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Lebendigkeit

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„Die Aufgeregtheit empfinde ich als ärgerlich“

1945 1960 1980 2000 2020

Menschen im Pflegeheim sollten nicht ausgesperrt werden, sagt FURCHE-Leser Franz Josef Zeßner. Eine Leserreaktion auf den Marianne Gronemeyers Artikel zur Frage: Was hält uns noch lebendig?

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Menschen im Pflegeheim sollten nicht ausgesperrt werden, sagt FURCHE-Leser Franz Josef Zeßner. Eine Leserreaktion auf den Marianne Gronemeyers Artikel zur Frage: Was hält uns noch lebendig?

Meine Mutter wohnt in einem Pflegeheim, in dem auch ich als Seelsorger arbeite. Ich halte es für wichtig, die Einrichtung vor Corona zu schützen. Wenn zu viele MitarbeiterInnen aus der Pflege ausfallen, können die pflegebedürftigen Menschen nicht mehr gut betreut werden. Gleichzeitig bin ich aber auch überzeugt davon, dass das Aussperren von nahen Angehörigen ein Unrecht an ihnen wie an den BewohnerInnen ist.

Meine Mutter hat eine große Familie, Kinder, Enkel, Geschwister und auch Freundinnen, die sie bis März 2020 oft im Heim besucht haben. Das war der Lebensinhalt, der ihr geblieben ist. Auch wenn sie im Heim gut betreut wird und sogar eines ihrer Kinder (mich) öfter als einmal in der Woche sehen kann, fehlt ihr durch das Wegbleiben der Menschen, die ihr wichtig sind, die Motivation, aus dem Bett aufzustehen, sich anzuziehen, sich nicht fallen zu lassen. Für mich ist sie ein Corona-Opfer, nämlich ein Opfer der Maßnahmen zu ihrem Schutz.

Ich nehme Corona nicht auf die leichte Schulter. Aber ichglaube wirklich, dass wir auf einem ganz falschen Weg sind, wenn wir glauben alte Menschen vor dem Tod schützen zu können, der ihnen sicher ist, und ihnen dabei das nehmen, was sie vom Leben noch haben könnten. Die Aufgeregtheit, mit der JournalistInnen PolitikerInnen immer wieder die hohen Todeszahlen in Pflegeheimen vorhalten, empfinde ich als ärgerlich. Was glauben sie, was in Pflegeheimen geschieht? Natürlich sterben Menschen, die alt, krank und am Ende ihres Lebens angelangt sind. Unter anderem das schätze ich an meinem Arbeitsplatz, dass der Tod nicht verdrängt wird, sondern (ein ganz wichtiger) Teil des Leben ist. Auch meine Mutter hat wahrscheinlich ihr letztes Weihnachten erlebt. Niemand darf ihr und anderen in ihrer Lage verwehren, dass sie in dieser letzten Lebenszeit ihre Liebsten bei sich haben!

Danke für diesen Artikel, in dem sie aufgezeigt wurde, dass technogene Sicherheit ein falscher Weg ist, „wenn wir die Lebendigkeit der Todesbekämpfung opfern“, und für eine andere Sicherheit, eine conviviale, plädieren.

Lesen Sie dazu auch die Replik auf Marianne Gronemeyer von Regina Polak.

Meine Mutter wohnt in einem Pflegeheim, in dem auch ich als Seelsorger arbeite. Ich halte es für wichtig, die Einrichtung vor Corona zu schützen. Wenn zu viele MitarbeiterInnen aus der Pflege ausfallen, können die pflegebedürftigen Menschen nicht mehr gut betreut werden. Gleichzeitig bin ich aber auch überzeugt davon, dass das Aussperren von nahen Angehörigen ein Unrecht an ihnen wie an den BewohnerInnen ist.

Meine Mutter hat eine große Familie, Kinder, Enkel, Geschwister und auch Freundinnen, die sie bis März 2020 oft im Heim besucht haben. Das war der Lebensinhalt, der ihr geblieben ist. Auch wenn sie im Heim gut betreut wird und sogar eines ihrer Kinder (mich) öfter als einmal in der Woche sehen kann, fehlt ihr durch das Wegbleiben der Menschen, die ihr wichtig sind, die Motivation, aus dem Bett aufzustehen, sich anzuziehen, sich nicht fallen zu lassen. Für mich ist sie ein Corona-Opfer, nämlich ein Opfer der Maßnahmen zu ihrem Schutz.

Ich nehme Corona nicht auf die leichte Schulter. Aber ichglaube wirklich, dass wir auf einem ganz falschen Weg sind, wenn wir glauben alte Menschen vor dem Tod schützen zu können, der ihnen sicher ist, und ihnen dabei das nehmen, was sie vom Leben noch haben könnten. Die Aufgeregtheit, mit der JournalistInnen PolitikerInnen immer wieder die hohen Todeszahlen in Pflegeheimen vorhalten, empfinde ich als ärgerlich. Was glauben sie, was in Pflegeheimen geschieht? Natürlich sterben Menschen, die alt, krank und am Ende ihres Lebens angelangt sind. Unter anderem das schätze ich an meinem Arbeitsplatz, dass der Tod nicht verdrängt wird, sondern (ein ganz wichtiger) Teil des Leben ist. Auch meine Mutter hat wahrscheinlich ihr letztes Weihnachten erlebt. Niemand darf ihr und anderen in ihrer Lage verwehren, dass sie in dieser letzten Lebenszeit ihre Liebsten bei sich haben!

Danke für diesen Artikel, in dem sie aufgezeigt wurde, dass technogene Sicherheit ein falscher Weg ist, „wenn wir die Lebendigkeit der Todesbekämpfung opfern“, und für eine andere Sicherheit, eine conviviale, plädieren.

Lesen Sie dazu auch die Replik auf Marianne Gronemeyer von Regina Polak.