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Bekehrte griffen zur Schaufel

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Es gab in Österreich vor 1938 illegale Sozialisten, Kommunisten und Nationalsozialisten - sprach man aber einfach von den „Illegalen“, meinte man die Nazis. Sie traten massiv in Erscheinung, durchsetzten vor allem den Sicherheitsapparat und spielten bei der Vorbereitung des „Anschlusses“ eine unheilvolle Rolle. Nach 1945 wollten sie alle nur Idealisten gewesen sein. Ein Dossier von Hellmut Butterweck.

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Es gab in Österreich vor 1938 illegale Sozialisten, Kommunisten und Nationalsozialisten - sprach man aber einfach von den „Illegalen“, meinte man die Nazis. Sie traten massiv in Erscheinung, durchsetzten vor allem den Sicherheitsapparat und spielten bei der Vorbereitung des „Anschlusses“ eine unheilvolle Rolle. Nach 1945 wollten sie alle nur Idealisten gewesen sein. Ein Dossier von Hellmut Butterweck.

Seid einig“ stand auf dem Abzeichen, das die österreichischen Schulkinder der Zeit vor dem Anschluß am Rockaufschlag zu tragen hatten und das jedesmal nachgekauft werden mußte, wenn man es verlor. Die Sozialisten verabscheuten es als Symbol ihrer Entmündigung, die Nazis als das eines Staates, den sie verachteten, weil er klein und schwach war und nicht Deutschland hieß. Die Gräben, die der Einigkeitsappell zukleistern sollte, waren nicht gleich tief. Wenn es für Österreich überhaupt noch Rettung gab, dann nur gemeinsam mit den Sozialdemokraten. Während sich unter diesen die Ansicht durchsetzte, angesichts Hitlers stelle der Ständestaat das kleinere Uber dar, gab Bundeskanzler Schuschnigg kaum ermutigende Signale nach links.

Ihre politische Lebenssituation vor dem Krieg prägte das Verhältnis der Politiker zu den Illegalen nach dem Krieg. Die Kommunisten handelten nicht nur nach Moskauer Direktiven, sie wußten auch am besten über die ungeheuerlichen Verbrechen im Osten Bescheid. Sie sprachen vor allem von Bestrafung der Kriegsverbrecher. Die Sozialisten Karl Renner, Theodor Körner und Adolf Schärf waren persönlich glimpflicher davongekommen als Leopold Figl, Felix Hurdes und Lois Weinberger von der ÖVP — diese hatten vor dem Krieg eine untergeordnete Rolle gespielt, für die Gestapo nicht als „prominent“ gegolten und daher lange KZ- und zum Teil Gestapo-Haft mit schweren Folterungen hinter sich. Und doch sind gerade ihre Äußerungen der ersten Nachkriegsmonate am stärksten, zum Teil radikal, gegen die Illegalen gerichtet.

Kommunisten und Sozialisten kannten den Ständestaat als — mit dem NS-Regime nicht vergleichbaren — Verfolger, waren oft mit Illegalen in einer Zelle gesessen. Die Politiker der ÖVP hatten, auch wenn sie sich nur sehr eingeschränkt als Erben verstehen wollten, die Nazis als Zerstörer einer politischen Heimat erlebt. Daß letztlich Schuschnigg beim Versuch, zu einem Kompromiß mit Hitler zu gelangen, Österreich verspielt hatte, mag diese Haltung kompensierend verstärkt haben.

Für Hitlers Illegale gab es keine Kompromisse. Sie waren mit wenigen Ausnahmen Feinde Österreichs, und wohl kaum einer sah in der Frage, ob Österreich Teil Nazideutschlands werden oder als zweiter NS-Staat einen Rest von Eigenexistenz bewahren sollte, ein Problem, das zum Prüfstein seiner Mitgliedschaft in der illegalen NSDAP werden konnte. Ihre Frustration ob der sofort nach dem Anschluß einsetzenden Bevormundung durch die „Preußen“ hatte vielleicht eine patriotische Komponente, vor allem aber mit dem Zukurzkommen im Kampf um Positionen zu tun.

Für alle, die dabei nicht so richtig zum Zug kamen, gab es das Trostpflaster, das bei der Verteilung großer und kleiner jüdischer Firmen, schöner und weniger schöner Wohnungen und dessen, was darin war, für jeden abfiel, der zulangte.

Der illegale SA-Mann, der 1934 in der Himmelpfortgasse beim Fememord an einem Abtrünnigen mitgetan hatte und nach Deutschland geflüchtet war, bekam die Fuhrwerkskonzession eines verhafteten Juden. Der illegale Apotheker betrat auf dem Bauern-feldplatz eine jüdische Apotheke und sagte zum Besitzer, er möge verschwinden, sonst werde er die Gestapo rufen. Der illegale Tischlermeister übernahm ein jüdisches Antiquitätengeschäft und bei der Gestapo die Verwertung jüdischer Antiquitäten, die er sich selber billig verkaufte, und als gegen Kriegsende das Geschäft nicht mehr so richtig lief, rief er den Kollegen vom Judenreferat an, ob der nicht endlich wieder einen Transport zusammenstellen könne, seine Lager seien leer. Der illegale Selcher, für den es keinen der besseren Jobs mehr gegeben und der sich mit dem eines „Aushebers“ bei der Zentralstelle für jüdische Auswanderung hatte begnügen müssen, räumte eine Budapester Prachtvilla aus. Die Kleinen arisierten klein, die Großen groß, der illegale SS-Kurier heiratete in eine große Arisierer-familie ein und wurde Papierfabrikant, die illegalen Handwerksgesellen in der Josef Stadt verprügelten in der „Reichskristallnacht“ Juden und trugen weg, was ihnen gefiel.

Es gab auch den „anständigen Illegalen“, der sich nicht bereicherte, der Karriere machen, aber in keine Judenwohnung einziehen, kein Geschäft übernehmen, keine Kunstgegenstände an sich reißen wollte, den „Idealisten“. Die Anführungszeichen bleiben ihm nicht erspart: Es war nicht möglich, Nazi, aber kein Antisemit zu sein. Illegale, die nach dem Krieg auf ihren Idealismus pochten, hatten das Wichtigste nicht gelernt: Daß Haß kein Ideal sein kann. Die bekehrten, belehrten Illegalen erkannte man daran, daß sie nicht von Idealismus redeten, sondern vom Hereingefallensein und zur Schaufel griffen. Der Burgschauspieler Fred Hennings war einer von dieser hochachtbaren Kategorie.

Es ist wahr, daß die Illegalen nach dem Krieg in Österreich ein paar Jahre nichts zu lachen hatten. Leider zogen wenige den Vergleich zwischen ihrem Schicksal und dem, was im Namen ihrer Ideologie anderen angetan worden war. Viel zu wenige haben seit dem Krieg derlei öffentlich über die Lippen gebracht.

Sie hatten es auch bald nicht mehr nötig. Ab 1948, spätestens 1949, krähte kein Hahn mehr nach ihren Lernprozessen. Wieder war „Befriedung“ angesagt. Wieder bedeutete sie Entgegenkommen auf der ganzen Linie. Freilich unter ganz anderen Voraussetzungen als 1938 und nicht unter Druck von außen, sondern „nur“ dem der Wahlarithmetik.

500.000 NS-Parteimitglieder hatte es einst in der „Ostmark“ gegeben. 1949 durften die meisten wieder wählen. Der schrittweise Abbau der ihnen auferlegten Lasten und Einschränkungen hatte bereits 1948 begonnen. Das war ja richtig, man konnte die „Ehemaligen“ nicht auf Dauer zu Staatsbürgern zweiter Klasse stempeln. Auch mit dem harten Kern, den Illegalen, konnte man das nicht machen.

Man behandelte sie nun alle, die einfachen NS-Parteigenossen wie die Illegalen, als von allen Nazi-Ideen gründlich geheilte Demokraten. Aber die Urteile gegen Naziverbrecher, unter ihnen noch immer Menschenquäler schlimmster Sorte, wurden nun immer milder. So, als würden sich die „Ehemaligen“ als Gruppe, auf die Rücksicht zu nehmen war, mit diesen Untaten identifizieren. Und in der Schule wurde die ganze Nazi-Thematik ausgeblendet. So wurden die Nazis versöhnt — statt ihrer Opfer.

Der Autor dieses Dossiers arbeitet an einer Dokumentation über die Prozesse gegen NS-Straftäter 1945 bis 1955 in Osterreich.

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