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Geschichte(n) aus den Iden des März 1938

"Gerhard Botz ist überzeugt, dass die NSDAP in Österreich über Wahlen nie an die Macht gekommen wäre. Doch der Grad der NS-Unterwanderung war enorm."

In Wien wird viel gedacht in diesen Tagen. Am 11. und 12. März wurde eine Zeituhr auf das Bundeskanzleramt projiziert, die 24 Stunden lang jeden Moment der NS-Machtergreifung in Österreich sichtbar machte. Um 19:30 am 11. März verabschiedete sich Kanzler Kurt Schuschnigg "mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch: Gott schütze Österreich!" Unzählige runde Jahrestage und Gedenktage später sollte man meinen, dass alles gesagt und jedes Detail der Ereignisse im März 1938 erforscht und beschrieben ist. Dennoch überraschen Historiker immer wieder mit neuen Erkenntnissen.

So hat Gerhard Botz in der überarbeiteten und erweiterten Neuauflage seines Standardwerks "Nationalsozialismus in Wien" Bildanalysen zu neu aufgetauchten Fotos von Demütigungsritualen geliefert. Der Wiener Historiker Kurt Bauer macht in "Die dunklen Jahre" die Geschichte von 1938 anhand von Tagebüchern, Briefen und Autobiografien lebendig. Der deutsche Schriftsteller Manfred Flügge greift in "Stadt ohne Seele" die neuere Forschung auf, dass Hitler nicht in Wien zum Antisemiten geworden sei, sondern seine Dramatik bei unzähligen Wagner-Opern studiert hätte. Der Judenhass sei erst ab 1919 beim Abdriften ins rechte Lager dazugekommen und auf die Spitze getrieben worden.

Seit Österreich sich nicht nur als Opfer Hitlers darstellt, sondern auch zu seiner Täterrolle bekennt, wird darüber diskutiert, ob der sogenannte Anschluss zu verhindern gewesen wäre. Als im Morgengrauen des 12. März die ersten Panzer der Wehrmacht bei Passau über eine Grenze rollten, waren die Grenzbalken von eilfertigen österreichischen Beamten bereits entfernt worden. Dass den deutschen Soldaten überall frenetischer Jubel entgegenschlug, dürfte auch diese überrascht haben. Hitler hatte den Befehl gegeben, allfälligen Widerstand rücksichtslos niederzuschlagen. Dafür gab es keinerlei Anlass. Schuschnigg hatte das Bundesheer in die Kasernen beordert. "Er wollte kein Blutvergießen", sagt Manfred Flügge. Man könne "spekulativ diskutieren, ob es vor der Weltöffentlichkeit nicht gut gewesen wäre, eine Art Widerstand zu inszenieren. Das wollte er nicht. Er ist auch nicht ins Ausland gegangen, um eine Exilregierung zu bilden. Das lag jenseits seines Denkens."

Göring drängt auf Einmarsch

Vor allem Hermann Göring, beauftragt mit der Erstellung eines Vierjahresplans der Aufrüstung, drängte auf eine rasche Einverleibung Österreichs. Neben den Goldreserven der Nationalbank, den Erzvorkommen und Industriekapazitäten in der Steiermark sowie weiteren Bodenschätzen, wie Erdöl und Blei, waren es auch die Legionen an arbeitslosen Facharbeitern, die für die Kriegsvorbereitungen interessant schienen. Der Grazer Historiker Stefan Karner schätzt, dass durch den Anschluss Österreichs die Aufrüstung um ein halbes Jahr vorangebracht wurde.

Zu spät erkannte Schuschnigg, dass er einen Schulterschluss mit dem politischen Gegner brauchte, um Hitlers Plänen trotzen zu können. So suchte er -auf Drängen ausgerechnet von Otto Habsburg - Kontakte zu roten Gewerkschaftern, um auszuloten, ob er den Klassenfeind als Verbündeten für eine Volksabstimmung gewinnen könne.

Friedrich Hillegeist sagte die Unterstützung der Sozialdemokraten zu, wenn sie denn wieder legal auftreten dürften. Während Otto von Stein, der deutsche Geschäftsträger in Wien, vergeblich bei Bundespräsident Wilhelm Miklas intervenierte, die Volksabstimmung abzublasen, tobte in den Straßen der Wahlkampf in Form von Sprechchören von Nazis und Anhängern der Vaterländischen Front. Die Nazis hatten die Parole "Die Volksabstimmung ist ein Schwindel! Ein Volk, ein Reich, ein Führer!" ausgegeben und riefen zum Boykott des Plebiszits auf. Schuschnigg gab schließlich dem Druck aus Berlin nach. Dass der Umsturz unaufhaltsam war, noch bevor der erste deutsche Soldat einen Fuß auf österreichischen Boden gesetzt hatte, wurde allen Wienern klar, die nach Schuschniggs Abschiedsrede auf die Straßen gingen.

Ein Hexensabbath

Der Historiker Gerhard Botz zitiert den englischen Journalisten George E. R. Gedye: "Es war ein unheimlicher Hexensabbat -Sturmtruppleute, von denen viele kaum von der Schulbank erwachsen waren, marschierten mit umgeschnallten Patronengürteln und Karabinern, als einziges Zeichen ihrer Autorität die Hakenkreuzbinde auf dem Ärmel, neben den Überläufern aus den Reihen der Polizei." In den folgenden Tagen war der Mob vollends entfesselt: Hausmeister oder Nachbarn denunzierten Menschen, die jüdisch aussahen, die man dann zwang, die Parolen des Schuschnigg-Regimes und die Kruckenkreuze des Ständestaats wegzuwaschen.

Nach Gerhard Botz handle es sich um einen "dreifachen Weg zur Machtübernahme im März 1938". Nämlich durch die halblegalen einheimischen Nazis aus dem Inneren des autoritären Regimes heraus; "um eine massive als Motor wirkende militärische und und polizeiliche Intervention der Wehrmacht von außen"; und schließlich "um eine -vor allem gegen die Juden -eruptive Formen annehmende Erhebung der österreichischen Nationalsozialisten und deren Mitläufer von unten".

Man ist geneigt zu fragen, wie es möglich war, ein Land vom österreichpatriotischen Taumel in einen nationalsozialistischen Mustergau umzuwandeln. Man schätzt, dass die Volksabstimmung zu 70 Prozent für die Unabhängigkeit Österreichs ausgegangen wäre. Gerhard Botz ist zwar überzeugt, dass die NSDAP in Österreich über Wahlen nie an die Macht gekommen wäre. Doch der Grad der politischen Unterwanderung war enorm und wird schon durch die Tatsache illustriert, dass die Polizisten gleich nach der Schuschnigg-Rede ihre Hakenkreuzbinden aus der Tasche zogen und über den Arm streiften. Insgesamt schätzt man die politische Unterwanderung der Institutionen auf 20 Prozent. In der Nationalbank wusste man sogar von 40 Prozent, die illegal für die Nazis arbeiteten. Die Massenekstase, so Botz, die Hitlers Triumphzug entfachte, habe dann den Umschwung gebracht. Die mediale Inszenierung des Einmarsches mag dabei geholfen haben. Die 18 Kamerateams, die Hitler begleiteten, verstanden es, jubelnde Massen ins Bild zu rücken. Von der anderen Seite kündet dann die Selbstmordstatistik, die in den ersten Wochen gewaltig nach oben ausschlug.

Wie wichtig die ständige historische Aufarbeitung jener Zeit für die Gegenwart ist, zeigt die jüngste Umfrage, wonach sich 43 Prozent in Österreich einen starken Mann wünschen, 23 Prozent stimmen der Aussage zu: "Man sollte einen starken Führer haben, der sich nicht um ein Parlament und Wahlen kümmern muss."

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