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Die neue Welt von damals

Karl Renner und die Übergangsregierung - © FFoto: APA / Heeregeschichtl. Museum / Arsenal (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
Zeitgeschichte

Österreich 1945: Geschichte einer Wiederauferstehung

1945 1960 1980 2000 2020

Gemeinsinn, eine neue Verfassung, Opferstatus und wöchentlich 50 Deka Brot: über die ersten Schritte Österreichs in die fragile Freiheit.

1945 1960 1980 2000 2020

Gemeinsinn, eine neue Verfassung, Opferstatus und wöchentlich 50 Deka Brot: über die ersten Schritte Österreichs in die fragile Freiheit.

Vergiss nicht, der Herr ist erstanden.“ Mit diesem Gruß versuchte der KZ-Häftling Leopold Figl seine deprimierten Kameraden am ersten Ostermorgen im KZ Dachau aufzurichten. „Der Herr ist wahrlich erstanden“, erwiderten seine Freunde. In seiner buchstäblich grenzenlosen Zuversicht sagte Figl zu jedem „Amen und Österreich“. Allein letztes Wort auszusprechen konnte im KZ schlimme Folgen haben.

Bis Figl von „Österreich“ gefahrlos sprechen konnte, dauerte es noch lange sieben Jahre. Manche wie er überlebten den NS-Terrorstaat, andere nicht. Zu ihnen zählte Heinrich Otto Spitz. Er war der Kontaktmann Figls zur Widerstandsgruppe „O5“. Noch im letzten Augenblick, am 10. April 1945, wurde er von der bereits abziehenden SS am Ufer des Donaukanals erschossen – eines der vielen aus Rache motivierten „Endphasenverbrechen“ der Nazis. Erst danach konnten Adolf Schärf, Felix Hurdes und die anderen Republikgründer dar­angehen, die vagen Pläne, die sie 1943/44 gemacht hatten, zu realisieren. Zu ihnen stieß Karl Renner. Ihn hatten die Sowjets, quasi als Frontmann des zu gründenden Staates, nach Wien mitgebracht. Renner hatte sich selbst angeboten. Der „alte Fuchs“, an den sich Stalin erinnerte, erwies sich 1945 in seinem geschmeidigen und pragmatischen Agieren als Glücksfall für Österreich.

Kein Platz für Selbstkritik

Am 14. April formierte sich die SPÖ im Wiener Rathaus, am 17. April die ÖVP im Schottenhof. Dazwischen, am 15. April, wurde mit dem Sozialisten Johann Böhm an der Spitze ein einheitlicher und überparteilicher Gewerkschaftsbund gegründet. Unter der Ägide der Sowjets begannen mit dem Eintreffen Renners in Wien am 20. April die Gespräche zur Bildung der Provisorischen Staatsregierung. Renner stand als „Staatskanzler“ fest, Adolf Schärf, Leopold Figl und Johann Koplenig führten ihre Fraktionen und bildeten mit Renner den Politischen Kabinettsrat. Am 27. April proklamierten die Parteien die Unabhängigkeit Österreichs. Im Geiste der Moskauer Deklaration und im biografischen Erleben der meisten Akteure ging sie ganz von einem Opferstatus Österreichs aus, eine selbstkritische Frage nach einem Anteil an der NS-Herrschaft fand in dieser Situation keinen Platz.

Zu Kriegsende setzte Renner eine für ihn signifikante Geste. Mit Leopold Figl an seiner Seite besuchte er, der Sozialist, am 9. Mai 1945 einen von Kardinal Innitzer gefeierten Dankgottesdienst. Er fand in der Peterskirche statt, die als Ersatz für den zerstörten Stephansdom diente. Es sollte eben ein Neubeginn sein. Nicht personell, da waren über weite Strecken Leute am Werk, die eine bis vor 1938 zurückreichende politische Vergangenheit hatten. Aber sie gingen die Sache mit einer grundlegend anderen Einstellung an. Es war nunmehr ein demokratischer Gemeinsinn vorhanden, der Zusammenarbeit, Konsens und Kompromiss einschloss. Politischer Pluralismus, sozialer Ausgleich und Mehrparteiendemokratie standen außer Streit – welch Gegensatz zur Zwischenkriegszeit!

Es dominierte nicht mehr die Ausschließlichkeit der weltanschaulichen Lager, deren Vertreter in Parallelwelten gelebt und sich hermetisch voneinander abgeschlossen hatten, sondern ein Aufeinander-Zugehen angesichts von Not, Zerstörung und Ungewissheit über die nächste Zukunft. Die Volkspartei hatte sich vom politischen Klerikalismus der Christlichsozialen verabschiedet, die Sozialisten vom Austromarxismus, und selbst die Kommunisten stellten – ganz im Sinne Moskaus – vorerst den Gedanken eines revolutionären Umsturzes zugunsten einer demokratischen Zusammenarbeit zurück. Wie eine mögliche Volksdemokratisierung hätte beginnen können, wurde in der Verfassungsfrage deutlich.