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Unser Corona-Leben

FOKUS
Matthias Strolz - Geboren 1973 in Bludenz, war ab 2012 Neos-Mitbegründer und bis 2018 Parteichef. Heute begleitet er Personen, Organisationen und Unternehmen in Entwicklungsprozessen. Als Publizist ist er zudem Co-Founder der Geschichten-Plattform story.one. - © story.one / Andreas Hofer

Matthias Strolz: „Wir sind erst in der Ouvertüre der Krise“

1945 1960 1980 2000 2020

Nach seinem Ausstieg aus der Politik zieht Neos-Parteigründer Matthias Strolz in der FURCHE gesellschaftliche und politische Lehren aus Corona auch mithilfe seines spirituellen Zugangs.

1945 1960 1980 2000 2020

Nach seinem Ausstieg aus der Politik zieht Neos-Parteigründer Matthias Strolz in der FURCHE gesellschaftliche und politische Lehren aus Corona auch mithilfe seines spirituellen Zugangs.

Bereits als Neos-Klubobmann im Nationalrat riskierte Matthias Strolz mit Grenzüberschreitungen ins Spirituelle, ins Esoterik-Eck abgeschoben zu werden. Als Nicht-mehr-Politiker präsentiert er in diesem Interview seine ganzheitliche Sicht auf die Coronakrise.

DIE FURCHE: Herr Strolz, in Ostfrankreich hat während der Corona-Ausgangssperrenein Kuhmilchweichkäse, weil er nicht verkauft werden konnte, essbare Schimmelkulturen angesetzt, und es ist eine neue Delikatesse daraus entstanden – sehen Sie solche Corona-Veredelung auch anderswo?

Matthias Strolz: Auf jeden Fall spüre ich, dass auf allen Ebenen ein großer Gärungsprozess im Gange ist. Während des Lockdowns war alles ein bissl irreal. Eine sich anbahnende Tragödie mit auch sehr viel schönen Seiten und viel wühlender Sorge. Wir erleben eine immens diffuse Großwetterlage, gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich. Es wird sich extrem viel umbauen.

DIE FURCHE: Wir sitzen im Gastgarten eines Cafés – hier wie anderswo orte ich eher die Einstellung: Corona ist lästig, aber alles bleibt wie immer.

Strolz: Im Moment ist die Stimmung: Den Sommer lass ich mir nicht nehmen! Was im Herbst kommt oder nicht kommt, wissen wir eh nicht. Und an dieser Veranstaltung beteilige ich mich gerade auch. Aber die Mutter der Innovation ist die Irritation. Und es war seit 1945 weltweit noch nie so viel Irritation im Raum. Wir können davon ausgehen, dass die Innovation so groß sein wird wie noch nie zu Lebzeiten der heutigen Generationen.

DIE FURCHE: „Sei Pilot deines Lebens“ lautet der Titel Ihres Buches, mit dem Sie biszum Corona-Ausbruch auf Tour waren – wie funktioniert das, unter den Corona-Einschränkungen?

Strolz: Als Mensch kannst du das, was ist, nicht immer ändern oder bestimmen, aber du bleibst ein schöpferisches Wesen. Das Leben kann durch Krankheit, Unfall, Corona und vieles mehr extrem eingeschränkt werden, aber dir bleibt die Freiheit, dazu eine Haltung einzunehmen. Das hab nicht ich erfunden, das sagt Viktor Frankl, und der hat mit dieser Haltung vier Konzentrationslager überlebt.

DIE FURCHE: Heißt egal, was passiert, „trotzdem Ja zum Leben sagen“.

Strolz: Wir Menschen sind eine unglaubliche Wesenheit, und darüber schreibe ich in meinem während des Lockdowns geschriebenen neuen Buch „Kraft und Inspiration für diese Zeiten“ erstmals öffentlich. Denn es kommt auch immer viel Gegenwind, wenn du deine spirituelle Seite zeigst. Ich bin zutiefst überzeugt: Wir sind als Menschen außerzeitliche Wesen. Mit der Ankunft auf dem Planeten schlüpfen wir in einen Körper, betreten das Kontinuum von Raum und Zeit. In Momenten der Glückseligkeit erhaschen wir einen Blick in die Unendlichkeit, die Religion spricht von Gott, die Psychologie von Flow … Das ist ein Wissen, das in jeder Hochkultur und Religion eingelagert ist, etwas Universales, für das ich hier nach Worten ringe.

DIE FURCHE: Jetzt dreht der Strolz komplett durch, werden jetzt manche sagen – hat diese Einsicht Corona ausgelöst?

Strolz: Das ist ein Prozess, der bei mir schon länger im Gang ist, aber er wurde durch Corona beschleunigt. Ich bin auf einer spirituellen Reise. Schon als Politiker habe ich mich als „Gärtner des Lebens“ bezeichnet, das war für viele eh schon zu viel …

DIE FURCHE: Ist die Politik zu einseitig diesseitig ausgerichtet?

Strolz: Natürlich hat Politik eine spirituelle Dimension. Wenn man die ausblendet, ist das Einfallstor für Korruption und Kompromittierung weit offen. Eine spirituelle Fundierung erdet dich auch charakterlich. Die Dichte an Verführungen und negativer Energie in der Politik ist immens groß, und die Frage, wie ich mich davor schütze, ist eine alltägliche. In dem Moment, in dem Politik nicht nur die Performance eines Einzelnen ist, sondern ein Gemeinschaftstanz, greift sie hinein in eine transzendente Ebene. Politik ist eine extrem materielle Disziplin, aber jene, die Politik nur als materielle Disziplin begreifen, ohne spirituelle Erdung, die verlieren oft ihren Wertekompass.

DIE FURCHE: Mit ein Grund, in Ihrem Buch eine „Glücksministerin“ zu fordern.

Strolz: Bereits 2014 habe ich im Parlament vorgeschlagen, dass wir einen anderen Wohlstandsindikator brauchen. Es kann nicht sein, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) unsere zentrale Steuerungsgröße ist. Wenn wir auf dem Heimweg einen Unfall haben, jubelt das BIP. Nehmen wir stattdessen einen Verbund aus 36 Steuerungsgrößen, zu denen das BIP gehört, aber auch andere Größen wie Familie, Umwelt, Soziales, Bildung, Teilhabe …

Bereits als Neos-Klubobmann im Nationalrat riskierte Matthias Strolz mit Grenzüberschreitungen ins Spirituelle, ins Esoterik-Eck abgeschoben zu werden. Als Nicht-mehr-Politiker präsentiert er in diesem Interview seine ganzheitliche Sicht auf die Coronakrise.

DIE FURCHE: Herr Strolz, in Ostfrankreich hat während der Corona-Ausgangssperrenein Kuhmilchweichkäse, weil er nicht verkauft werden konnte, essbare Schimmelkulturen angesetzt, und es ist eine neue Delikatesse daraus entstanden – sehen Sie solche Corona-Veredelung auch anderswo?

Matthias Strolz: Auf jeden Fall spüre ich, dass auf allen Ebenen ein großer Gärungsprozess im Gange ist. Während des Lockdowns war alles ein bissl irreal. Eine sich anbahnende Tragödie mit auch sehr viel schönen Seiten und viel wühlender Sorge. Wir erleben eine immens diffuse Großwetterlage, gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich. Es wird sich extrem viel umbauen.

DIE FURCHE: Wir sitzen im Gastgarten eines Cafés – hier wie anderswo orte ich eher die Einstellung: Corona ist lästig, aber alles bleibt wie immer.

Strolz: Im Moment ist die Stimmung: Den Sommer lass ich mir nicht nehmen! Was im Herbst kommt oder nicht kommt, wissen wir eh nicht. Und an dieser Veranstaltung beteilige ich mich gerade auch. Aber die Mutter der Innovation ist die Irritation. Und es war seit 1945 weltweit noch nie so viel Irritation im Raum. Wir können davon ausgehen, dass die Innovation so groß sein wird wie noch nie zu Lebzeiten der heutigen Generationen.

DIE FURCHE: „Sei Pilot deines Lebens“ lautet der Titel Ihres Buches, mit dem Sie biszum Corona-Ausbruch auf Tour waren – wie funktioniert das, unter den Corona-Einschränkungen?

Strolz: Als Mensch kannst du das, was ist, nicht immer ändern oder bestimmen, aber du bleibst ein schöpferisches Wesen. Das Leben kann durch Krankheit, Unfall, Corona und vieles mehr extrem eingeschränkt werden, aber dir bleibt die Freiheit, dazu eine Haltung einzunehmen. Das hab nicht ich erfunden, das sagt Viktor Frankl, und der hat mit dieser Haltung vier Konzentrationslager überlebt.

DIE FURCHE: Heißt egal, was passiert, „trotzdem Ja zum Leben sagen“.

Strolz: Wir Menschen sind eine unglaubliche Wesenheit, und darüber schreibe ich in meinem während des Lockdowns geschriebenen neuen Buch „Kraft und Inspiration für diese Zeiten“ erstmals öffentlich. Denn es kommt auch immer viel Gegenwind, wenn du deine spirituelle Seite zeigst. Ich bin zutiefst überzeugt: Wir sind als Menschen außerzeitliche Wesen. Mit der Ankunft auf dem Planeten schlüpfen wir in einen Körper, betreten das Kontinuum von Raum und Zeit. In Momenten der Glückseligkeit erhaschen wir einen Blick in die Unendlichkeit, die Religion spricht von Gott, die Psychologie von Flow … Das ist ein Wissen, das in jeder Hochkultur und Religion eingelagert ist, etwas Universales, für das ich hier nach Worten ringe.

DIE FURCHE: Jetzt dreht der Strolz komplett durch, werden jetzt manche sagen – hat diese Einsicht Corona ausgelöst?

Strolz: Das ist ein Prozess, der bei mir schon länger im Gang ist, aber er wurde durch Corona beschleunigt. Ich bin auf einer spirituellen Reise. Schon als Politiker habe ich mich als „Gärtner des Lebens“ bezeichnet, das war für viele eh schon zu viel …

DIE FURCHE: Ist die Politik zu einseitig diesseitig ausgerichtet?

Strolz: Natürlich hat Politik eine spirituelle Dimension. Wenn man die ausblendet, ist das Einfallstor für Korruption und Kompromittierung weit offen. Eine spirituelle Fundierung erdet dich auch charakterlich. Die Dichte an Verführungen und negativer Energie in der Politik ist immens groß, und die Frage, wie ich mich davor schütze, ist eine alltägliche. In dem Moment, in dem Politik nicht nur die Performance eines Einzelnen ist, sondern ein Gemeinschaftstanz, greift sie hinein in eine transzendente Ebene. Politik ist eine extrem materielle Disziplin, aber jene, die Politik nur als materielle Disziplin begreifen, ohne spirituelle Erdung, die verlieren oft ihren Wertekompass.

DIE FURCHE: Mit ein Grund, in Ihrem Buch eine „Glücksministerin“ zu fordern.

Strolz: Bereits 2014 habe ich im Parlament vorgeschlagen, dass wir einen anderen Wohlstandsindikator brauchen. Es kann nicht sein, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) unsere zentrale Steuerungsgröße ist. Wenn wir auf dem Heimweg einen Unfall haben, jubelt das BIP. Nehmen wir stattdessen einen Verbund aus 36 Steuerungsgrößen, zu denen das BIP gehört, aber auch andere Größen wie Familie, Umwelt, Soziales, Bildung, Teilhabe …

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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

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Es gab doch eine unglaubliche Sehnsucht nach Krise. Jetzt realisieren wir: Wir hatten nicht Sehnsucht nach Krise, wir hatten Sehnsucht nach einer anderen Zukunft.

DIE FURCHE: Die systemrelevanten Lebensbereiche, wie uns Corona gelehrt hat.

Strolz: Wir sind erst in der Ouvertüre dieser Krise, das ist das Gute. Wenn sie schon vorbei wäre, hätte ich Angst, dass wir nichts gelernt hätten. Sie wird uns über viele Jahre erhalten bleiben. Sie wird ihr Gesicht verändern, sich morphen. Im August 2021 wird sie vielleicht keine Gesundheitskrise sein, weil es eine Impfung gibt, doch sie wird dann ein anderes Gesicht zeigen.

DIE FURCHE: Statt einer möglichen zweiten Welle sollten wir uns eher auf viele und unterschiedliche Krisen-Wellen einstellen?

Strolz: Der erste Schritt der Verlustbewältigung ist Verdrängung, und wir sind kollektiv noch in vielen Bereichen in der Verdrängung. Dann kommt die Phase der großen Emotionen, die Entladungen, willkürliche Straßenproteste und Zerstörungen werden zunehmen. So wie wir es in Stuttgart gesehen haben. Erst wenn wir da durch sind, kommen wir in eine taugliche Tiefe für eine strukturelle Auseinandersetzung. Diese Verlustbewältigungsarbeit müssen wir leisten, da gibt es keinen Abkürzer, weder für das Individuum noch für das Kollektiv. Aber davor kommen schon die Sachzwänge: Wie schaut denn unser nationales Budget 2021 aus? Das wird sich jeder Staat fragen. Wir werden in ganz heftige Verteilungskämpfe hineinwachsen.

DIE FURCHE: Die Europäische Zentralbank (EZB) setzt auf ihr bisheriges Krisenprogramm und pumpt wieder Milliarden ins System.

Strolz: Bei der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 haben wir uns damit Zeit gekauft, aber die haben wir nicht genutzt. Wir sind 2008 an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen worden und haben geglaubt, wir sind gesund. Wir konnten die Systeme stabil halten, und weil wir sie stabil hielten, mussten wir sie nicht erneuern. Und jetzt versuchen wir dasselbe wieder. Im ersten Schock ist das legitim, es fällt uns nichts Gescheiteres ein, aber wir müssen auch die negativen Effekte sehen.

DIE FURCHE: Welche?

Strolz: Mit der Ausweitung der Geldmenge und der gleichzeitigen Zunahme der Digitalisierung versammelt sich der Wohlstand bei immer weniger Menschen. Ich hätte vor fünf Jahren noch anders darüber gesprochen, da musste ich auch meine Analyse korrigieren. Die Milliarden, die die EZB hineinheizt, kommen nicht im Mittelstand an. Die bleiben hängen bei Menschengruppen mit Informations- und Netzwerkvorsprung. Ich wage eine Prophezeiung: Wenn wir glauben, wir kommen damit wieder durch, wird das auf der Straße enden.

DIE FURCHE: Damit es nicht eskaliert …

Strolz: … müssen wir in eine andere Logik kommen. Die Verteilungswirkung unserer politischen Maßnahmen muss viel mehr in den Fokus rücken. Die war in den letzten zehn Jahren verheerend. Die Spreizung der Gesellschaft wird weiter in die Breite getrieben. Das wird durch Corona noch verstärkt, ein absolutes Konfliktszenario …

DIE FURCHE: … aus dem wir wie rauskommen?

Strolz: Wir brauchen eine bodenständige, wertebasierte Politik, die nicht dogmatisch ideologisiert ist, denn das führt immer in Verengung, Ignoranz und Brutalität. Auch eine reine Professionalisierung der Politik greift zu kurz, weil sich ihre Vertreter immer mit der Macht arrangieren, auch mit der wirtschaftlichen Macht. Es kann nicht sein, dass mir EU-Abgeordnete sagen, dass durch aggressive Steuerplanung von Konzernen allein den EU-Staaten 950 Milliarden Euro pro Jahr entgehen. Die fehlen unseren Sozialsystemen.

DIE FURCHE: Gegen diese Steuerflucht gibt es viele Initiativen, aber oft bleibt es bei: Da kann die Politik nichts machen.

Strolz: Dann sage ich: He, wenn uns Corona eines gezeigt hat, dann dass die Politik unglaubliche Dinge machen kann. Die Politik kann über Nacht Milliarden Menschen zu Hause kasernieren. Soll keiner kommen und sagen, die Politik kann diese Milliarden an Steuern nicht zurückholen. Um zukunftsfähig zu bleiben, müssen wir unsere Systeme ein Stück weit neu bauen. Das haben wir eh alle gespürt. Es gab doch schon vor dieser Krise eine unglaubliche Sehnsucht nach Krise. Jetzt realisieren wir, es war eine Verwechslung: Wir hatten nicht Sehnsucht nach Krise, wir hatten Sehnsucht nach einer anderen Zukunft. Die Türen sind weit auf. Der Weg wir immens steinig. Ob es uns gelingen wird, ich weiß es nicht.

DIE FURCHE: Das ist aber ein zu defensives Finale für den „Flügelheber“ Strolz – bittenoch einmal!

Strolz: Dieses Virus ist die Mutter der Innovation, weil es so viel Irritation auslöst. Das kleine Virus macht das im Vorbeigehen und ist damit die Hebamme für das Neue. Es wird ein schwieriger Geburtsakt. Das Neue kommt gleichsam von selbst, aber wir können Landebahnen für die Zukunft bauen und so dafür sorgen, dass das Richtige gut ankommt.

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