Barbara Blaha: Alle im selben Boot?

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Die Bewältigung der Corona-Krise wird für unsere Gesellschaft ein Kraftakt werden. Ein Gastkommentar in fünf Thesen zu den Veränderungen, die das Virus bringt. Von Barbara Blaha.

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Die Bewältigung der Corona-Krise wird für unsere Gesellschaft ein Kraftakt werden. Ein Gastkommentar in fünf Thesen zu den Veränderungen, die das Virus bringt. Von Barbara Blaha.

Hinter der Corona-Pandemie steckt nicht nur eine kolossale Wirtschaftskrise. Vielmehr stellt sich die Frage, ob wir nach der Krise einfach so weitertun sollten wie vorher – und ob wir das überhaupt könnten. Eine Annäherung in fünf Thesen:

  1. Die Arbeitslosigkeit wird nicht einfach wieder sinken Wir reden viel zu wenig über die explodierende Arbeitslosigkeit, die schon vor Corona auf dem hohen Niveau von rund 400.000 Menschen lag. In wenigen Tagen ist sie auf ein Rekordhoch katapultiert worden, schneller als in der Finanzkrise 2008. Spätestens am Ende der Woche werden wir so viele Arbeitslose zählen, wie Graz, Salzburg und Innsbruck zusammen Einwohner haben. Wessen Arbeitgeber sich nicht um Kurzarbeit gekümmert hat, der muss vom Arbeitslosengeld leben, also von rund der Hälfte des Nettoeinkommens. Die Grenzschließung weist nicht nur auf bekannte Probleme hin – wie die an osteuropäische Nachbarländer ausgelagerte Altenbetreuung.

    Es zeigt sich, dass auch Landwirtschaft oder die Fleischindustrie von ausländischen Arbeitskräften abhängig sind, weil diese harte Arbeit so schlecht bezahlt wird, dass sie in Österreich niemand freiwillig macht. Das Gefährlichste wäre, davon auszugehen, dass die Arbeitslosigkeit mit dem Ende der Pandemie einfach wieder verschwindet. Das wird nicht passieren. Viele Unternehmen werden ihren Betrieb nicht wieder aufmachen. Auch die internationale Konjunktur, die bereits vor Corona Schwäche zeigte, wird dafür sorgen, dass auch in Branchen wie der Industrie nicht alle wieder einen Job finden. Und hier droht ein Teufelskreis: Dann nämlich, wenn hunderttausende Arbeitslose zu wenig Geld haben, um etwas zu kaufen, und die Betriebe zum Teil nicht das Geld, um alle wieder einzustellen.
  2. Wir müssen den Staat neu denken Eine Lektion nach der Krise muss sein: Wir brauchen einen starken, gut ausgebauten Sozialstaat. Sparen um jeden Preis ist eine schlechte Idee – genauso wie die fixe Idee der letzten Jahr(zehnt)e, jede Facette öffentlicher Dienstleistung ohne Reserven auszugestalten. Je weniger Spitalsbetten, desto besser, hieß es noch vor wenigen Monaten. Ein Intensivbett, das ich in guten Zeiten abbaue, steht mir in der Krise nicht mehr zur Verfügung. Es ist ein Fehler, den Staat kleinzuhalten.

    Auch wirtschaftspolitisch: Der Privatsektor wird nach der Krise am Boden sein. Der Staat wird die Wirtschaft auf Jahre nach der Krise noch begleiten, lenken und unterstützen. Andernfalls würden wir uns von diesen tiefen Einschnitten nicht erholen. Zwar scheint mitten in der Krise die Einigkeit groß, wenn sich von Industriellenvereinigung bis Gewerkschaft alle einig sind, dass der Verzicht auf das Nulldefizit eine gute Idee ist. Auch viele Neoliberale stimmen ein: Ja, in so einer dramatischen Situation muss der Staat natürlich schon einspringen. Nur sonst soll er eine Ruhe geben. Das klingt natürlich verlockend: im Normalzustand kaum vorhanden, in der Krise beschützend. Aber die Wahrheit ist: Ein Staat, der im Normalzustand am Limit ist, kann in der Krise niemandem beistehen. Die katastrophalen Resultate werden wir in den nächsten Tagen und Wochen in den USA sehen.
  3. Eine rein betriebswirtschaftliche Sicht auf Warenströme ist passé Corona wird die Globalisierung nicht ungeschehen machen, aber mehr Reflexion tut dringend not: Macht es wirklich Sinn, dass wir strategisch wichtige Güter, lebensnotwendige Medikamente über den halben Erdball transportieren? Dass Lagerhaltung uns zu teuer geworden ist und durch extrem verwundbare Just-in-time-Lieferketten abgelöst worden ist? Je optimierter ein System, desto anfälliger istes auch. Eine sich nicht im Kostenmanagement verlierende Art zu wirtschaften muss auch die Resilienz im Blick haben. Gleichzeitig müssen wir politisch viel internationaler werden: Kooperation ist dringend nötig, im europäischen Rahmen und darüber hinaus. Globale Herausforderungen wie Pandemien oder der Klimawandel lassen sich nationalstaatlich nicht lösen.
  4. Ungleichheit zeigt und verschärft sich Corona ist für die einen eine leichte bis mittlere Einschränkung ihres Lifestyles, für die anderen eine existenzielle Bedrohung. Wir scheinen alle im selben Boot zu sitzen. Aber die einen haben’s immer noch sehr komfortabel in ihren großzügigen Wohnungen mit Terrasse – unabhängig davon, ob jetzt der Extra-Vortrag zusätzlich zum Angestellten-Job abgesagt ist oder nicht. Für andere ist die Krise existenzbedrohend. Zu viele sind arbeitslos geworden oder müssen trotz Angst arbeiten gehen, weil der Supermarkt auch jetzt geputzt werden muss. Oder weil viele Baustellen weiterlaufen.
  5. Bildung und Familie sind in Not Schon im Normalzustand ist die Betreuung und Erziehung unserer Kinder zu oft „Privatsache“. In der momentanen Situation fallen nicht nur Kindergarten, Schule und Hort weg, sondern auch Großeltern und die Kooperation zwischen Eltern. Die meisten Familien bringt das über ihre Belastungsgrenze. Unter den Alleinerzieherinnen ist ohnehin schon fast jede zweite armutsgefährdet.

    Wie geht es Familien, in denen es psychische Probleme oder chronische Krankheiten gibt? Wie können wir erwarten, dass Kinder außerschulisch betreut werden, wenn es in vielen Familien eben keinen Laptop für jedes Kind gibt, auf dem die Hausübung gemacht werden kann? Wir sorgen uns schon sonst zu wenig um den Erfolg dieser Kinder, und auch jetzt lassen wir sie mehr oder weniger allein. Die Bewältigung der Corona-Krise wird für unsere Gesellschaft ein Kraftakt. Wir müssen darauf achten, dass alle jene Lasten tragen, die sie auch tragen können. Wenn wir aus der Krise mitnehmen, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind, dass weniger Staat nicht gleichbedeutend mit mehr Freiheit ist und dass mit politischem Willen zuvor Undenkbares möglich wird, schaut es für die Zukunft nicht nur düster aus.

Die Autorin leitet das „Momentum Institut“, den „Think Tank der Vielen“ in Wien.

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