Die andere Hälfte der Wahrheit

Im Dezember 1940 geboren, war ich, als der Zweite Weltkrieg begann, noch nicht auf der Welt; als er zu Ende ging, ein Knirps von knapp über vier Jahren. Die Bilder in meinem Gedächtnis sind bruchstückhaft. Prein an der Rax, wohin wir - meine damals schwangere Mutter und ihre drei Kinder - aus dem bombengefährdeten Wien evakuiert worden waren. Die abenteuerliche Flucht mit einem LKW vor den heranrückenden sowjetischen Truppen ins Salzburgische bei Zell am See, wo wir das Kriegsende erlebten. In der Nähe unseres dortigen Quartiers kampierten Soldaten. Ich weiß nicht mehr, ob es noch Einheiten der deutschen Wehrmacht oder schon die ersten Amerikaner waren. Doch erinnere ich mich, daß ich in einem ihrer Wagen mit ängstlicher Neugier erstmals in meinem Leben Gewehre sah und dann mit Süßigkeiten beschenkt zu meiner Mutter heimkehrte, die von der Abenteuerlust ihres Sprößlings nur wenig begeistert war. Im Herbst 1945 der Aufbruch zur Rückkehr nach Wien: Ich trug einen Polster, stolperte aufgeregt und war sehr traurig, daß der Polster nun recht schmutzig war. Es war halt nichts sicher, auch nicht der mir anvertraute Polster in meinen Armen.

Die "bösen Russen" Ich kann nicht sagen, ob mir vom Erlebnis dieser Atmosphäre der Unsicherheit etwas geblieben ist. Aber rasch begriff ich, daß Krieg vor allem Unsicherheit bedeutet. Besonders in den Familien, wie ich in der Schule erfuhr: etliche Kinder hatten keinen Vater. Die Väter waren gefallen, galten als vermißt oder waren in Gefangenschaft. Niemand wußte, ob und wann sie wieder nach Haus kommen würden. Ich hatte Glück, mein Vater war bei uns. Und ich hatte auch das Glück, daß mich der Schularzt - winzig und schmächtig wie ich war - für einen mehrwöchigen Aufenthalt in einem Kinderheim auswählte, das dänische Hilfsorganisationen in der Nähe von Mariazell eingerichtet hatten. Es war wirklich schön, aber mich plagte das Heimweh sehr. Im Heim wurde viel und oft gesungen. Noch heute greift mir der Klang mancher Kinderlieder ans Herz: "Guten Abend, gute Nacht ..."

Vom Krieg wußten ich und meine Spielgefährten, daß es ihn gegeben hatte - die Bombenruinen in der Nachbarschaft waren ja nicht zu übersehen -, daß unsere Väter eingerückt und Soldaten gewesen waren, tapfer gekämpft, den Krieg aber trotzdem verloren hatten. Deshalb waren auch fremde Soldaten im Land. Die Besatzungsmächte, von denen die Amerikaner die Guten, die Russen aber die Bösen waren. Nicht so für meine Mutter, die uns von klein auf belehrte, daß die sowjetischen Soldaten "auch anständige Menschen" seien. So hätten "die Russen" unser Siedlungshaus nicht verwüstet oder geplündert - aus Respekt vor der Familien-Madonna, die Oma klugerweise im Vorzimmer, gleich hinter der Eingangstüre, aufgestellt hatte. Und ein russischer LKW-Fahrer habe sie, meine Mutter, und zwei von uns Kindern vom Ährenklauben auf abgeernteten niederösterreichischen Getreidefeldern nach Hause gefahren. Einfach aus Hilfsbereitschaft, weil er ihr und den Kleinen einen langen Fußmarsch habe ersparen wollen.

Ansonsten war der Krieg in der Familie kein Thema. Ebenso nicht in der Volksschule. Erst in der Mittelschule kam er zur Sprache, in Erzählungen von Professoren und auch im Unterricht. Was uns da gelehrt wurde, entsprach hundertprozentig der Gründungsdoktrin der Zweiten Republik: Da der Nationalsozialismus in Österreich nie und nimmer eine Chance gehabt hätte, in demokratischen Wahlen die Mehrheit zu erreichen, habe sich Adolf Hitler zur gewaltsamen Auslöschung Österreichs entschlossen. Im März 1938 seien die deutschen Truppen in Österreich einmarschiert. Nach der Besetzung sei das Bundesheer der Ersten Republik aufgelöst und die Österreicher seien in die deutsche Wehrmacht eingegliedert worden: "Der Krieg war daher nicht ein Krieg, den Österreich führte, er war auch nicht im Interesse Österreichs. Denn Österreich konnte ja seine Freiheit nur wiedererhalten, wenn das Hitlerreich zertrümmert wurde. Das wurde auch durch die sogenannte Moskauer Deklaration (Österreich das erste freie Land, das der Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fiel) festgestellt. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 mußten nahezu 100.000 Österreicher zur Deutschen Wehrmacht einrücken. Die Verluste, die Österreich im Zweiten Weltkrieg erlitt, waren groß: 230.000 im Krieg Gefallene, 110.000 Vermißte, 166.000 zum Teil schwer Verletzte, 104.000 Ziviltote ..."

Alles das war nicht falsch, doch war es nur die Hälfte der Wahrheit. Von der anderen Hälfte - von der inneren Zerrissenheit des Landes, vom Jubel eines großen Teiles der Bevölkerung, der den deutschen Einmarsch begleitete, von der Mitwirkung zahlreicher Österreicher an den Verbrechen des Nationalsozialismus, von dem weit verbreiteten Antisemitismus, der sich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten scham- und straflos in heimtückischen Erniedrigungen und in Greueltaten an jüdischen Mitbürgern entladen konnte -, von alledem hörte ich kaum etwas, beziehungsweise nichts.

Opfer und Täter Damit war ich sicher kein Einzel-, sondern wohl eher der Regelfall in den Nachkriegsgenerationen bis weit in die Sechzigerjahre hinein. Die herrschende Doktrin sah Österreich als Opfer, die Österreicher nicht als Täter. Was Wunder, daß es beispielsweise noch 1966 (!) im zweibändigen Österreich-Lexikon, das im Bundesverlag erschien und das die Herausgeber als "Arbeitsbuch und Nachschlagewerk für die studierende Jugend, den Schüler, für den Berufstätigen und den spezialisierten Liebhaber" verstanden wissen wollten, das Stichwort "Antisemitismus" nicht gab.

Die Erkenntnis der anderen Hälfte der Wahrheit, daß Österreich wohl Opfer war, zugleich aber allzu viele Österreicher Sympathisanten und Täter waren, fiel nicht leicht. Mir nicht und wohl auch nicht der Mehrheit der Österreicher. Das haben nicht zuletzt die Auseinandersetzungen um die Kriegsvergangenheit des früheren Bundespräsidenten Kurt Waldheim bewiesen. Ob Österreich aus der Affäre Waldheim gelernt hat? Ich denke: Ja. Doch ein Rest an Unsicherheit bleibt.

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