Eigenverantwortung? Wir kommen nicht allein aus dieser Krise!

1945 1960 1980 2000 2020

Es braucht beides: Eigenverantwortung und Verantwortung füreinander, meint Klaus Schwertner. Warum man die Schwächsten nicht vergessen darf. Eine Replik auf Walter Marschitz.

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Es braucht beides: Eigenverantwortung und Verantwortung füreinander, meint Klaus Schwertner. Warum man die Schwächsten nicht vergessen darf. Eine Replik auf Walter Marschitz.

Zum Beispiel Familie L. aus Niederösterreich. Vor der Corona-Krise war die Welt der fünfköpfigen Familie noch in Ordnung. Gutes Einkommen, Haus am Land, Urlaube am Meer. Eine Familie wie es viele gibt in Österreich. Doch mit dem ersten Lockdown begann der Ausnahmezustand. Herr L. arbeitete seit vielen Jahren in der Nobelgastronomie. Im März 2020 wurde er zum ersten Mal in seinem Leben arbeitslos. Das Arbeitslosengeld reichte nicht mehr aus. Gelder aus dem Familienhärtefonds retteten die Familie über den ersten Lockdown. Doch mit der zweiten Welle wurde der Druck größer. Familie L. wandte sich wie zehntausende andere Menschen an eine der 53 Sozialberatungsstellen der Caritas. Es sind Menschen, die schon vor der Krise in einer Krise waren. Aber auch zunehmend mehr, die erstmals auf Hilfe angewiesen sind: Alleinerziehende, Kleinunternehmer und eben erschreckend viele Familien.

Ich musste an Familie L. denken, als ich vergangene Woche an dieser Stelle den Gastkommentar von Walter Marschitz las. Viele Gedanken dieses Textes teile ich, manches sehe ich jedoch kritisch. In seinem Text hält der Autor ein Plädoyer für „Eigenverantwortung“. Mit Daten und Zahlen wird ein Bild eines Landes gezeichnet, in dem die Corona-Krise „die sozialen Fragen nicht grundlegend verändert“ hätte.

Von der Gesundheits- zur sozialen Krise

Doch ein Blick in unsere Sozialberatungsstellen macht deutlich: Für viele Menschen ist die Gesundheitskrise längst zu einer sozialen Krise geworden. Die Zahl der Anfragen ist im Vorjahr teils um bis zu 70 Prozent gestiegen. Und die Krise hat Teile des Mittelstands erreicht. Rekordarbeitslosigkeit und ein dramatischer Einbruch der Wirtschaft machen das deutlich. Positive Wirtschaftsprognosen und ein Ende des Lockdowns stimmen zweifelsohne zuversichtlich, doch für ein Aufatmen ist es noch zu früh.

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