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Ein konservatives -kein klerikales Blatt

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Im Oktober 1933 entwickelten Prof. Dietrich von Hildebrand und Klaus Dohm, zwei führende Köpfe des deutschen Katholizismus, aus Gründen der persönlichen Sicherheit dem Machtbereich Hitlers entflohen, in einem Memorandum das Programm einer österreichischen Wochenschrift, als deren Hauptzweck ursprünglich die Immunisierung der österreichischen Intellektuellen gegenüber dem Ansturm der nationalsozialistischen Propaganda vorgesehen war. Die geplante Zeitschrift sollte jedoch auf keinen Fall ein „Emigrantenblatt“ sein, vielmehr vorwiegend von Österreichern für Österreicher geschrieben und gestaltet werden.

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Im Oktober 1933 entwickelten Prof. Dietrich von Hildebrand und Klaus Dohm, zwei führende Köpfe des deutschen Katholizismus, aus Gründen der persönlichen Sicherheit dem Machtbereich Hitlers entflohen, in einem Memorandum das Programm einer österreichischen Wochenschrift, als deren Hauptzweck ursprünglich die Immunisierung der österreichischen Intellektuellen gegenüber dem Ansturm der nationalsozialistischen Propaganda vorgesehen war. Die geplante Zeitschrift sollte jedoch auf keinen Fall ein „Emigrantenblatt“ sein, vielmehr vorwiegend von Österreichern für Österreicher geschrieben und gestaltet werden.

Dollfuß fand Gefallen an diesem Vorschlag, und angesichts der von ihm gewährten Unterstützung war auch kein Einwand gegen den Titel möglich, der dem Kanzler von Friedrich Funder - in einem nicht sehr glücklichen Augenblick - eingegeben worden war: die Wochenschrift, deren erste Folge am 30. November 1933 erscheinen konnte, hieß nunmehr und endgültig „Der Christliche Ständestaat“, was irreführend und nicht gerade verkaufsfördernd war.

In Wirklichkeit befaßte sich die Zeitschrift so gut wie gar nicht mit „ständischen“ oder sonstigen österreichischen Verfassungsproblemen, auch verhielt sie sich von Anfang an nicht gerade gefügig oder sehr regierungskonform und geriet nach dem Juliabkommen von 1936 zunehmend in Opposition zur offiziell gewünschten deutschfreundlichen Linie, wie sie in etwa von der „Reichspost“ nachvollzogen wurde (was zu Differenzen zwischen Hildebrand und Funder führte), mit aller Vorsicht auch in Opposition zu Schuschnigg, für den das Blatt allerdings, als eine Art von Dollfuß-Vermächtnis, unantastbar blieb.

Die vehemente Polemik des „Christlichen Ständestaats“ gegen den Nationalsozialismus wurde von den deutschen Gesandten in Wien und, wie die heute zugänglichen Akten verraten, von den Berliner Zentralstellen wesentlich ernster genommen, als man damals in Österreich annahm - war doch der Verbreitungsradius der Zeitschrift eng begrenzt; er beschränkte sich im wesentlichen auf Akademiker. Die Schreibweise des „Christlichen Ständestaats“ lag jedenfalls haushoch über dem Niveau einer breiteren Öffentlichkeit, gelegentlich aber auch haushoch über dem Niveau nationalsozialistischer Presseattaches, wie aus deren streckenweise ratlosen, wenn auch wuterfüllten Berichten hervorgeht. Die Presseattaches der deutschen Gesandtschaft in Wien erkannten jedoch mit einer den österreichischen Stellen mitunter fehlenden Klarsicht, daß in dem von ihnen als „elitär“ verhöhnten Blatt eine zweite, für Hitlers Pläne viel bedeutendere Gefahr heranwuchs. Sehr bald trat im „Christlichen Ständestaat“ die Polemik gegenüber einer Selbstdefinition des österreichischen in den Hintergrund, einer Selbstfindung, die alle Welt seit 1918 für tot und erledigt gehalten hatte.

Immer noch war zwar Klaus Dohm der Gestalter der Zeitschrift, war Dietrich von Hildebrand der Magnetpol, auf den sich die geistigen Kompaßnadeln des Kreises richteten, der sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit um ihn gesammelt hatte. Immer und bis zum Ende bot Hildebrands katholische Seinsphilosophie, bot seine für den Konvertiten charakteristische, bedingungslose Kirchentreue die sichere Basis für alles, was im „Christlichen Ständestaat“ veröffentlicht wurde. War die Zeitschrift also ein „klerikales“ Blatt? Doch wohl kaum. Von Erz-bischof Waitz (Salzburg) und den ebenso vehement patriotischen Bischöfen Gföllner (Linz) und Pawli-kowski (Graz) abgesehen, hatten die eigentlichen „Klerikalen“ jener Tage alle Hände voll damit zu tun, ihre großdeutschen Gefühle in die von Pius XI. mit allem ihm eigenen Temperament geforderte und mit allen diplomatischen Mitteln geförderte österreichische Eigenständigkeit zu integrieren - wie sie nach 1945 wieder alle Hände voll damit zu tun hatten, die Prinzipien von 1789 und, nach dem Konzil, die Leitsätze des Marxismus zu taufen.

Trotz ihrer unanfechtbaren Katholi-zität war Dietrich von Hildebrands Zeitschrift also, rückblickend gesehen, nicht eigentlich „klerikal“, sondern viel eher konservativ. Sie war jedenfalls so konservativ, daß sie sich ohne weiteres die Mitarbeit des „linken“ Sozialisten Walter Mehring ebenso leisten konnte wie die rege Verbindung zu Otto Strassers „Volkssozialisten“ und zur sudetendeutschen Sozialdemokratie. Die Verbindung zu den beiden letzteren, wie auch zum tschechoslowakischen Ministerpräsidenten Hodza in Person, war durch den sozialdemokratischen Prager Abgeordneten Emil Franzel zustandegekommen, der dem „Christlichen Ständestaat“ unter den Pseudonymen „Sudeticus“, „F. R. Rudolf' und „Stefan Fattinger“ zahlreiche Beiträge lieferte. Daß er sich dabei für eine habsburgische Lösung in Mitteleuropa einsetzte, trug ihm nicht nur den Haß der österreichischen sozialdemokratischen Emigration in Brünn ein.

Es waren mehr als 300 Autoren, die im „Christlichen Ständestaat“, um eine Abgrenzung gegenüber der Hitler-Barbarei bemüht, jene österreichische Selbstfindung und Selbstdefini-tioil zuwegebrachten, ohne die alle späteren Bemühungen, das ausradierte Österreich wieder auf die Landkarte zu bringen, vielleicht vergeblich geblieben wären. Erwähnt sei hier nur, daß die Mitarbeit des Dichters Joseph Roth durch den Komponisten Ernst Krenek vermittelt wurde; daß Hans Karl Zessner-Spitzenberg das Blatt in letzter Minute vor dem finanziellen Zusammenbruch bewahrte, indem er durch habsburgische Intervention westeuropäische Banken zur Bereitstellung der notwendigen Gelder ver-anlaßte; daß Ernst Karl Winter nur hier (abgesehen von der monarchistischen Presse) unzensuriert die Notwendigkeit einer gemeinsamen Front mit den entmachteten Sozialdemokraten in einer von 1934 unbelasteten Sozialen Monarchie predigen konnte; oder daß die im Blatt zum Ausdruck gebrachte radikale Ablehnung der Achse Berlin-Rom durch den italienischen Presseattache Eugenio Morreale zu dessen Abberufung aus Wien durch Mussolini führte.

Diese und tausend andere Einzelheiten hat Rudolf Ebneth für eine umfassende Monographie zusammengetragen, die von der bundesdeutschen Kommission für Zeitgeschichte, vor allem im Hinblick auf die deutsche Emigration zwischen 1933 und 1945, herausgegeben wurde. Jahrelanges Forschen und ein Quellenstudium, das, was Genauigkeit betrifft, fast die Grenzen des Vorstellbaren überschreitet, haben es Ebneth ermöglicht, keinen Satz niederzuschreiben, der nicht durch Hinweise auf Archivstük-ke, Akten und Aussagen belegt ist. Nennt er unter den bedeutendsten Mitarbeitern des „Christlichen Ständestaats“ Namen wie jenen des Historikers Wilhelm Böhm, des Psychologen Viktor Frankl, oder Raimund Poukars und Franz Cornaros, so reichen diese bis ins Bewußtsein unserer Gegenwart hinein. Erinnerungen hinwiederum blitzen auf, nennt er Clemens von der Kettenburg, Minister Heinrich Mataja, Alfred Missong, Walter Breitenfeld,, Viktor Buchgraber, Egon Wellesz, Karl Lugmayer, Joseph August Lux, Friedrich Wiesner und Friedrich Weichs-Glon. Und wir - in jenen Tagen studentische Verehrer und Hörer Hildebrands, nur gelegentlich durch boshafte Glossen, ganz selten durch längere Beiträge an seinem Blatt beteiligt - erfahren durch Eb-neths Arbeit heute erst, was die unterdessen Heimgegangenen nie erfahren konnten: das Ausmaß der Wellen, die ein auflagenschwaches, stets am Rande des finanziellen Zusammenbruchs redigiertes Blatt quer durch die europäischen Staatskanzleien zu schlagen vermochte.

Ohne die Selbstdefinition des österreichischen, die seit 1933 rund um die Zeitschrift „Der Christliche Ständestaat“ geleistet worden war, hätte es nach dem März 1938 möglicherweise in der ersten Stunde nur einen kommunistischen Widerstand gegeben, nicht aber daneben den konservativen, der übrigens als erster und sofort auf den Plan trat. Erst 1943 erkannten, zugegebenermaßen, andere Gruppen auch, daß „der Anschluß tot“ sei. Sie traten das Erbe an, als die Besatzungsmächte (gegen den Widerspruch der Franzosen) die Konservativen vom Tisch fegten. Aber was nun einmal gedacht, definiert und als Alternative zum versteinerten Marxismus vorhanden war, mußte wenigstens in Einzelheiten von der restaurierten Republik übernommen werden und blieb somit bis zur Stunde im öffentlichen Bewußtsein. Den für Schulen und Massenmedien benötigten Rest lieferte dann die nachträglich geschaffene Mythologie.

DIEOSTERREICHISCHE WOCHENSCHRIFT „DER CHRISTLICHE STÄNDESTAAT'. Deutsche Emigration in Österreich 1933 bis 1938. Von Rudolf Ebneth. Matthias Grünewald-Verlag, Mainz. 272 Seiten Text, 27 Seiten Quellen- und Literaturangaben.

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