Hugo Portisch - Hugo Portisch - © Foto: Ernst Kainerstorfer/Verlag ECOWIN
Medien

Lieber Hugo Portisch!

1945 1960 1980 2000 2020

FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer, einer der engsten Weggefährten Hugo Portischs, über dessen eben erschienene Biografie.

1945 1960 1980 2000 2020

FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer, einer der engsten Weggefährten Hugo Portischs, über dessen eben erschienene Biografie.

Schon lange hatten wir uns vorgenommen: Sollten wir ins reifere Alter kommen, würden wir nicht "wie Indianer-Häuptlinge am Lagerfeuer sitzen und von vergangenen Heldentaten träumen". Irgendwann nützte das aber nichts. Da war der Druck unserer Freunde und Verleger - und dann auch noch manch schlechtes Beispiel, auch meines. Eine Zeitung hatte mich gefragt, was ich tun würde, sollte ich jemals einen Tag Österreich regieren. "Jedem einen Steuernachlass geben, der seine Lebensgeschichte aufschreibt", hatte ich geantwortet. Denn wir alle seien ja Zeitzeugen, im Großen wie im Kleinen - und mit unserem Reden und Tun auch Mitgestalter der Zeitgeschichte.

Prompt saß ich in der Falle, um irgendwann - zögernd und mit schlechtem Gewissen - das als Journalist Erlebte in Buchform festzuhalten. Denn mir war klar, dass da viele waren, die weit mehr Anlass hatten, ihre Lebenserfahrungen preiszugeben. Du, lieber Hugo Portisch, allen voran. Prompt gehörte nun auch ich zu jenen, die Dich bedrängten, Deinen Schicksalsbogen - beruflich und privat - für uns niederzuschreiben.

Schon lange hatten wir uns vorgenommen: Sollten wir ins reifere Alter kommen, würden wir nicht "wie Indianer-Häuptlinge am Lagerfeuer sitzen und von vergangenen Heldentaten träumen". Irgendwann nützte das aber nichts. Da war der Druck unserer Freunde und Verleger - und dann auch noch manch schlechtes Beispiel, auch meines. Eine Zeitung hatte mich gefragt, was ich tun würde, sollte ich jemals einen Tag Österreich regieren. "Jedem einen Steuernachlass geben, der seine Lebensgeschichte aufschreibt", hatte ich geantwortet. Denn wir alle seien ja Zeitzeugen, im Großen wie im Kleinen - und mit unserem Reden und Tun auch Mitgestalter der Zeitgeschichte.

Prompt saß ich in der Falle, um irgendwann - zögernd und mit schlechtem Gewissen - das als Journalist Erlebte in Buchform festzuhalten. Denn mir war klar, dass da viele waren, die weit mehr Anlass hatten, ihre Lebenserfahrungen preiszugeben. Du, lieber Hugo Portisch, allen voran. Prompt gehörte nun auch ich zu jenen, die Dich bedrängten, Deinen Schicksalsbogen - beruflich und privat - für uns niederzuschreiben.

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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

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Und alles in einem Buch

Ich weiß, wie lange Du Dich gesträubt hast. Wie oft Du versucht hast, Dein Leben und Wirken klein zu machen. Es ist Dir letztlich nicht gelungen, gottseidank! Irgendwann begannen Deinem Widerstand die Argumente auszugehen. Erste Texte entstanden - und bald auch neue Zweifel: Wie sollte denn das alles in einem Buch Platz finden?

Zunächst das unglaubliche Drama Deiner Kindheit und Jugend: Krieg, Verlust der alten Heimat Pressburg, Flucht vor dem Zugriff des NS-Militärs, Studium im zerstörten Wien - und Deine große Liebe Traudi.
Dann der Start in den Journalismus unter Besatzungsbedingungen, das Erlebnis der "School of Journalism" (Missouri, USA), der freien und doch nicht freien Presse Amerikas - Kern-Erfahrungen für Dein weiteres Leben. Das Entstehen der heimischen Medienlandschaft. Und das Abenteuer Kurier - jahrzehntelang Deine große Bühne, um uns etwas von Deiner Weltoffenheit spüren zu lassen und um dieses noch junge, demokratisch nicht gefestigte Österreich mitzugestalten. Wie oft durfte auch ich in Deinem Auftrag hinausfahren - in Kriege und Krisen, zu Wahlkämpfen, Friedenskonferenzen und Interviews. Und wie stolz war ich dann, weitab der Heimat erleben zu dürfen, welchen Ruf Du hattest und wie viele Türen mir Dein Name und Dein Ansehen geöffnet haben.

Spannend, auch unterhaltsam, immer wahrhaftig und fair. Und ganz ohne Selbstgefälligkeit, den Blick stets auf jene Gestalten und Schauplätze der Zeitgeschichte gerichtet, die ein Anrecht auf Beständigkeit haben.

Dann der ORF, der Dich rund um den Globus schickte und Dich als Chefkommentator tausendfach vor die Kameras stellte, um uns Daheimgebliebenen in beispielhafter Kürze und Klarheit die Welt zu erklären.

Dann Dein vielleicht größtes Lebenswerk: Österreichs Zeitgeschichte, die noch roh und heftig umstritten war, für das Medium Fernsehen erstmals zu ordnen und zu deuten - unabhängig von allen Prägungen der großen politischen Lager. Du hast der Geschichte unserer Heimat Bilder, Töne und Gefühle zurückgegeben, Szenen des Jubels und der Tränen. Zunächst "Österreich II", dann auch "Österreich I", um Jahre später "das Wunder Österreich" im Licht neuer Erkenntnisse erneut auf den Punkt zu bringen. "Geschichtslehrer der Nation" hat man Dich genannt.

Wen konnte es da wundern, dass Deine unglaubliche Medien-Präsenz irgendwann zu politischen Angeboten führte - bis hin zur Anfrage, Dich für die Staatsspitze zu nominieren. Du hast all diesen Verlockungen widerstanden. "Gottseidank Journalist" hieß die Magnetnadel auf Deinem Lebenskompass. So hast Du unserem Berufsstand, dem immer auch Oberflächlich-Übertreibendes, ja Verzerrendes anhaftet und der so vielen Verführungen und Zumutungen ausgesetzt ist, ein hohes Maß an Respekt und Würde gegeben.

Zu alledem: Wie sollten sich die Ernten Deiner Reisen in alle Richtungen der Windrose, Deine zahllosen Erfahrungen und Erkenntnisse, jemals zwischen zwei Buchdeckel pressen lassen? Die Fülle persönlich erlebter globaler Politik samt Hintergründen - von Russland bis China, von Schwarzafrika bis Lateinamerika, von Vietnam bis Kuba usw. usw.? Täuscht der Eindruck, dass uns manches an weltpolitischem Interesse, das Du uns mit Deinen Serien und Büchern erschlossen hast, inzwischen verloren gegangen ist - trotz aller Globalisierung?

Immer Vermittler, Bote, ja auch Interpret des Geschehens zu bleiben, aber nicht mehr.

Zugegeben, auch ich habe zu jenen gehört, die in der Entstehungszeit Deiner Biografie gehofft hatten, am Ende würden mindestens drei Bände diese übervollen Scheunen des Erlebten festhalten - einfach aus Sorge, allzu vieles würde unter dem Zwang zur Kürze verloren gehen. Aber Du hast das Unmögliche geschafft und einmal mehr Deine enorme Begabung bewiesen, das Wesentliche auf den Punkt zu bringen. Spannend, auch unterhaltsam, immer wahrhaftig und fair. Und ganz ohne Selbstgefälligkeit, den Blick stets auf jene Gestalten und Schauplätze der Zeitgeschichte gerichtet, die ein Anrecht auf Beständigkeit haben.

Unglaublich, wie präzise Du das alles in Deinem Gedächtnis aufbewahrt hast, auch über manches Jahrzehnt hinweg. Und wie konsequent Du selbst erfüllst, was Du uns Deinen Schülern - mitzugeben versucht hast: immer Vermittler, Bote, ja auch Interpret des Geschehens zu bleiben, aber nicht mehr.

Selbst jene, die gemeint haben mögen, Dich und Dein Leben genau zu kennen, auch sie lernen aus diesem Buch, was ihnen alles entgangen war. Nur ein paar Beispiele dafür seien genannt:

Habsburg, "Henry" usw.

Etwa als Dich Otto Habsburg in seine Ambitionen einweihte, als künftiger "Justizkanzler" zugleich Staats- und Regierungschef Österreichs zu werden

Als Du in die geheimsten Zentralen der Großmächte und des "Kalten Kriegs" vorgelassen wurdest: in die unterirdische Kommandozentrale der Atommacht USA - und in das entlegene Akademgorodok, die sibirische Wissenschaftszentrale der UdSSR.

Als Dir Chinas damaliger Außenminister Chen Yi erstmals das neue Weltbild Pekings enthüllte: nach Bruch mit Moskau die Annäherung an das bisher verketzerte Amerika. Und als US-Senatoren nach Wien reisten, um mehr dazu von Dir zu erfahren.

Lieber Hugo Portisch, wenn Dich dieses Land jetzt, nach Erscheinen Deiner Biografie, in Politik und Medien als Patriot und Weltbürger feiert: Lass es zu!

Als Du mit Henry Kissinger an einer weltweit gesendeten Dokumentation über die Wurzeln der großen Kriege Europas gearbeitet hast: den Kampf Russlands, Deutschlands und einst des Habsburgerreichs um die "Beute Zwischeneuropa", vom Baltikum bis zum Balkan. Eine Großregion, die heute - siehe Ukraine - um den Schutz ihrer Freiheit und Selbständigkeit durch EU und NATO ringt.

Und dazwischen all das, was uns Österreichern so wichtig ist: die Geschichte von Staatsvertrag und Neutralität, das Rundfunk-Volksbegehren, der Zeitungskrieg und die Entstehung der Kronen-Zeitung; Julius Raab, Bruno Kreisky, Kurt Waldheim - und Dein stiller Impuls von 1991, unsere Republik müsse sich endlich zur Verantwortung für alle Taten der Geschichte bekennen.
Lieber Hugo Portisch, wenn Dich dieses Land jetzt, nach Erscheinen Deiner Biografie, in Politik und Medien als Patriot und Weltbürger feiert: Lass es zu! Ein so politisch-objektives, geschichtsmächtiges Buch dieser Breite und Tiefe - Biografie der Zweiten Republik und globale Zeitgeschichte - ist hierzulande bisher noch nicht geschrieben worden.

Aufregend war es immer - © Ecowin
© Ecowin
Buch

Aufregend war es immer

von Hugo Portisch
Ecowin 2015
432 Seiten, Hardcover, € 24,95

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