Portisch - © Foto: Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres

„Journalistisches und menschliches Ethos“

1945 1960 1980 2000 2020

Hugo Portisch hat von Außenminister Alexander Schallenberg das „Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik“ erhalten. Eine Laudatio von einem seiner engsten Weggefährten, FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer.

1945 1960 1980 2000 2020

Hugo Portisch hat von Außenminister Alexander Schallenberg das „Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik“ erhalten. Eine Laudatio von einem seiner engsten Weggefährten, FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer.

Verehrter Gastgeber, lieber Herr Bundesminister, sehr geehrte Ehren- und Festgäste, lieber Hugo!

Es war Ende der 50erjahre des vergangenen Jahrhunderts, da hat uns der Deutschprofessor im Gymnasium gezwungen, die „Odyssee“ zuerst auf eine Schulheft-Seite, dann sogar auf sieben und schließlich auf vier Zeilen zu komprimieren. So fühle ich mich auch jetzt bei meinem Auftrag, das Leben und Wirken von Hugo Portisch möglichst auf zehn Minuten zu verknappen.

Eine „Mission impossible“, würden wir heute sagen.

Ich versuche, meinen Kopf zunächst mit drei Vorbemerkungen aus der Schlinge zu ziehen.

- Die erste: Über dieser Stunde liegt die Gewissheit, dass diese Ehrung in Wahrheit gar keiner inhaltlichen Begründung bedarf, weil sie für niemanden auf „wackeligen Füßen steht“.

Mit Hugo Portisch ehrt unsere Republik den großen Journalisten und Volksbildner mit einer ganz beispiellosen Glaubwürdigkeit – als Patriot und Geschichtslehrer der Nation, auch als leidenschaftlichen Europäer und lebenslangen Welterklärer. Sie ehrt ein Vorbild an Wissen und Gewissen über unglaubliche 70 Jahre hinweg - einen, der übrigens schon damals KURIER-Chefredakteur war, als ich mich noch mit der Odyssee im Telegrammstil abgemüht habe.

- Die zweite Vorbemerkung: Vermutlich wird diese Feierstunde viele unserer Landsleute enorm überraschen – einfach deshalb, weil sie Dr. Portisch längst - und ganz selbstverständlich - als ‚aller Ehren würdig‘ und höchst-ausgezeichnet vermutet haben.

Dass dem aber nicht so ist, das lag bisher allein an ihm selbst. Es stimmt: Da ist kein Medienpreis, den er nicht – meist schon mehrfach – bekommen hat. Einer staatlichen Ehrung und jeglichem Ehrenamt aber – bis hin zum Angebot, für das Amt des Bundespräsidenten anzutreten – hat er sich stets verweigert.

Der Grund: Weil er sich mit seiner konsequenten Distanz zu Orden, Titeln und Huldigungen die Freiheit und Unabhängigkeit seines Denkens, Redens und Schreibens keinesfalls einengen lassen wollte. Eine Haltung, die gerade in einem so kleinen Land wie Österreich mit ihrer vielfachen Nähe von Politik und Medien sinnvoll und durchaus mutig war.

Erst die hinzugewachsenen Altersringe – und wohl auch die Besonderheit dieser amtierenden Bundesregierung – haben ihn zuletzt ein wenig nachgiebiger gemacht.

Verehrter Gastgeber, lieber Herr Bundesminister, sehr geehrte Ehren- und Festgäste, lieber Hugo!

Es war Ende der 50erjahre des vergangenen Jahrhunderts, da hat uns der Deutschprofessor im Gymnasium gezwungen, die „Odyssee“ zuerst auf eine Schulheft-Seite, dann sogar auf sieben und schließlich auf vier Zeilen zu komprimieren. So fühle ich mich auch jetzt bei meinem Auftrag, das Leben und Wirken von Hugo Portisch möglichst auf zehn Minuten zu verknappen.

Eine „Mission impossible“, würden wir heute sagen.

Ich versuche, meinen Kopf zunächst mit drei Vorbemerkungen aus der Schlinge zu ziehen.

- Die erste: Über dieser Stunde liegt die Gewissheit, dass diese Ehrung in Wahrheit gar keiner inhaltlichen Begründung bedarf, weil sie für niemanden auf „wackeligen Füßen steht“.

Mit Hugo Portisch ehrt unsere Republik den großen Journalisten und Volksbildner mit einer ganz beispiellosen Glaubwürdigkeit – als Patriot und Geschichtslehrer der Nation, auch als leidenschaftlichen Europäer und lebenslangen Welterklärer. Sie ehrt ein Vorbild an Wissen und Gewissen über unglaubliche 70 Jahre hinweg - einen, der übrigens schon damals KURIER-Chefredakteur war, als ich mich noch mit der Odyssee im Telegrammstil abgemüht habe.

- Die zweite Vorbemerkung: Vermutlich wird diese Feierstunde viele unserer Landsleute enorm überraschen – einfach deshalb, weil sie Dr. Portisch längst - und ganz selbstverständlich - als ‚aller Ehren würdig‘ und höchst-ausgezeichnet vermutet haben.

Dass dem aber nicht so ist, das lag bisher allein an ihm selbst. Es stimmt: Da ist kein Medienpreis, den er nicht – meist schon mehrfach – bekommen hat. Einer staatlichen Ehrung und jeglichem Ehrenamt aber – bis hin zum Angebot, für das Amt des Bundespräsidenten anzutreten – hat er sich stets verweigert.

Der Grund: Weil er sich mit seiner konsequenten Distanz zu Orden, Titeln und Huldigungen die Freiheit und Unabhängigkeit seines Denkens, Redens und Schreibens keinesfalls einengen lassen wollte. Eine Haltung, die gerade in einem so kleinen Land wie Österreich mit ihrer vielfachen Nähe von Politik und Medien sinnvoll und durchaus mutig war.

Erst die hinzugewachsenen Altersringe – und wohl auch die Besonderheit dieser amtierenden Bundesregierung – haben ihn zuletzt ein wenig nachgiebiger gemacht.

Uns, Deinen Schülern, hast Du die drei wichtigsten Prinzipien eines weltoffenen und verantwortungsbewussten Journalismus mitgegeben – Prinzipien, die – so glaube ich – grenzenlos gültig sind. Sie heißen: Aus der Geschichte lernen. Gegen Vorurteile kämpfen. Und zur Toleranz erziehen.

Heinz Nußbaumer

Und wir alle, die heute anwesend sind, wir können unserem Geehrten die letzte Sorge nehmen, dass ein solcher Verdacht noch jemals wachsen könnte.

- Eine dritte und letzte Vorbemerkung: Wer Hugo Portisch kennt, der weiß, dass „sein“ Journalismus keinen Platz für Selbstgefälligkeit kennt und bei allem Mut zur Wahrheit nie auf die persönliche Demut vergisst. Kein anderes Wort sollte den Medienschaffenden so fremd sein wie das „Ich“. Denn – und ich zitiere: „Wenn sie dir schmeicheln und dich hofieren: Vergiss nicht: Sie meinen nie dich, sie wollen das Medium“. Wie wahr!

Und doch: Lieber Hugo, heute ist dieser Ausnahmetag, da fällt unser Blick einmal auf Dich selbst, auf Dein Leben – und von da aus auf Dein Österreich, das schon immer der Startpunkt Deines Denkens war - und das Fundament, von dem aus Du hinaus in die Welt, aber auch zurück in die Vergangenheit und – wo immer möglich – schon auf das Kommende geschaut hast. Und das mit einem beispiellosen Erfahrungsschatz.

Millionen Österreicher haben gespürt, wie viel sie über Jahrzehnte hinweg aus Deinen unzähligen Artikeln und Kommentaren, Deinen Büchern und Vorträgen, Deinen Reportagen und Dokumentationen lernen konnten. Und uns, Deinen Schülern, hast Du die drei wichtigsten Prinzipien eines weltoffenen und verantwortungsbewussten Journalismus mitgegeben – Prinzipien, die – so glaube ich – grenzenlos gültig sind. Sie heißen: Aus der Geschichte lernen. Gegen Vorurteile kämpfen. Und zur Toleranz erziehen.

Und wenn Du jetzt zunehmend irritiert auf mich blicken und Dir denken wirst: „Mein Freund, mach es mir nicht schwer - und konzentriere Dich mehr auf unser Österreich!“ Dann sage ich: „Ja, aber das ist in dieser Stunde ganz einfach, weil beide Begriffe einander ohnedies so nahe sind: Hugo Portisch und Österreich – Österreich und Hugo Portisch“.

Es war und ist ein „Liebesverhältnis“ – und wäre ein Thema mit nahezu endlos vielen Kapiteln:

– Angefangen von der Begeisterung, mit der Du als Bub, in Preßburg geboren, mit der „Elektrischen“ - wie das damals geheißen hat – so oft wie irgend möglich in Deine Traumstadt Wien gefahren bist.

- Dann diese Stadt in Trümmern, in der Du als Student gemeinsam mit Kollegen die von Bomben verschüttete Rathausbibliothek und auch die „Augarten Porzellan Manufaktur“ ausgegraben hast.

- Dann die prägenden Erfahrungen und Erlebnisse der Besatzungszeit - mit all dem, was einem jungen Journalisten damals an Courage abverlangt worden ist.

- Dann Amerika, Deine Berufung in den „Österreichischen Informationsdienst“ - und Dein Versuch, den überlebenden, versprengten Emigranten ein erstes Zeichen aus der alten Heimat zu senden – und Deine unvergessliche Begleitung von Julius Raab zu den US-Generälen – und der Mut, ihrer Umarmungsstrategie zu entkommen: Erste Signale auf dem Weg zur Neutralität.

Als die Stacheldrahtzäune, die Minenfelder und Wachtürme an unseren Grenzen endlich verschwunden sind und wir die Chance hatten, Teil und Kernland einer großen europäischen Gemeinschaft werden zu können, da hast Du alles nur Mögliche beigetragen, um unser Bewusstsein, „Europäer“ zu sein, mit enormer Leidenschaft öffentlich zu stärken.

- Dann Du und der Kurier – und Deine für mich größte Stunde im April 1955. Als Erster hast Du vom Durchbruch bei den Moskauer Verhandlungen erfahren – und die Extra-Ausgabe mit der Schlagzeile „Österreich wird frei“ selbst auf Wiens Straßen an ungläubige Nachtschwärmer verteilt – an Menschen, die Dir mit einem „Schleich di‘, alles Schmäh“ zunächst gar nicht glauben konnten.

- Und ab 1958 Deine große Zeit als Chefredakteur und später als ORF-Welterklärer – unersetzlich in einem Land, das schon immer gefährdet war, die Sonne allzu schnell hinter den Schrebergärten der Selbstzufriedenheit untergehen zu lassen.

Gibt es eigentlich eine Gegend auf diesem Globus, die Du nicht besucht und beschrieben hast? Manchmal denke ich: War uns damals die große weite Welt – China, Afrika, Lateinamerika, das sowjetische Großreich usw. – durch Deine Serien, Bücher, Dokumentationen nicht sogar näher als heute im Zeichen der Globalisierung?

Dahinter stand Deine Überzeugung, dass wir Österreicher die Augen weit offenhalten und uns, wo immer möglich - selbst ins Spiel bringen sollten: Auch, um unsere Freiheit und Unabhängigkeit abzusichern: um uns als Schauplatz großer Begegnungen, als Heimstätte wichtiger Organisationen – und als Impulsgeber für Sicherheit und Zusammenarbeit international attraktiv zu machen.

Es war eine enorm wichtige Überlebensstrategie für unser Land, das über Jahrzehnte hinweg zwischen den Blöcken eingeklemmt war – und mehrfach mit explosiven Umwälzungen in unmittelbarer Nachbarschaft konfrontiert war.

Als Weltbürger hast Du gewusst, dass wir Österreicher nicht nur Voyeure, sondern Akteure zu sein hatten. Und wie kein Zweiter in unseren Medien hast Du Deinen Beitrag dazu geleistet.

Dein Journalismus hat immer aus der Überzeugung gelebt, dass „Geschichte“ nicht nur in fernen Regierungspalästen und Diplomatensalons gemacht wird, sondern in jeder Stadt und jedem Dorf – an jedem Arbeitsplatz und Wirtshaustisch, wo Menschen ihre Meinungen äußern und weitergeben.

Und Du hast versucht, ihnen dafür ein Maximum an Rüstzeug mitzugeben: mit Deinem Wort, mit Deiner Glaubwürdigkeit, besonders aber auch mit Deinem großen, bleibenden Verdienst als „Vater“ der Rundfunkreform. Sie ist bis heute - und hoffentlich noch lange - der Boden, auf dem der unabhängige ORF steht.

Und dann, als die Stacheldrahtzäune, die Minenfelder und Wachtürme an unseren Grenzen endlich verschwunden sind und wir die Chance hatten, Teil und Kernland einer großen europäischen Gemeinschaft werden zu können, da hast Du alles nur Mögliche beigetragen, um unser Bewusstsein, „Europäer“ zu sein, mit enormer Leidenschaft öffentlich zu stärken. Hast uns daran erinnert, dass es unser Recht und unsere Pflicht ist, in diesem Europa mitzureden, auch mitzubestimmen - als engagiertes Mitglied einer Familie und Schicksalsgemeinschaft.

Und noch ein bleibendes Geschenk für dieses Land: Du hast uns Österreicher – Regierung und Bürger - auf vielfache Weise dazu gebracht, sich der Vergangenheit zu stellen – in ihrer Größe wie auch in ihren schrecklichen Dunkelheiten. Mit Deinen großen Serien „Österreich II“ und „Österreich I“ vor allem, und mit Deinen Appellen, was jetzt zu tun ist, hast Du die Scheunen der Erinnerung so weit aufgemacht, dass sie nie wieder verschlossen werden können.

Ein Letztes – und ich weiß, Du willst nicht, dass darüber viel gesprochen wird: Mit manchem vertraulichen Rat, um den Dich politisch Verantwortliche über Jahrzehnte hinweg gebeten haben, hast Du den Gang unserer Zeitgeschichte immer wieder beeinflusst.

Da war niemand in diesem Land, der uns sosehr an den „aufrechten Gang“ erinnert, ihn immer wieder eingemahnt und mit befördert hat.

Verehrte Anwesende,

unsere Demokratie lebt von Information und Bildung – Hugo Portisch hat bewiesen, dass beides nicht langweilig sein muss, sondern sehr wohl fesselnd sein kann. Demokratie lebt auch von einer funktionierenden Kontrolle, zugleich aber von einem Grundvertrauen, das niemand – gerade die Medien nicht – leichtfertig verletzen darf. Sie lebt von einem Journalismus, der sich bemüht, im rasch Vorüberziehenden das Bleibende zu erkennen. Und sie lebt von einer Meinungsfreiheit, die dort endet, wo sie in Narrenfreiheit zu entarten droht.

Wie gerne würde ich jetzt noch manches von dem, was hier nur plakativ erwähnt worden ist, mit konkreten persönlichen Erfahrungen untermauern. Das würde meine Dankbarkeit für das Privileg, Hugo Portisch über mehr als fünf Jahrzehnte aus nächster Nähe erlebt zu haben, verständlicher machen.

Aber meine Redezeit ist abgelaufen.

Lieber Hugo,

unsere Republik ehrt Dich heute als ein Vorbild für Heimatliebe, Weltoffenheit und Dein beispielhaftes journalistisches und menschliches Ethos. Nimm dieses größte aller denkmöglichen Ehrenzeichen als einen späten und letztlich bescheidenen Versuch, jenes Denkmal zu ersetzen, das Dir längst gebühren würde!

Herzlichen Glückwunsch!

Lesen Sie hier auch Heinz Nußbaumers Besprechung von Hugo Portischs Autobiografie "Aufregend war es immer" (Ecowin 2015).

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