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Die Iden des März im Gymnasium

1945 1960 1980 2000 2020

Ein ehemaliger Schüler des humanistischen Gymnasiums in der Kundmanngasse als Zeitzeuge für den lebensgefährlichen Widerstand einiger Halbwüchsiger.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein ehemaliger Schüler des humanistischen Gymnasiums in der Kundmanngasse als Zeitzeuge für den lebensgefährlichen Widerstand einiger Halbwüchsiger.

Die für Österreich schicksalhaften Iden des März kündigten sich am Abend des 11. März 1938 an. Bundeskanzler Schuschnigg verabschiedete sich beinahe weinerlich über das Radio: "Ich weiche der Gewalt, Gott schütze Österreich!" Er war eindringlich darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Vaterländischen Formationen, die revolutionären Sozialisten sowie Tausende Österreicher bereit waren, sich dem Bundesheer anzuschließen. General Spannocchi, schon 1938 Offizier, betonte 1988, daß das Bundesheer "getreu seinem Eid Österreich verteidigt hätte, wenn der Befehl dazu gekommen wäre. Da standen wir als Soldaten einer Armee, die die eigene Regierung im Regen stehen ließ."

Der englische Historiker Gordon Brook-Shepherd meint: Hätte das kleine Österreich, wie später das noch kleinere Dänemark, den Deutschen Widerstand geleistet, hätte es nach Kriegsende den Status eines Waffengefährten der Alliierten erhalten. Die Viermächtebesetzung wäre unter anderen Vorzeichen erfolgt.

Ich erlebte jene Tage als Schüler der 4. Klasse des Humanistischen Gymnasiums in der Kundmanngasse. Am späten Nachmittag des 11. März schloß ich mich der letzten Demonstration der Vaterländischen Front im Bezirk an. Auf dem Marsch zum Kanzleramt gerieten wir mit unseren Fahnen in ein Handgemenge mit NS-Schlägertruppen, die bereits die Straßen beherrschten.

Die jüdischen Lehrer kamen die Stiege herab Ich hatte schon in jungen Jahren ein ausgeprägtes Österreichbewußtsein, verbunden mit den ethischen Werten der katholischen Kirche. Es waren die Ideale meiner Jugend, denen ich bis heute treu geblieben bin. Daher wurde ich nicht Ostmärker, sondern trat mit dieser Einstellung gegen den Nationalsozialismus an. Was sich auf den Straßen und Plätzen Wiens abspielte, Euphorie, Jubel, Begeisterung, konnte ich nur den Zeitungen entnehmen. Ich verließ drei Tage das Haus nicht. Wie übrigens viele Österreicher.

Der erste Schultag nach der turbulenten Woche begann mit einer Feier im Turnsaal. Auf der Stirnseite standen Podium und Rednerpult. Flankiert von Professoren und Hitlerjungen, 14- bis 18jährigen Schülern, teilweise in Uniform. Plötzlich dröhnte vom Gang her Marschtritt. Herein marschierte in Uniform, Schnürlsamthose, weißen Stutzen, HJ-Hemd, mit Koppel und Dolch, strammer Haltung und kühnen Blicks, die illegale Hitlerjugend. Professor Baaz, Geschichte, Geographie und Deutsch, der dienstälteste illegale Nazi unter den Professoren, hielt die Festrede.

Er erinnerte an die Deutschnationalen im 19. Jahrhundert, die Burschenschaften, die nach den Befreiungskriegen 1815 ein allgemeines deutsches Vaterland anstrebten. Er sprach von 1848, als vom Stephansturm die schwarz-rot-goldene Fahne wehte. Mit dem Aufruf, sich der Heimkehr Österreichs ins Deutsche Reich würdig zu erweisen, schloß er. Aus den Augen der HJ leuchtete die Begeisterung junger Idealisten, die glaubten, einem großen Ziel zu dienen. Die Mehrzahl der anderen verhielt sich, wie es mir schien, eher zurückhaltend. Allerdings traten viele in der Folge der HJ bei. Wenige lehnten jede Anpassung ab.

Allmählich beruhigte sich die "Gaustadt Wien". Auch im Schulbetrieb. Von den jüdischen Schülern fehlten bereits einige. Bald folgte der Exodus der Professoren. Es war gerade Pause. Vom Konferenzzimmer im zweiten Stock kam einer nach dem anderen der meist älteren jüdischen Professoren die Stiegen herunter. Sie schritten durch das schweigende Spalier ihrer ehemaligen Schüler, unter ihnen mein erster Geschichts- und Geographieprofessor, Ernst Hausner. Er hatte als hochdekorierter Offizier an den Isonzoschlachten teilgenommen. Vielseitig gebildet, schrieb er Bücher, gab Unterricht in Fremdsprachen und war ein ausgezeichneter Dirigent. Ihn schätzte ich besonders. Auch, weil er die Geschichte Österreichs getreu Lykurg vortrug: "Ein Volk, das seine Vergangenheit nicht ehrt, hat keine Zukunft."

Ich stand am unteren Ende der Stiege, als Hausner langsam herunterkam. Aus den Augen des alten Mannes sprachen weder Haß noch Verbitterung, sondern Leid und zweitausendjährige Verfolgung. Mancher dieser Professoren hatte jahrzehntelang humanistische Bildung vermittelt. Ein Großteil der Schüler reagierte betroffen.

Zu "Führers Geburtstag" am 20. April fertigte unser Zeichenprofessor Maheinz ein Porträt in Kohle mit Feldherrnblick an. Die Kopien wurden um fünf Mark pro Stück verkauft. Selbstverständlich kauften alle Schüler mehr oder weniger freiwillig das Bild. Die Klassenvorstände verteilten und kassierten. In der Pause provozierte mich ein Mitschüler, daß ausgerechnet ich, der letzte Österreicher in der Klasse, ein Hitlerbild nach Hause nehme. Impulsiv zerriß ich das Bild und ließ die Reste in der Schulbank liegen. Ich wundere mich noch heute, daß der Vorfall unbeachtet blieb. Meine Mutter konnte, als ich ihr davon erzählte, tagelang nicht schlafen.

Ich hatte keine Lust, weiter an der Schule zu bleiben. Ich wollte mich der neuen Zeit einfach nicht anpassen. Meine Mutter reagierte vernünftig - zu meinem Glück, wie sich später herausstellte - und nahm mich im Sommer 1938 aus der Schule. Nach Lehr- und Wanderjahren in verschiedenen Berufen kehrte ich 1940 auf die Schulbank zurück, um mich auf die Matura vorzubereiten. Im Herbst 1941 rückte ich zur Wehrmacht ein. Damals schlossen sich ehemalige Mitschüler in einer Widerstandsgruppe zusammen. Ihr Anführer, Josef Landgraf, schrieb auf der Schreibmaschine Texte für Flugzettel und vervielfältigte diese in großer Zahl. Drei andere hatten die Aufgabe, sie in verschiedenen Bezirken Wiens auf Plakatwänden anzubringen und gezielt in Häusern abzulegen.

Die Texte bezogen sich auf Nachrichten des englischen Rundfunks oder enthielten Aufrufe wie etwa: "Wie lange noch sollen Tausende Menschen an der Front sterben, damit Hitler seine Macht vergrößern kann", oder "Unterstützt Hitler nicht länger, arbeitet für ein freies Österreich."

Das ging eine Weile gut, bis jemand den Schuldirektor informierte. Hofrat Ferdinand Walter war äußerlich eine imposante Erscheinung: Hoch gewachsen, volles weißes Haupthaar, klassische Züge, die auf seine Unterrichtsfächer Latein und Griechisch schließen ließen. Er stürzte eines Tages in die 7. Klasse und konfiszierte die Schultasche Landgrafs, in der sich anstelle der Bücher Pakete von Flugzetteln befanden. Er erstattete Anzeige bei der Gestapo. Bald saß die Widerstandsgruppe Landgraf geschlossen im Gefängnis.

Im Großen Schwurgerichtssaal fragte der Vorsitzende den Hauptangeklagten: "Haben Sie die Ansicht vertreten: Fiat pax et pereat Germania?" (Es werde Friede, mag dabei auch Deutschland zugrunde gehen) "Diese Ansicht vertrete ich nicht, sondern: Fiat pax et pereat Hitler", antwortete Landgraf. (Es werde Friede, und Hitler möge zugrunde gehen.)

Nach einem fragenden Blick des Richters in Richtung des Hauptbelastungszeugen, des Direktors, versuchte sich der Pädagoge zu rechtfertigen: "Ich habe meine Schüler immer im nationalsozialistischen Geist erzogen, ich verstehe die politische Einstellung meines einstigen Schülers nicht." Die Hauptangeklagten Landgraf und Brunner wurden am 28. August 1942 zum Tod, ihre beiden Mitverschworenen zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.

In einem Protokoll, das Landgraf dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes übergab, unterstellte er dem Direktor keine verwerflichen persönlichen Motive. Hofrat Walter war überzeugter, verblendeter, fanatischer Nazi und "Blutordensträger". Er beklagte sich vor seinen Schülern gern, daß er die Menschen nicht verstehe, die darüber jammerten, in diesen schweren Kriegszeiten leben zu müssen. Er sei froh und glücklich, daß er den "Aufstieg des deutschen Volkes" miterleben dürfe. Im Sommer 1945 erschoß er sich am Attersee.

Die Todeskandidaten Landgraf und Brunner hatten Glück. Für Landgraf wurde erfolgreich interveniert. Nach über einem Jahr der Verzweiflung, Angst und Hoffnung, sowohl für den Verurteilten selbst, der diese Zeit in der Todeszelle verbrachte, als auch für dessen Eltern, erhielten Josef und Anna Landgraf die positive Antwort auf das Gnadengesuch für ihren Sohn. Der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof Berlin teilte mit, der Reichsminister der Justiz habe die gegen Josef Landgraf erkannte Todesstrafe mit Ermächtigung des Führers in eine Gefängnisstrafe von sieben Jahren umgewandelt.

Vom Gefangenen zum Gefängnis-Seelsorger Anton Brunner, der nach der Schließung des Stiftsgymnasiums Melk 1938 an das Gymnasium in der Kundmanngasse gekommen war, wurde nach der Verkündigung seines Todesurteiles vom Bischof vonSt. Pölten ein tüchtiger Privatverteidiger zur Verfügung gestellt, der die Wiederaufnahme des Verfahrens erwirken konnte. Brunner wurde in der zweiten Verhandlung im März 1943 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Während seines langen Aufenthaltes in der Todeszelle (über sieben Monate) lernte er den katholischen Gefangenenhaus-Seelsorger Monsignore Köck kennen. Der Geistliche stand ihm in den schweren Zeiten bei, spendete Trost, gab Hoffnung. 1950 wurde Brunner zum Priester geweiht, mit dem Berufsziel, in Erinnerung an seine eigene Haftzeit, in der Gefangenenseelsorge tätig zu werden.

Wenn man die besondere Situation Österreichs im Vergleich zu den anderen besetzten Ländern bedenkt, die friedliche Eroberung, den "Blumenfeldzug", die gemeinsame Sprache, die perfekt organisierte Staatspolizei mit ihrem Heer von Spitzeln und schließlich die vollständige Zerschlagung jeder Organisation, sah sich der Widerstand in Österreich vor eine fast unlösbare Aufgabe gestellt.

Der Opferbereitschaft jener Österreicher, die in Gefängnissen und in den Konzentrationslagern schweres Leid zu ertragen hatten, die unter dem Schafott verbluteten, am Galgen und vor Erschießungskommandos starben, ist es zu verdanken, daß am Vorabend der Unterzeichnung die Kriegsschuldklausel aus dem Österreichischen Staatsvertrag entfernt wurde.

Über Nordafrika zu den Alliierten So, wie meine ehemaligen Mitschüler den Anschluß an das Dritte Reich nicht zur Kenntnis nehmen wollten, probte ich auf meine Art den Aufstand gegen das NS-Regime. Ich wollte unbedingt über die West-Alliierten in die Österreichische Legion, von deren Existenz ich überzeugt war. Die Deutsche Wehrmacht benützte ich als Sprungbrett auf den nordafrikanischen Kriegsschauplatz, den ich 1942 erreichte. Anfang Mai 1943 kam ich in englische Kriegsgefangenschaft und meldete mich bei den Engländern zur Österreichischen Legion, um am Kampf für die Befreiung Österreichs teilzunehmen.

Nach einer abenteuerlichen Odyssee, quer durch den Maghreb, landete ich schließlich im Österreichischen Sammellager Camp Suzzoni, etwa 200 Kilometer südlich von Algier. Dort hatten die Franzosen, vor allem auf Betreiben des Generals Juin, alle österreichischen Kriegsgefangenen zusammengezogen, die noch einmal die Waffen ergreifen wollten, um einen Beitrag zur Befreiung Österreichs zu leisten. Drei österreichische Bataillone standen im Herbst 1944 "Gewehr bei Fuß". Ich selbst gehörte dem Zweiten Bataillon an und führte die Jugendkompanie. Das Erste Österreichische Freiwilligen-Bataillon im Rahmen der französischen Armee im Verbande der Westalliierten wurde noch vor Kriegsende nach Europa in Marsch gesetzt.

Was bewog im Grunde uns fünf Gymnasiasten, als wir antraten, mit unseren geringen Möglichkeiten den Aufstand zu proben? Zweifellos das Bekenntnis zu Österreich. Kaum ein Historiker hat dies treffender definiert als Gordon Brook-Shepherd anläßlich der Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuß: "In der Meinung des Auslandes bestätigte Dollfuß' Tod ihn als das, was er - trotz seiner Irrtümer und trotz aller Verleumdungen seiner Feinde - immer bleiben wird: Die Verkörperung einer österreichischen Art zu leben und zu denken und damit eines österreichischen Rechts auf ein unabhängiges Dasein."

Alfred Palisek, Jahrgang 1922, Teilnehmer der Kundgebung katholischer Nazigegner auf dem Stephansplatz im Oktober 1938, organisierte unter anderem als Beamter des Finanzministeriums die Literaturabende im Winterpalais des Prinzen Eugen.

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