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Die neue Welt von damals

Erlauf Handschlag und Uhrenvergleich - © Foto: „Erlauf erinnert sich“ (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
Zeitgeschichte

Hugo Portisch zum 8. Mai: „Es war ein Freiheitsrausch“

1945 1960 1980 2000 2020

Hugo Portisch über den 8. Mai 1945, seine Aufarbeitung der Republiksgeschichte – und was wir aus der Historie gelernt haben.

1945 1960 1980 2000 2020

Hugo Portisch über den 8. Mai 1945, seine Aufarbeitung der Republiksgeschichte – und was wir aus der Historie gelernt haben.

Österreich feiert 75 Jahre Kriegsende – und einmal mehr wurde Hugo Portisch (93), der große Geschichts-Erklärer, um die Festrede der Republik zum 8. Mai gebeten (zu hören im Rahmen einer Sondersendung ab 11 Uhr auf ORF 2). Mit der FURCHE hat er schon zuvor seine Erinnerungen an das Schicksalsjahr 1945 geteilt.

DIE FURCHE: Bei Weltkriegsende warst du 18 Jahre alt, ein junger, politisch wacher Mann. Jetzt, gewaltige 75 Jahre später, sieht Österreich in dir noch immer den großen Zeitzeugen und Geschichtslehrer. Was ist deine stärkste persönliche Erinnerung an jene Schicksalstage von 1945?
Hugo Portisch
: Ganz klar: das Gefühl von Erleichterung, ja Befreiung, weil alles vorbei war – Krieg und Diktatur, Bedrohung, Anspannung und Angst. De facto war ich eine Art Deserteur, weil ich noch zur Waffen-SS einrücken sollte. Das war mir ein Grauen. Also: Flucht – und an jeder Ecke die Panik, von den „Kettenhunden“ des Regimes erwischt zu werden. Die Russen waren da schon am Stadtrand von Wien, da wollte ich entkommen.

DIE FURCHE: Du bist in Pressburg aufgewachsen und erst im Kriegsfinale in das von Not und Trümmern gezeichnete Wien gekommen. Wie konnten die Menschen hier so rasch deine Glücksgefühle mittragen?
Portisch:
Auch wir in Pressburg hatten Bomben, viele Bomben. Aber es stimmt: In Wien war das Leid größer – und bald auch die Begeisterung. Ein Freiheitsrausch. Unvergesslich, als Karl Renner mit der neu gebildeten Regierung zum Parlament gezogen ist – welcher Jubel, welche Menschenmassen, welche Zuversicht: „Jetzt geht es aufwärts!“

Österreich feiert 75 Jahre Kriegsende – und einmal mehr wurde Hugo Portisch (93), der große Geschichts-Erklärer, um die Festrede der Republik zum 8. Mai gebeten (zu hören im Rahmen einer Sondersendung ab 11 Uhr auf ORF 2). Mit der FURCHE hat er schon zuvor seine Erinnerungen an das Schicksalsjahr 1945 geteilt.

DIE FURCHE: Bei Weltkriegsende warst du 18 Jahre alt, ein junger, politisch wacher Mann. Jetzt, gewaltige 75 Jahre später, sieht Österreich in dir noch immer den großen Zeitzeugen und Geschichtslehrer. Was ist deine stärkste persönliche Erinnerung an jene Schicksalstage von 1945?
Hugo Portisch
: Ganz klar: das Gefühl von Erleichterung, ja Befreiung, weil alles vorbei war – Krieg und Diktatur, Bedrohung, Anspannung und Angst. De facto war ich eine Art Deserteur, weil ich noch zur Waffen-SS einrücken sollte. Das war mir ein Grauen. Also: Flucht – und an jeder Ecke die Panik, von den „Kettenhunden“ des Regimes erwischt zu werden. Die Russen waren da schon am Stadtrand von Wien, da wollte ich entkommen.

DIE FURCHE: Du bist in Pressburg aufgewachsen und erst im Kriegsfinale in das von Not und Trümmern gezeichnete Wien gekommen. Wie konnten die Menschen hier so rasch deine Glücksgefühle mittragen?
Portisch:
Auch wir in Pressburg hatten Bomben, viele Bomben. Aber es stimmt: In Wien war das Leid größer – und bald auch die Begeisterung. Ein Freiheitsrausch. Unvergesslich, als Karl Renner mit der neu gebildeten Regierung zum Parlament gezogen ist – welcher Jubel, welche Menschenmassen, welche Zuversicht: „Jetzt geht es aufwärts!“

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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger-Fleckl (Chefredakteurin)

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DIE FURCHE: Sind deine Erinnerungen an diesen Begeisterungssturm später von deinen Nachforschungen für die große ORF-Serie „Österreich II“ bestätigt worden?
Portisch
: O ja – und wie!

DIE FURCHE: Aber als der NS-Terror vorbei war, kam doch der Terror der russischen Soldateska – vor allem gegenüber Frauen …
Portisch
: Das war damals nicht so generell spürbar. Man sprach zwar davon, aber es war doch individueller als alle Gewalt zuvor.

DIE FURCHE: Die Zeitgeschichte feiert den 8. Mai als offizielles Kriegsende. Aber war da für die meisten Österreicher nicht schon alles vorbei?
Portisch:
Stimmt, das war der Schlussstrich: Hitler war tot, das Regime am Ende, die Wehrmacht hatte kapituliert. Das eigentlich wunderbare Datum war hier der 27. April, das Wiedererstehen unseres Landes. Freilich: Eine echte „Stunde null“ gab es nicht – die Geschichte stand nie still. Jeder Tag hat Geschichte geschrieben.

Diese weit unterschätzte Republik ausgraben zu dürfen, da war mein ganzes Herz dabei.

DIE FURCHE: Dein historisches Verdienst ist es, mit den Mitteln des Fernsehens erstmals eine „gemeinsame Erzählung“ über unsere Zweite und Erste Republik geschrieben zu haben. Und das, obwohl jeder Bürger sein eigenes Drama erlebt hatte. War dieser Anspruch überhaupt zu erfüllen?
Portisch:
Anfangs gar nicht. Aber nach Jahrzehnten war es Zeit, die Fülle der Einzelgeschichten zusammenzuführen – als die Österreicher bereit waren, auch die Erfahrungen von Mitbürgern als Teil der Wahrheit zu akzeptieren.

DIE FURCHE: Der Wettlauf der Sieger-Armeen durch Österreich ist ja, wie du herausgefunden hast, im Mai 1945 bis zur letzten Minute dramatisch gewesen: In Amstetten ist eine erste amerikanisch-russische Begegnung an einem irrtümlichen russischen Bombardement gescheitert. Das Treffen zweier Generäle fand dann am späten Abend des 8. Mai im kleinen niederösterreichischen Erlauf statt – mit Umarmung (siehe Titelbild). Wussten da die Großmächte schon, was aus Österreich werden sollte?
Portisch:
Ja, im Grunde war das seit der Jalta-Konferenz im Februar 1945 klar. Die kämpfenden Truppen wussten es nicht, ihre Führer schon: ein Wiedererstehen des Staatensystems vor 1938 – also auch ein unabhängiges Österreich. Stalin sorgte sich zudem um das Vertrauen der Alliierten, damit seine kriegsgeschwächten Truppen nicht noch vom Westen mitbesiegt würden. Aber sein ideologischer Sicherheitsschlüssel war von Anfang an – nicht nur in Österreich – eine KP-ergebene Staatspolizei.

Portisch Nussbaumer - © Foto: APA / Hans Punz (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Was Hugo Portisch mit der FURCHE verbindet

Weggefährten seit mehr als 50 Jahren: Hugo Portisch, „der wichtigste und einflussreichste Architekt unseres kollektiven Gedächtnisses – und Teil der österreichischen DNA“ (© Außenminister Alexander Schallenberg), und FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer. Eine Nähe, geprägt von den Prinzipien Portischs für einen weltoffenen und verantwortungsbewussten Journalismus. „Was immer er angepackt hat – es musste und muss seinen drei Grundsätzen entsprechen“, erinnert sich Nußbaumer: „Aus der Geschichte lernen. Gegen Vorurteile kämpfen. Und zur Toleranz erziehen.“

Weggefährten seit mehr als 50 Jahren: Hugo Portisch, „der wichtigste und einflussreichste Architekt unseres kollektiven Gedächtnisses – und Teil der österreichischen DNA“ (© Außenminister Alexander Schallenberg), und FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer. Eine Nähe, geprägt von den Prinzipien Portischs für einen weltoffenen und verantwortungsbewussten Journalismus. „Was immer er angepackt hat – es musste und muss seinen drei Grundsätzen entsprechen“, erinnert sich Nußbaumer: „Aus der Geschichte lernen. Gegen Vorurteile kämpfen. Und zur Toleranz erziehen.“

DIE FURCHE: Von Kreisky stammt der Satz: „Ohne Russen wäre Hitler nie besiegt worden. Weder der Amerikaner Roosevelt noch der Brite Churchill hätten damals ihren Ländern zumuten können, einen so hohen Preis an Menschenopfern für dieses Österreich zu bezahlen, wie es Stalin tat!“ Stimmt das?
Portisch:
Ja, das stimmt – es stimmt für den gesamten Krieg und auch für unser Land. Denken wir nur an die ungezählten russischen Soldatengräber in Ostösterreich. Kein vernünftiger Mensch kann das bestreiten. Soldaten der Westmächte sind hier im Kampf kaum gestorben, die saßen zumeist in den Bombern. Russlands Preis für Hitlers Sturz aber war gigantisch! Aber da fällt mir noch eine Aufgabe für unsere Historiker ein: Wer weiß heute noch von jenen gigantischen Waffenhilfen, die Amerika für die „Rote Armee“ geleistet hat.

Die Hälfte der Geleitzüge, die über den Atlantik kamen, ging nicht nach England, sondern ins russische Murmansk. Man sollte einmal die Fotos vom Einmarsch der Russen in Wien untersuchen: wie viele russische Panzer damals gar keine russischen Panzer waren, sondern amerikanische …

DIE FURCHE: Du hast mir einmal gesagt: „Von allen Lebensaufgaben war mir die Aufarbeitung unserer Republiks-Geschichte die Krönung.“ Warum eigentlich?
Portisch:
Es war die Rekonstruktion dessen, was damals wirklich geschehen ist. Das hat mich fasziniert: was sich damals wirklich zugetragen hat; welche Absichten die handelnden Personen hatten. Und vor allem: ob diese Erste Republik wirklich nicht lebensfähig war, wie es immer geheißen hat. Das war überhaupt nicht aufgearbeitet, war umstritten – und ist es zum Teil bis heute. Diese weit unterschätzte Republik ausgraben zu dürfen, da war mein ganzes Herz dabei: wie viel an politischer Eigenleistung gab es, wie viel an fremder Entwicklung – und wie viel Glück oder Pech.

Eine echte „Stunde null“ gab es nicht – die Geschichte stand nie still. Jeder Tag hat Geschichte geschrieben.

DIE FURCHE: Und wie verteilen sich diese Gewichte?
Portisch:
(lachend) Das, was wir sehr gut gemacht haben, das war zum größten Teil ein Glücksfall …

DIE FURCHE: Und wie viel Glück hat dann 1945 mitgespielt?
Portisch:
Da sind wir zunächst platt am Boden gelegen. Aber der Wille, diese Entschlossenheit, es schaffen zu wollen – das war ganz stark. Und überall – in einem völlig unerwarteten Ausmaß!

DIE FURCHE: In diesen Tagen lesen wir in Medien die immer gleiche Frage: Jetzt sind wir in der größten Krise seit 1945 – was können wir von damals lernen?
Portisch:
So unvergleichbar die Lage ist und das Heute dem Drama von damals nicht gerecht wird – die Antwort ist schlicht und allumfassend: 1. Ja, aus der Geschichte kann man lernen. Und 2. Ja, Österreich hat aus der Ersten Republik ganz entscheidend für die Zweite Republik gelernt. Hätten wir ab 1945 diese Erfahrungen nicht gehabt – wir hätten nach Krieg und Diktatur ganz anders gehandelt. Wir haben also enorm gelernt. Das darf niemand kleinreden! Nur ein Beispiel: Am 8. Mai war Kriegsende – und schon am nächsten Tag sind Renner und Figl gemeinsam zum Dankgottesdienst von Kardinal Innitzer in die Peterskirche gegangen – und tausende Österreicher sind jubelnd vor den Toren gestanden. Die Botschaft war: Ab jetzt zusammenhalten!