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Ostmark oder Österreich?

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Völlig unbearbeitet ist die Geschichte der österreichischen politischen Emigration. In Frankreich scheiterte sie an der „Utopie Osterreich".

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Völlig unbearbeitet ist die Geschichte der österreichischen politischen Emigration. In Frankreich scheiterte sie an der „Utopie Osterreich".

Zur Geschichte der österreichischen Emigration 1938 bis 1945 existiert zur Zeit nur eine in der Öffentlichkeit kaum bekannte Studie des Juristen Franz Goldner aus dem Jahre 1977, „Die österreichische Emigration von 1938 bis 1945". Das Buch erschien im Herold-Verlag unter dem Sammelbegriff „Das einsame Gewissen". Franz Goldner mußte 1938 aus rassischen Gründen emigrieren. Durch Herkunft und Beruf mit den Emigranten aus Österreich eng verbunden, hatte er Gelegenheit, die Bemühungen und leidvollen Fehlschläge, Hoffnungen und Enttäuschungen der politischen Emigranten in Frankreich und später in den Vereinigten Staaten von Amerika mitzuerleben.

Unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Truppen verließ der austrophile französische Gesandte Gabriel Puaux Wien. Er hatte vergeblich die Westmächte vor den nationalsozialistischen Expansionsbestrebungen gewarnt und schließlich aufgefordert, den Fall Österreich zu einem Casus belli zu machen. Der Franzose verließ jenes Land, das fünf Jahre hindurch gegen den an die Macht drängenden Nationalsozialismus heroischen Widerstand geleistet hat. Jenes Land, dessen jahrtausendalte Kultur er bewunderte, wo die Geschichte nicht in engen nationalen Bahnen verlief, sondern europäisches Format aufwies.

Mit dem französischen Gesandten verließen auch viele Österreicher das I,and. Vor allem Politiker, Künstler, Wissenschaftler und rassisch Verfolgte, die um ihr lieben bangten. Sie alle zogen die Freiheit in der Fremde der Diktatur in der Heimat vor.

Unter ihnen befand sich Hans Rott, Bundesminister im letzten Kabinett Schuschniggs. Als Repräsentant der letzten österreichischen Regierung beabsichtigte er eine österreichische Exilregierung zu bilden und eine österreichische Legion aufzustellen. Er wollte den politischen Fehler Schuschniggs korrigieren. Denn nach Meinung des Zeitzeugen Fritz Rock war die Entscheidung Schuschniggs, keinen Widerstand zu leisten und auch nicht außer Landes zu gehen, politisch falsch. Ein militärischer Widerstand und die Rildung einer von Schusch-nigg geführten österreichischen Exilregierung hätte den Widerstandswillen Österreichs in aller Welt bekannt gemacht. Es wäre sicherlich nicht zur Erklärung der Moskauer Konferenz 1943 gekommen, daß Österreich die Teilnahme am Krieg zu verantworten habe.

Hans Rott kam aus der christlich-sozialen Arbeiterbewegung. In einem Rrief an Julius Deutsch schrieb er einmal: „Ich stamme aus der Gewerkschaftsbewegung und gehöre dem linken Flügel der Christlichsozialen Partei an. 1936 wurde ich von Bundeskanzler Schuschnigg aufgefordert, in die Regierung einzutreten, um die Verbindung zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei wiederherzustellen, die infolge der bekannten unglücklichen Ereignisse vom Februar 1934 abgerissen waren... Ich stieß auf beiden Seiten, links sowohl als rechts, auf Widerstand. Aber meine Arbeit zeitigte schließlich doch Früchte. Meine Verhandlungen mit der sozialdemokratischen Arbeiterschaft führten zu dem Ergebnis, daß diese sich zur Mitarbeit im Staate bereiterklärte ... Das Endergebnis meiner im Einvernehmen mit dem Rundeskanzler ausgeübten Tätigkeit wäre die Rückkehr Österreichs zur Demokratie gewesen. Wir waren auf dem besten Wege. Hitlers Überfall hat die Erreichung dieses Zieles verhindert..."

Nach seiner Haftentlassung im Jänner 1939 emigrierte er nach Paris, wo er als ehemaliger Minister sofort mit sozialistischen Exilgruppen über die Bildung einer österreichischen Exilregierung in Verhandlungen trat, zumal er von französischen Begierungsstellen geradezu aufgefordert wurde, eine österreichische Auslandsvertretung zu schaffen. Denn bei Kriegsausbruch war führenden französischen Regierungskreisen klar, wenn eine Wiederherstellung Österreichs erreicht werden sollte, mußte der erste Schritt zu diesem Ziel die Rildung einer österreichischen Exilregierung und die Aufstellung einer österreichischen Truppeneinheit sein. Als Hans Rott mit französischen Regierungsvertretern Verhandlungen über die Rildung einer öster-' reichischen Exilregierung führte, stieß er sofort auf den Widerstand der österreichischen Sozialisten, die entschlossen waren, jede Auslandsvertretung zu verhindern. Sie hielten am Anschlußgedanken fest und setzten allen Restrebungen zur Wiederherstellung Österreichs erbitterten Widerstand entgegen. Julius Deutsch bestätigte, daß alle Schwierigkeiten, eine österreichische Einheitsfront herzustellen, an den Sozialisten lagen, die sich weigerten, mit nichtsozialistischen Kräften zusammenzuarbeiten.

Die Weichen für die künftige sozialistische Emigrationspolitik wurden durch einen Reschluß gestellt, der bereits im April 1938 in Brüssel von führenden österreichischen sozialistischen Emigranten wie Otto Bauer, Julius Deutsch, Friedrich Adler gefaßt wurde: „Der Anschluß Österreichs an Deutschland wird als eine vollzogene Tatsache anerkannt. Die Loslösung Österreichs vom Deutschen Beich wird ausdrücklich abgelehnt ... Die Aufgabe der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Österreichs bestehe nicht im Kampf um die Wiederherstellung der Souveränität Österreichs, sondern nur in der Umwandlung des bestehenden nationalsozialistischen Deutschlands in ein sozialistisches Deutschland. Das heißt, die österreichischen Sozialisten bejahen die Parole ,ein Volk, ein Beich', aber ohne dessen Führer ..." Wenige Monate später, am 2. Juni 1938, bestätigte Otto Bauer in der Pariser Zeitung „Der sozialistische Kampf" eine wesentliche Aussage des Brüsseler Beschlusses: „... Die Wiederherstellung Österreichs ist eine reaktionäre Parole ... wir sind der österreichische Stamm der Deutschen Nation..." Erst die Moskauer Deklaration Ende 1943 zwang die Führungsschicht der emigrierten österreichischen Sozialisten in England und in Amerika auf den österreichischen Weg. Nur Friedrich Adler, der Österreich als eine widerliche Utopie bezeichnete, verharrte in Konsequenz. Er kehrte nach Kriegsende nicht nach Österreich zurück.

Die Nationalsozialisten kannten den Brüsseler Beschluß und anerkannten die Nibelungentreue österreichischer sozialistischer Emigranten. Wenn schon nicht für Hitler, so doch für das gesamtdeutsche Reich inklusive Ostmark.

Bezeichnenderweise fehlte daher in den Anklageschriften gegen Sozialisten die gegen Kommunisten und Katholisch-Konservative, Monarchisten und Christlichsoziale erhobene Beschuldigung der „Losreißung der Alpen- und Donaugaue vom Reich". Schon allein diese Anklage genügte, um ein Todesurteil zu fällen.

Die Bemühungen des ehemaligen Ministers Hans Rott scheiterten an der starren Haltung der Sozialisten. Die französische Regierung konnte eine österreichische Exilregierung uneiniger Politiker nicht anerkennen.

Franz Goldner ist in seiner Studie „Die österreichische Emigration" der festen Überzeugung, daß die Geschichte der österreichischen politischen Emigration eine ganz andere Richtung genommen hätte, wenn die politische österreichische Emigration in Frankreich nicht schon im ersten Kriegsjahr zu ihrem Ende gekommen wäre.

Der Autor,

Regierungsrat, ist Kulturreferent im Bundesministerium für Finanzen. Ein Beitrag über das 1. Österreichische Freiwilligenbataillon in Nordafrika erschien in Furche 49/1995, Seite 17. Ein weiterer Aufsatz über die österreichische Emigration (USA, Großbritannien, Sowjetunion) folgt in der nächsten Zeitgeschichte.

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