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35 tote Priester als Blutzeugen

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Das Ausmaß des katholischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus wird heute von vielen unterschätzt - interne Gestapoberichte nahmen ihn allerdings sehr ernst.

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Das Ausmaß des katholischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus wird heute von vielen unterschätzt - interne Gestapoberichte nahmen ihn allerdings sehr ernst.

Es war 1955, im Jahr des österreichischen Staatsvertrages, im Rahmen eines internationalen Treffens ehemaliger Widerstandskämpfer auf der Insel Usedom in der Ostsee. Bei einem Gespräch mit deutschen Kameraden wurde ich über eine antinazistische Kampfgruppe informiert, die in diesem Gebiet tätig gewesen war und in der der österreichische Pfarrer Carl Lampert eine wichtige Rolle gespielt hatte.

In dem Buch „Wanderfahrt auf Usedom“, das sich ebenfalls mit diesem Aspekt beschäftigt, heißt es unter anderem: „Der geistige Kopf

der Widerstandsgruppe war der aus Österreich stammende Prälat Dr. Lampert. Nach mehrmonatiger Haft im Konzentrationslager Dachau wies ihm die Geheime Staatspolizei Norddeutschland als Zwangsaufenthalt zu. Doch auch dort setzte er den Widerstand gegen die Faschisten fort und knüpfte sehr bald Beziehungen zu Pfarrer Plonka, zu Pfarrer Wachsmann aus Greifwald, zu Kuratus Leonhard Berger und zu anderen Gleichgesinnten an...“

Der Gruppe gehörte auch der damalige Leiter der Sparkasse von Zinnowitz, Krabbenhöft, an, der mich über Details informierte. Die seelsorgliche Tätigkeit von Lampert im Bistum Berlin brachte es mit sich, daß er die weit auseinanderliegenden Pfarren besuchen mußte und daher über einen großen Wirkungskreis verfügte. Wenn er sich in seiner illegalen konspirativen Tätigkeit auch vor allem auf religiös orientierte Kreise konzentrierte, war sich Lampert sehr wohl bewußt, daß wirksame Aktionen nur im Zusammenwirken mit der Arbeiterschaft möglich waren: Zwischen ihm und dem als Fremdarbeiter eingesetzten holländischen Kommunisten Ter Morsche bestand absolute Übereinstimmung über die Notwendigkeit gemeinsamen Handelns. Ziel der Gruppe war unter anderem die Störung der Entwicklung der sogenannten V-Waffen. Dazu wieder ein Auszug aus dem bereits erwähnten Buch:

•In Peenemünde, im westlichen Zipfel der Insel Usedom, hatte Hitler ein riesiges Rüstungswerk aufbauen lassen, mit eigenem Kraftwerk und geheimnisvollen Anlagen... Es war eine Versuchsanstalt für Raketenbau. Bevor die V-Waffen, wie sie damals genannt wurden, ihre schreckliche Last nach England trugen, kämpften in Deutschland unvergeßliche Männer und Frauen darum, diese Waffen zu verhindern. Sie bildeten in Zinnowitz ein Widerstandszentrum, mit dem Ziel, Hitler zu stürzen und den Einsatz der Raketenwaffe zu verhindern...“

Ein Versuch, der angesichts der zahlreichen Fremdarbeiter, die in dem Werk arbeiten mußten und die man als Verbündete zu gewinnen suchte, gar nicht so aussichtslos erschien. Informationen über die Weltlage verschaffte sich die Gruppe durch Abhören von „Feindsendern“, gleichfalls damals ein todeswürdiges Verbrechen. Es handelte sich dabei keinesfalls um eine lokale Gruppe aus der Insel Usedom, sondern um eine die ganze Provinz Brandenburg umfassende weiträumige Organisation. Lamperts Ver-

bindungsmann in Berlin war übrigens ebenfalls Österreicher, nämlich der spätere Generalvikar der Erzdiözese Wien, Jakob Weinbacher.

Am 3. Februar 1943 wurden die meisten Mitglieder der Gruppe von der Geheimen Staatspolizei verhaftet. Ein Spitzel namens Dr. Degen hatte sich eingeschlichen und sein Treiben wurde ihm vielleicht durch die zu große Vertrauensseligkeit von Lampert erleichtert, der trotz seiner vorherigen Dachau-Haft über keine Untergrund-Erfahrungen verfügte. Aber auch den seit langem im Widerstand tätigen Sozialisten und Kommunisten blieben ja bekanntlich solche tragischen Ereignisse nicht erspart.

Über das weitere Schicksal der Gruppe konnte kein Zweifel bestehen. Von einem Sondergericht wurden Ter Morsche, Pfarrer Plonka, Dr. Wachsmann und Dr. Lampert zum Tode verurteilt. Die Mitange-

klagten erhielten langjährige Zuchthausstrafen. Als einer der letzten der Gruppe trat am 13. November 1944 Carl Lampert seinen letzten Weg an, um ein aufrecht geführtes Leben aufrecht zu beenden. Dem Wirken der Gruppe wurde in der Dokumentation „Blutzeugen des Erzbistums“ ein historisches Denkmal gesetzt.

Der Bruder von Lampert erhielt folgende lakonische Mitteilung: „ Ihr Bruder Carl Lampert wurde am 30. 12.1943 wegen Feindbegünstigung, Zersetzung der Wehrkraft und Rundfunkverbrechen zum Tode und zu dauerndem Ehrverlust verurteilt. Außerdem wurde auch Vermögensverfall ausgesprochen. Nachdem dem Gnadengesuche der Erfolg versagt blieb, wurde die Todesstrafe am 13. 11.1944 vollstreckt.“

Über die letzten Tage der qualvollen Haft - er war zeitweise gefesselt - berichtet der nachmalige Rektor der pädagogischen Akade-

mie in Frankfurt, Figge, der Lam-pert in der Todeszelle besuchen durfte: „Da das Personal schon weitgehend zersetzt war, hatte Monsignore Lampert Gelegenheit, Mitgefangene in anderen Zellen zu besuchen und er konnte sie durch das Wort Gottes trösten... Gott hat dem Prälaten die Gnade gegeben, noch am Abend seines Lebens, hinter den Mauern des Gefängnisses, segensreich zu wirken. Viele sind gerettet an der Seele, getröstet durch ihn, zur Hinrichtung gegangen... Ich habe keinen Menschen so stark und so aufrecht und fröhlich sterben sehen, wie diesen Priester. Er sagte zu mir: Ich lebe gerne und möchte auch noch das Ende der Tyrannei erleben, aber wenn es Gottes Wille ist, dann sterbe ich auch gerne, denn ich weiß, daß mein Erlöser lebt.“

Carl Lampert ist seiner Gewissenspflicht gefolgt. Qui tacet consentire -wer schweigt, scheint zuzustimmen. Dabei hatte er, wie eingangs erwähnt, bereits das Konzentrationslager Dachau kennengelernt und war daher ohne Illusionen für den Fall eines Hochfluges, wie die Verhaftung in Widerstandskreisen bezeichnet wurde. Er folgte damit vielen seiner Glaubensbrüder.

Für einen von diesen, den in Buchenwald ermordeten Otto Neuru-rer, hatte er die Todesanzeige verfaßt:„Gott hat unseren innigst-geliebten H. Pfarrer Otto Neururer nach großem Leid heimgeholt in seine Liebe. Er starb am 30. Mai 1940, fern seiner Seelsorgegemeinde in Weimar-Buchenwald. Wir kannten Herrn Pfarrer Neururer als einen Mann vorbildlicher Pflichterfüllung und ganzer Hingabe an sei-

ne Seelsorgeaufgabe. Die Beisetzung des lieben Toten wird später bekanntgegeben. Sein Leben unter uns und sein Sterben werden wir nie vergessen.“ (Er kam dafür nach Dachau.)

Nicht zufällig gab Otto Molden seiner Dokumentation über den österreichischen Freiheitskampf von 1938 bis 1945 den Titel „Ruf des Gewissens“. Die Überzeugung der Widerstandskämpfer, daß man gegen das Unrecht kämpfen mußte, wenn man sich nicht mitschuldig machen wollte - ungeachtet der möglichen Folgen —, kommt auch in den Abschiedsbriefen aus den Todeszellen zum Ausdruck. So schrieb der am 10. Mai 1944 hingerichtete Kloster-neuburger Chorherr Karl Roman Scholz:

„Was ich getan habe, ,das tat ich aus der Not meines Herzens und meines Gewissens heraus. Was ich als Mensch und Christ bedauern muß, tut mir herzlich leid. Als Mann und Patriot habe ich nichts zu bereuen. Vor meinen Freunden und der Nachwelt bin ich ebenso gerechtfertigt, wie vor mir selbst.“

Scholz war der führende Kopf einer weitverzweigten Widerstandsgruppe, der „österreichischen Freiheitsbewegung“, der neben einer Reihe von Intellektuellen auch zahlreiche junge Leute angehörten. Zeugen der letzten Phasen der zehn weiteren Mitglieder, die hingerichtet wurden, waren insbesondere der katholische Gefangenenhausseel-sorger Oberpfarrer Eduard Köck und der evangelische Pfarrer Hans

Rieger, beide im landesgerichtlichen Gefangenenhaus in Wien tätig. Die beiden Seelsorger waren nicht nur in vielen Fällen die letzten Gesprächspartner der Todeskandi-

„Die Gnade, noch hinter den Mauern des Gefängnisses segensreich zu wirken“

daten, sondern fungierten in einigen Fällen auch als Kontaktpersonen mit Angehörigen.Gerade die Diskriminierungen, denen die Kirche unter dem NS-Staat ausgesetzt war, bewirkten eine Solidarisierung von Menschen, die bis dahin eher ein lockeres Verhältnis zu ihrer

Glaubensgemeinschaft gehabt hatten. So klagt die Gestapo in einem Lagebericht vom 30. Juni 1939, daß die Maßregelung von Priestern sowie Angriffe auf die Kirche einen Boykott der Bevölkerung der NS-Gau-filmstelle zur Folge hatten. Auch aus sozialdemokratischen Familien stammende Burschen und Mädchen verfertigten in manchen Gebieten auf primitive Weise kleine Kreuze, die sie sich um den Hals hängten -stummer Protest gegen das Regime.

In einem Gestapo-Bericht vom 6. Dezember aus Innsbruck wird die Isolierung der aktiven Nationalsozialisten auf das Wirken eines Ortspfarrers zurückgeführt und der Ausspruch von Eltern zitiert: „Wir las-

sen unsere Kinder nicht zu Heiden erziehen.“Besonders beunruhigt zeigten sich die NS-Behörden über die Tätigkeit von Wanderpredigern, und in einer Anordnung des Landrates von Linz wird die spezielle Überwachung dieser Personengruppe angeordnet. Es wird auch darüber Klage geführt, daß die Bevölkerung zwar kirchliche Feiern besuche, den aufwendig propagierten NS-Veranstaltungen aber fernbleibe.

Nach dem Rußlandf eldzüg wurde über einen Priester in Seibersdorf bei Baden eine hohe Geldstrafe verhängt, weil er die Pfarrangehörigen aufgefordert hatte, die russischen Kriegsgefangenen gut zu behandeln. Menschliches Verhalten gegenüber Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen galt allgemein als staatsfeindlich. Mit der Frage der Seelsorge für solche „Unpersonen“ befaßte sich beispielsweise der Landrat von Steyr am 14. August 1941:

„ Hinsichtlich der seelsorgerischen Betreuung der im Reich eingesetzten Zivilarbeiter polnischen Volkstums wurden höchst unliebsame und jedes Gefühl für nationale Würde und Selbstachtung entbehrende Erscheinungen wahrgenommen. “ Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, daß der Kirchenbesuch „Personen polnischen Volkstums“ untersagt sei.

Es sei hier auch noch einmal daran erinnert, daß der österreichische Klerus nach den Eisenbahnern im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus den größten Blutzoll zu entrichten hatte. Den Untersuchungen von Erika Weinzierl zufolge (die auf den einschlägigen Dokumenten beruhen) waren von 1938 bis 1945 724 Priester in Gefängnissen oder Zuchthäusern. 110 kamen in Konzentrationslager, wo 20 zugrundegingen. 15 wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Zahlreiche Priester waren „gau“- oder landesverwiesen. Über mehr als 1.500 war Predigt- und Schulverbot verhängt worden.Fünfzig Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, der so unermeßliches Leid über unser Land und seine Menschen gebracht hat, sollten wir uns daran erinnern. Und wir sollten auch heute, unter wesentlich geringerem Risiko, dem Unrecht entgegentreten, wo wir es antreffen. Die Demokratie gibt uns die Möglichkeit dazu. Sie bedarf aber dessen auch

Hofrat Dr. Franz Danimann ist Geschäftsführender Vorsitzender der Österreichischen Lagergemeinschaft Auschwitz.

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