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Eine Kindheit in Wien

Eric J. Hobsbawm, neuer Ehrenbürger der Stadt Wien, im Gespräch mit Hubert Christian Ehalt.

Hubert Christian Ehalt: Herr Hobsbawm, wenn Sie an Ihre Kindheit in Wien zurückdenken, welche Ereignisse haben sich besonders eingeprägt?

Eric Hobsbawm: Ich bin ja eine eigenartige Art Wiener, da ich erstens in Ägypten geboren und zweitens Engländer bin, allerdings ist meine Mutter eine gebürtige Wienerin. Sie kam aus gutbürgerlichem Haus und hatte die Matura, was vor 1914 bei jungen Frauen nicht sehr häufig war. Ihr wurde eine Maturareise geschenkt, und sie entschied sich für Ägypten, wo die Familie Verwandte hatte - natürlich hätte sie damals nicht alleine herumfahren können. Dort hat sie dann meinen Vater kennengelernt, der im Land geschäftlich tätig war, und die beiden verlobten sich. Da der Krieg ausbrach, konnten sie weder in England noch in Österreich heiraten, also heirateten sie in der Schweiz und fuhren dann wieder nach Ägypten zurück. Nach Ende des Krieges bestand meine Mutter allerdings darauf, nach Wien zurückzukehren. Damals war ich schon auf der Welt.

Haben Ihre Eltern am gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt teilgenommen?

Hobsbawm: Meine Mutter und ihre zwei Schwestern waren durchaus typische junge, gebildete Mädchen aus dem Mittelstand. Sowohl meine Mutter als auch deren jüngere Schwester waren begeisterte Karl-Kraus-Anhängerinnen. In meinem Besitz ist noch immer eine erste Ausgabe der "Letzten Tage der Menschheit", die meine Mutter sofort nach Erscheinen gekauft hat. Ihre Freunde waren, soweit ich das beurteilen kann, intellektuelle Leute: Maler, Schriftsteller, teilweise politisch links, teilweise nicht, wie man das um 1920 in Wien eben erwarten konnte in diesen Milieus. Auch die Nachbarn waren Freunde der Familie, und für uns Kinder war es nie sehr einfach, zwischen Freunden und Verwandten zu unterscheiden. Sie gehörten ja alle mehr oder weniger zum gleichen Milieu. Meinen Vater, der Engländer war, hat die Sprache - sein Deutsch war nicht so gut - ein wenig gehindert, am gesellschaftlichen Leben Wiens teilzunehmen.

Welche Sportarten hat Ihr Vater betrieben?

Hobsbawm: Mein Vater war ein äußerst fähiger Boxer. Der Großvater väterlicherseits war Tischler im Londoner Eastend. Und in dieser armen, jüdischen Einwandererfamilie musste immer einer der Söhne ein guter Boxer sein, damit er sich und die Familie gegen die benachbarten Iren und so weiter verteidigen konnte. Und das war eben mein Vater. Er war vor dem Ersten Weltkrieg Amateurmeister im Leichtgewicht, zwei oder drei Jahre lang. Er war also ein sehr begabter Boxer, aber er war eigentlich für alle Sportarten zu haben, so etwa Tennis. Ich erinnere mich auch noch gut, dass wir zu Fußballspielen und zu Athletikveranstaltungen gingen; auch zu den Spielen der "Austria", damals, als sie noch reine Amateure waren.

Haben Sie etwas von diesen sportlichen Leidenschaften übernommen?

Hobsbawm: Nein, ein besonders begeisterter Sportler war ich nicht. Aber der Sport hat das Problem der nationalen Identität damals gut zum Ausdruck gebracht. Ich habe das in einem meiner Bücher über den Nationalismus zu beschreiben versucht. Beim ersten Länderspiel Österreich-England, 1930, galt ich natürlich als Repräsentant Englands. Alle meine Freunde aus der Schule waren Österreicher, und da hieß es: "Na warte, du kriegst es aber ordentlich, wenn England siegt." Für sie war klar, dass ich die Partei Englands übernehme, obwohl ich sprachlich und kulturell natürlich zweisprachig war, also normales Deutsch sprach; zuhause sprachen wir übrigens Englisch.

Und dann, ich muss gegen zwölf gewesen sein, war ich Anhänger von Rapid. Welche andere Mannschaft konnte ich, der ich in Hacking lebte, unterstützen als die Hütteldorfer? Und da sagte mir jemand aus der Schule: "Du kannst doch nicht für Rapid sein, du bist doch ein Jud." - "Wen soll ich dann unterstützen?" - "Na, Hakoah natürlich!" Das ging mir stark gegen den Strich, aber schließlich hatte ich ein Einsehen und sagte mir: "Also gut, bin ich halt für Hakoah." Das war ich dann ein, zwei Monate lang, aber ohne Begeisterung - was vielleicht auch erklärt, warum ich mich dann später nicht für den Zionismus erwärmen konnte.

In Ihrer Familie spielte die Religion keine große Rolle?

Hobsbawm: Nein, niemand in der Familie war religiös. Aber das traf ja auf sehr viele jüdische Wiener Familien zu. Und wie so viele assimilierte Juden haben sie sich sehr stark von den Ostjuden abgeschottet, weil sie nicht mit ihnen in einen Topf geworfen werden wollten. Sie gehörten der Wiener Kultur, der deutschen Kultur an. Andererseits haben sie selbstverständlich in keinerlei Hinsicht ihr Judentum verleugnet. Das war eine andere Sache und hatte mit Religion nichts zu tun. Der Kunsthistoriker Ernst Gombrich, der auch aus Wien stammte, war gar nicht einverstanden, wenn man ihm von der "Wiener jüdischen Kultur" sprach. Er sagte zurecht, das sei Wiener Kultur gewesen, keine jüdische Kultur.

Das habe ich von vielen Gesprächspartnern - Erwin Chargaff, Marie Jahoda, Walter Grab u.a. - in ähnlicher Weise gehört. Was blieb Ihnen sonst aus diesen Wiener Jahren an Eindrücken in Erinnerung?

Hobsbawm: Eigenartigerweise habe ich in Wien in der Volksschule mehr Geschichte gelernt als in der Mittelschule, weil sie eben durch Wien selbst vermittelt wurde: Wien als historisches Monument, an dem von den Römern über die Türkenbelagerung bis zur Gründerzeit die ganze Geschichte ablesbar ist. In diesem Sinn ist Wien, glaube ich, reicher als andere Städte.

Was ich vielleicht noch erwähnen sollte, ist, dass die Vorkriegszeit noch sehr lebendig war. Für die Generation meiner Eltern war die Vorkriegszeit noch immer die "wirkliche" Wirklichkeit. Wenn die Leute sagten, im Frieden wäre das so und so gewesen, meinten sie die Zeit vor 1914. Nach 1918 war nicht mehr "Frieden" wie früher. Nicht dass diese Leute sentimental gewesen wären, aber irgendwie war für die Wiener alles, was seit 1914 geschehen war, ein Provisorium.

Wenn ich mich an meine Kindheitsfreunde erinnere, an deren Eltern, die im Krieg gewesen waren, dann denke ich auch an einen Freund, dessen Vater im Krieg umgekommen war. Wenn man dort war, wurde einem der Helm und der Degen gezeigt. Auch in Hacking gab es einen ehemaligen k.u.k. Offizier, eine katholische Familie mit vier kleinen Mädeln. Wir haben da alle zusammen gespielt, und dort sah man ebenfalls noch die alte Offizierskappe. Diese eigenartige Beziehung zum 19. Jahrhundert, das ja noch lebendig war, das man aber selbst nicht mehr erlebt hatte, war sehr deutlich und immer greifbar.

Wie sind die Altersgenossen und Kollegen, die Freunde und Freundinnen der Kindheit, damit umgegangen, dass hier ein englischer, jüdischer Bub mit ihnen in der Klasse war?

Hobsbawm: Ich glaube eigentlich nicht, dass für Kinder solche Dinge wichtig sind, solange man sich verständigen kann. Und bei mir gab es keine sprachlichen und kulturellen Unterschiede, da ich ja immer in Wien gelebt hatte. Auch später, als ich nach dem Tod meiner Mutter nach Deutschland ging, wurde ich eher für den Versailler Friedensvertrag verantwortlich gemacht als für die jüdischen Schieber.

Antisemitische Vorkommnisse sind mir weder aus Wien noch aus Deutschland erinnerlich, auch nicht innerhalb der Schule. Vielleicht war ich hier in gewisser Hinsicht davor geschützt, weil ich Ausländer war.

Wenn wir zeitlich ein wenig weitergehen, welche Ereignisse waren wichtig?

Hobsbawm: Meine Eltern starben sehr früh: der Vater im schweren Winter 1928/29, einem der schwersten Winter, die Wien je erlebt hat. Er hatte vor dem Haus einen Herzanfall und war auf der Stelle tot. Meine Mutter starb dann 1931, daher also meine Abreise aus Wien. Ich übersiedelte nach Berlin, und zwar mit der Familie der Schwester meiner Mutter, die ihrerseits den Bruder meines Vaters geheiratet hatte. Diese Familie hatte zuerst meine Schwester aufgenommen, und nach dem Tod meiner Mutter kam auch ich zu ihnen; meine neuen Zieheltern arbeiteten damals zufällig in Berlin.

Hat Ihre Familie Verluste durch den Naziterror erlitten?

Hobsbawm: Ja, natürlich. Mindestens vier der Onkel und Tanten sind umgekommen. Es gibt ja keine jüdische Familie, bei denen nicht irgendwer im KZ umkam. Aber ich muss auch von einem eigenartigen Paradoxon berichten: Ich habe den Eindruck, dass meine jüdischen Mitschüler viel leichter überlebt haben als meine christlichen, denn die meisten jüdischen Mittelstandsfamilien hatten ihre Kinder schon in den 30er Jahren hinausgebracht, auch wenn sie selbst noch dageblieben sind. Oft sind die Eltern dann umgekommen. Die jungen Leute, mit denen ich dann zusammen war, haben großteils überlebt, während die nichtjüdischen Mitschüler gute Chancen hatten, als Soldaten in den verschiedenen Alpendivisionen in Russland umzukommen.

Als Historiker haben Sie möglicherweise beobachtet, dass es in Österreich eine Aufarbeitung der Nazivergangenheit lange Zeit kaum gegeben hat, bzw. nur innerhalb kleiner, linksengagierter Personengruppen, die oft selber noch im Widerstand gekämpft hatten. Wie war Ihre Beziehung zu jenem Österreich der Nachkriegszeit, das es sich mit der These, das erste Opfer der Nazis gewesen zu sein, nicht sehr schwer gemacht hat?

Hobsbawm: Dazu muss ich ehrlich sagen: Ich hatte nicht dieses Naheverhältnis zu Österreich. Ich verließ Wien 1931 und kam dann 30 Jahre lang nicht mehr zurück. Interessant war, dass sich die Stadt in den Jahrzehnten dazwischen kaum verändert hatte. Als ich das Haus meiner Großeltern besuchte, fand ich es genau wie früher; auch in Ober St. Veit sah es aus wie damals. Die Stadt war gleich geblieben, äußerlich jedenfalls, sogar die Nummern der Tramway waren die selben.

Und Wien war für mich eben dieses Wien meiner Kindheit geblieben, auch wenn die Menschen von damals nicht mehr am Leben waren, mit wenigen Ausnahmen. Ich denke etwa an meine Kindheitsfreundinnen, die kleinen Mäderl, mit denen ich in Hacking gespielt habe. Sie waren in Österreich geblieben, ihr Vater starb 1945. Eine wurde Schauspielerin und ich bin später mit ihr wieder in Verbindung getreten. Da sitzen wir zusammen, diese alte Dame und ich, und sie fragt: "Was hast du eigentlich im Krieg gemacht?" und ich antworte: "Ich war in der englischen Armee, und du?" - "Ich habe dann noch anno 1942 in Berlin, im Kabarett der Komiker gespielt." Das ist natürlich eigenartig. Man kennt sich aus Hacking und duzt sich auch nach 70 Jahren noch, aber unser Leben ging in ganz andere Richtungen. Das ist schon eine merkwürdige Sache.

Natürlich bemerkte ich bei meiner Rückkehr, dass das Wien der 2. Republik nicht mehr das Vorkriegs-Wien war, aber ich brauchte mich damit nicht auseinanderzusetzen. Wien war eine Provinzstadt geworden, und auch die Tatsache, dass keine Juden mehr hier lebten, spielte da eine Rolle. Wir waren schließlich zehn Prozent der Bevölkerung gewesen und unter den Mittelschichten war der Prozentsatz noch beträchtlich höher.

Das heißt, ich habe nicht die Österreichbeziehung von Leuten, die wieder zurückgekommen sind. Gegen Ende des Krieges haben mich die Kommunisten einmal gebeten: "Du bist doch Historiker, kannst du uns nicht Artikel schreiben, dass die österreichische Geschichte ganz anders ist als die deutsche?" Ich habe es getan, aber halbherzig. Natürlich ist Österreich kulturell ganz anders als Deutschland, vielleicht in mancherlei Hinsicht sympathischer, es ist aber trotzdem nicht mein Land geworden.

Das Gespräch erscheint in erweiterter Form im Sammelband "Ich stamme aus Wien" im Verlag Bibliothek der Provinz.

Hubert Christian Ehalt ist Wissenschaftsreferent der Stadt Wien und lehrt Sozialgeschichte an der Universität Wien.

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