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Frauen im 3. Reich: "Es ist nicht jeder ein Held!"

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Eine amerikanische Journalistin sprach mit deutschen Frauen über ihr Leben unter den Nazis.

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Eine amerikanische Journalistin sprach mit deutschen Frauen über ihr Leben unter den Nazis.

Die amerikanische Journalistin Alison Owings interessierte sich nach unverbindlichen Gesprächen mit älteren Damen immer mehr für die NS-Zeit in Deutschland, zu der sie bis dahin wenig Bezug hatte. Sie wollte als Nachgeborene "die Deutschen" verstehen und suchte nach Zeitzeuginnen, um Aufklärung darüber zu erhalten, wie die Greueltaten des Krieges und der Holocaust möglich waren. Ihr Buch "Eine andere Erinnerung" enthält 21 Frauengespräche, die banale und erschreckende Details aus dem Alltag des NS-Regimes beleuchten und der Autorin - ebenso wie dem Leser - Pauschalurteile unmöglich machen. So unterschiedlich wie die Lebensgeschichten der Frauen ist ihr Bildungsniveau, ihr politisches Bewußtsein und ihre Sensibilität für die Verbrechen. Und ebenso differenziert ist ihre eigene Bewertung ihres Anteils am Widerstand oder am Konformismus und die Beurteilung ihrer Versäumnisse, Handlungen und Verhaltensweisen.

"Den Krieg wollte keiner" meint die Kindergärtnerinnen-Ausbildnerin, die ganz in ihrer Aufgabe als Erzieherin aufging. Beseelt von ihrer Aufgabe, Kindern durch Hygiene, Sozialisation und Bildung bessere Lebensperspektiven zu bieten, übersah sie die politischen Rahmenbedingungen. Obwohl sie eine steile Karriere in der "NS-Volkswohlfahrt" machte, die auch ein wichtiger Teil der Propagandamaschine war, meint sie rückblickend: "Das Politische war sehr am Rande" und "Ich wollte nur das Gute sehen".

Juden raus? Na und?

Die einfache, kaum gebildete Mutter von zehn Kindern, die immer wieder Zwangsarbeitern Essen zusteckte und sich damit Unannehmlichkeiten einhandelte, wollte sich und ihre Familie irgendwie durch den Krieg bringen. Das nahm ihre gesamte Kraft in Anspruch. So, wie sie die Unmenschlichkeit bis heute verurteilt und immer wieder "Feinden" half, beurteilt sie es doch positiv, daß sie mit ihren vielen Kindern großzügige Unterstützung bekam. Ganz anders Marianne, die sich in einen Juden verliebte und durch diese Beziehung politisiert wurde. Die Familie verbot die Verbindung, die längst nicht mehr zu verhindern war, aus Angst um die Tochter. Schließlich gab es nach Jahren permanenter Lebensgefahr ein Happy-End und eine lebenslange Ehe bis ins hohe Alter. Aus der damaligen Erfahrung fragt sich Marianne heute: "Hätte ich unter Einsatz meines Lebens etwas verhindern können und würde ich das heute tun?" Die ostpreußische Lehrerin wiederum hielt zwar auch während der Nazizeit an ihrem Glauben fest, unterrichtete Religion, obwohl es verboten war und wurde deswegen ins besetzte Polen geschickt. Daß die Juden "raus" sollten, dabei findet sie aber bis heute nichts, "nur hätte man das anders machen sollen, nicht mit Gewalt". Rückblickend meint sie, daß man gar nicht über Schuld oder Nichtschuld nachgedacht hätte, denn vor allem mußte man sehen, wo man Brot herholte.

Lotte Müller, Kommunistin und im Untergrund tätig, landete in Ravensbrück und hat dort als Klempnerin überlebt. Die politische Überzeugung habe sie gestärkt und stärke sie bis heute, meint sie. Ihre Erinnerungen an die Greuel, die sie in Ravensbrück miterlebte, schüttelt sie ab, obwohl "das Herz blutet dabei". Die Flakhelferin Erna hingegen war begeistert von Hitler, denn "als junger Mensch möchte man doch für irgendwas leben". Im Krieg tat sie "ihre Pflicht" und lernte feindliche Flugzeuge abschießen. Bis heute spricht sie vom "Verteidigungskrieg der Deutschen".

Drei bayrische Bäuerinnen erweisen sich als Überlebenskünstlerinnen ganz anderer Art. Sie erzählen vom "Schwarzschlachten" bei verhängten Fenstern, vom geheimen Getreidemahlen an den Verordnungen der Nazis vorbei, die alle Lebensmittel genau erfaßt und den Großteil abgeliefert haben wollten. Auch den hungernden Stadtfrauen, die ihnen oft leid taten, weil es "ganz feine Damen waren", konnten sie für ihre Wertsachen, Möbel und ihr Geld nur soviel Lebensmittel geben, daß es nicht auffiel. Von Politik verstanden und verstehen sie bis heute nichts - dafür freuen sie sich, erstmals ihre Stimmen vom Tonband zu hören.

Eine anarchistische Künstlerin kommt zu Wort, die glaubt, daß ihre Generation durch die vielen täglichen Kompromisse, die zum Überleben notwendig waren, völlig neurotisiert wurde. Aber auch eine "menschliche KZ-Aufseherin", die in der unterirdischen Munitionsfabrik bei Allendorf Frauen bei der Arbeit bewachte. Ohne Waffe, wie sie betont, und ohne zu wissen, wie die Frauen innerhalb des Lagers - zu dem sie keinen Zutritt hatte - lebten. Sie wollte den Frauen das Leben nicht unnötig schwer machen, sich über Schikanen und Folter laut zu aufzuregen, gewöhnte man ihr bei der Einschulung schnell ab. Also schaute sie weg. Wie die Gefangenen, so taten ihr dann die grausamen Aufseherinnen nach der Befreiung leid, die bei den Verhören durch die Alliierten mißhandelt wurden.

Klare Ablehnung der Nazis bestimmte das Leben jener Ärztin, die sich in Baden-Württemberg in ihrer Arztpraxis weigerte, psychisch Kranke zu melden. Sie wußte, daß die Meldung das Todesurteil bedeutete und behandelte viele ambulant. Das Regime widersprach ihrer anthroposophischen Lebensanschauung, und obwohl "die ganze Stadt gegen mich war", versuchte sie zu helfen und zu retten, wo es möglich war. Ihr Mann starb als Lazarettarzt am Typhus, die fünf Kinder konnte sie mit Hilfe von Freunden und Verwandten großziehen. Unter dem Spitzelwesen und Denunziantentum litt sie besonders, nur mit größter Vorsicht und im äußersten Fall mit gespielter Naivität rettete sie sich aus bedrohlichen Situationen, wenn die Behörden auf Geisteskranke aufmerksam wurden, die zu ihren Patienten gehörten. Sowohl das Frauenbild der Nazis - "all diese Frauen mit den Kränzen auf dem Kopf" - als auch die Verteilung der Mutterkreuze waren ihr zutiefst zuwider. Sie lehnte den Mutterorden mit der Bemerkung "Ich habe meine Kinder nicht für den Führer geboren" ab, was überraschenderweise ohne Konsequenzen blieb.

Im Strudel des 20. Juli Das Gespräch mit Freya von Moltke ragt heraus. Die Witwe Helmuth von Moltkes, der als Kopf des "Kreisauer Kreises" nach dem mißglückten Attentat auf Hitler hingerichtet wurde, blieb mit zwei Söhnen, zwei und sechs Jahre alt, zurück, als das Todesurteil an ihrem Mann vollstreckt wurde. Bis heute trägt sie die Erinnerung an ihn und die glückliche Ehe durchs Leben. Als Jurist und hoher Offizier mit vielen Verbindungen zu ausländischen Freunden versuchte der überzeugte Nazigegner Moltke Menschen zu helfen. Moltke war an der Verschwörung des 20. Juli 1944 nicht beteiligt, doch seine Mitwisserschaft und die in Kreisau entstandenen Pläne für die Zeit nach Hitler rissen ihn in den Strudel. Freya von Moltke spricht voll Respekt und Bewunderung von ihrem Mann und erinnert sich an ihre "ganz schweren Tage" ohne Bitterkeit, aber mit dem geschärften Bewußtsein eines hochpolitischen Menschen.

Mehr Zivilcourage!

Alison Owings hat im Lauf der Arbeit bemerkt, daß ihr die deutschen Frauen manches anvertrauten, weil sie weder Deutsche noch Jüdin ist. Sie glaubt, daß es für viele Gesprächspartnerinnen erleichternd war, erstmals über ihre Erinnerungen zu sprechen. Dafür brach die Autorin unter der Last der Eröffnungen oft fast zusammen. Bei allen in letzter Zeit laut gewordenen Einwänden gegen die Methodik der "oral history" ist der Autorin insgesamt ein Buch geglückt, das trotz der Unterschiede in den Lebensentwürfen und der ambivalenten Erinnerungen als Aufruf zu politischer Wachsamkeit wirkt. Als Ansporn, die Wahlfreiheit in vielen Lebenssituationen für sich zu entdecken, zu nutzen und Zivilcourage zu entwickeln.

Wenn die Autorin am Ende die Frage stellt, ob Frauen heute eine solche "Prüfung" besser bestehen würden als die deutschen Frauen unter dem Hitler-Regime, geht uns dies wohl alle an: "Sie schauten hin und sahen nichts", so Owings über viele ihrer Interviewpartnerinnen. Sie glaubt, daß diese Prüfung zu bestehen zumindest weniger Staatsvertrauen, Vorurteile und Nationalismus und dafür mehr Wagemut, Durchblick und Rebellionsgeist erfordert hätte - und "vielleicht auch mehr Macht".

Eine andere Erinnerung Frauen erzählen von ihrem Leben im Dritten Reich. Von Alison Owings Aus dem Amerikanischen von Kay Dohnke.Ullstein Verlag Berlin 600 Seiten, Tb., öS 138,- / E 10,02

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