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Wie wir uns arrangieren

FOKUS
ICH - ICH - © Illustration Rainer Messerklinger

Systemrelevantes Katastrophen-Ego

1945 1960 1980 2000 2020

Seit einem Jahr überzieht eine Coronaschicht jedes Ich. Ob sie dicker ist oder dünner: Der Pandemie-Beigeschmack macht müde und stresst. Eine Wahrnehmungsreise von Ottakring über Tirol und einen Getreidekasten zu Pestzeiten bis zur Wohnung Slavoj Žižeks in Ljubljana.

1945 1960 1980 2000 2020

Seit einem Jahr überzieht eine Coronaschicht jedes Ich. Ob sie dicker ist oder dünner: Der Pandemie-Beigeschmack macht müde und stresst. Eine Wahrnehmungsreise von Ottakring über Tirol und einen Getreidekasten zu Pestzeiten bis zur Wohnung Slavoj Žižeks in Ljubljana.

Das Ich ist wie Brot – ich esse mich davon nicht satt. Die Frage nach einer Alternative stellt sich nicht: mein tägliches Brot, mein tägliches Ich. Natürlich wechseln die Zeiten ab, in denen das Ich einmal besser, einmal weniger gut schmeckt. Doch ob fluffig oder hart: Das Ich bleibt die Unterlage für die süßen, pikanten, fetten, mageren, bitteren und sauren Auflagen des Lebens. Seit einem Jahr überzieht aber Corona mein Ich – und das aller anderen. Die Dicke der Covid-Schicht ist unterschiedlich. Manche Ichs tragen schwer am Virusbelag, gesundheitlich, familiär, beruflich. Die anderen, zu denen auch mein Ich gehört, erleben Corona eher wie lästigen Fensterbeschlag, der sich nicht und nicht wegwischen lässt, den Alltag eintrübt, aber nicht das Leben zuzudecken vermag.

Doch selbst bei solcherart mildem Coronaverlauf drängt sich der Pandemie-Beigeschmack auf, egal was ich mache, egal wo ich bin. Neulich im Zug: Der Passagier in der Reihe hinter mir hustet ständig in die Maske. Umsetzen? Bleiben? Oder auf einer Skitour: Ein Flachmann mit Gipfelschnaps macht die Runde. „Prost, bei uns gibtʼs keinen Virus“, sagt der Ausschenker, „den gibtʼs nur in Wien!“ Ich komme aus Wien, die Inzidenz in meinem Ottakringer Hieb war nie so hoch wie in den dortigen Salzburger/ Tiroler Tälern. Soll ich widersprechen? Die Gipfelharmonie stören? Allgegenwärtiges Corona, nirgendwo entkomme ich ihm, sogar die Sonnenschein- und Pulverschneewelt ist befallen vom Virusgift.

Warum dauernd müde?

Ein Gegenmittel ist der Kinderbuchklassiker „Das kleine Ich-bin-ich“. Die Illustratorin Susi Weigel erzählte einmal, woher die Buchidee stammte: „Wir hatten eine liebe Kinderfrau, die ich sehr gern mochte. Im hohen Alter ist diese Frau etwas verwirrt gewesen und hat immer wieder gefragt: ‚Wer bin ich – ich bin ich?‘“ Die Weigel-Diagnose gilt auch für das Jetzt, ja ist sogar untertrieben. „Wer bin ich?“ Seit Corona fragt das jedes Ich ständig: Händeschütteln? Maskentragen? Abstand? Familienfeier? Party? Testen oder leugnen? Protestieren oder impfen? Oder beides? Krisenzeiten sind Entscheidungszeiten: Jedes Ich muss ständig sagen, zeigen, leben, wo es steht, wofür und wogegen es ist.

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