besser machen können, ist billig. Das kleine, im Herbst 1918 geschaffene Österreich ging in einer ausweglosen Situation ebenso mit der Unentrinn- barkeit der griechischen Tragödie unter wie das große alte Reich im November 1918. Da wie dort hätte jede Drehung am Steuer in den Abgrund geführt.

Den tragischen Ernst der Lage haben nicht einmal Zeitgenossen richtig gefühlt, von denen man ein klares Urteil hätte erwarten dürfen. In der Redaktion der „Reichspost” erschien ein führender Mann des katholischen Deutschlands (der später ein Opfer des 20. Juli 1944 werden sollte), und erklärte: „Ich habe für Sie eine freudige Nachricht: Hitler ist erledigt!” Ich erwiderte mit Galgenhumor: „Deshalb kommt er heute zu uns!” Es war der 11. März 1938.

Aber noch heute kann man lesen, wie Österreich 1945 dagestanden wäre, hätte man 1938 militärisch Widerstand geleistet. Anders urteilte der Wiener Volksgerichtshof, als er am 12. Juni 1947 den letzten Außenminister der Regierung Schuschnigg, Guido Schmidt, von der Anklage des Hochverrats freisprach. Ein aussichtsloser Widerstand 1938 hätte nicht nur Österreich in eine blutige Katastrophe gestürzt, sondern auch einen Zusammenstoß mit den Westmächten provoziert, zu .einer Zeit, da sie militärisch noch nicht so gerüstet waren, um mit Erfolg gegen den Aggressor anzutreten, stellte das Urteil fest.

Es folgten Haft, Konzentrationslager, freiwilliges Exil und akademische Lehrtätigkeit in den USA, vor zehn Jahren Heimkehr nach Tirol. Viele haben nicht verstanden, warum Kurt von Schuschnigg seine hohen geistigen Kräfte nicht wieder seinem Vaterlande zur Verfügung gestellt hat. Fürchtete er den Kampf um seine Person, weil er keine Kampfnatur ist? Der Führer der niederösterreichischen Sturmscharen wurde der erste, der Führer des niederösterreichischen Heimatschutzes wurde der zweite Kanzler des wiedererstandenen Österreich und ein dritter, der sich 1936 als „Revolutionärer Sozialist” vor Gericht mit einer Bravour verteidigt hatte, die auch den politischen Gegner imponierte und nebenbei bewies, daß auch unter Schuschniggs „Diktatur” sehr viel gesagt werden durfte, waltet heute auf dem Ballhausplatz. Es sah eben nach 1945 manches anders aus als vor 1938, und über Gräber reichte man sich die Hände

Ein Mann höchster Geistigkeit war an einen Platz gestellt worden, wo nach menschlichem Urteil auch der Härteste das Schicksal nicht hätte wenden können. Er übernahm 1934 einen schwer beschädigten Wagen auf abschüssiger Bergstraße und hat immerhin einen Zeitgewinn von vier Jahren erzielt; dann waren die Ereignisse stärker als er. Ihm mag das Wiedererstehen Österreichs der erste Triumph gewesen sein - die Geschichte wird seine Rechtfertigung bringen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau