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Wir haben keine LÖSUNGEN

1945 1960 1980 2000 2020

Der emeritierte Grazer Bischof hat im Buch "Schritte zur Mitte" Texte der letzten Jahre gesammelt. Nachstehend einer der wesentlichsten daraus.

1945 1960 1980 2000 2020

Der emeritierte Grazer Bischof hat im Buch "Schritte zur Mitte" Texte der letzten Jahre gesammelt. Nachstehend einer der wesentlichsten daraus.

Als ich mir am vergangenen Freitag (13. November 2015, Anm.) abends Zeit genommen hatte, vermittelt durch den Fernsehsender arte, die Berliner Aufführung einer Mozartoper mitzuerleben, da erschienen am Rand des Bildschirms plötzlich immer wieder Textzeilen mit Nachrichten über die sich zeitgleich ereignenden terroristischen Anschläge in Paris. Das war eine aufschreckende Erinnerung an die vielen Faktoren der heutigen globalen Instabilität, die nun als bestialischer Terrorismus auch Europa erfasst hat.

Es kommen härtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.

So beginnt ein Gedicht von Ingeborg Bachmann aus dem Jahr 1953. Das geschieht in der Weltgeschichte in Rhythmen immer wieder und löst bei vielen Menschen Furcht, Depression, Aggression oder Resignation aus. Es weckt andererseits neue Kräfte zur Hoffnung, zur Gestaltung von Kultur, Wissenschaft, Politik und auch Religion auf. In diesem Welthorizont steht auch unsere katholische Weltkirche inmitten der Menschheit und der mondialen Christenheit. Sie freut sich mit und leidet mit. Inmitten der großen Suchbewegung der Menschheit auf ihrem Weg in die Zukunft sind die Christenheit und spezifisch die katholische Kirche unterwegs. Sie hat für vieles keine Rezepte, aber sie hat als Kompass das Evangelium und seine gelebte Interpretation in nun fast 2000 Jahren. [...]

Die Frage nach dem Menschen

Was ist der Mensch? Diese Frage stellt der Beter des 8. Psalms der Bibel an Gott: "Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, das Menschenkind, dass du dich seiner annimmst?" Zahlreicher als je in ihrer Geschichte ist heute die unseren Planeten bevölkernde Menschheit, eine wimmelnde Menge von mehr als sieben Milliarden Menschen mit weißem, schwarzem, gelbem oder andersfärbigem Antlitz, und jeder von ihnen ist in biblischer Sicht ein unverwechselbares Individuum.

Ebenfalls der 8. Psalm sagt über den Menschen, so wie er sein sollte, zu Gott: "Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt." Der Mensch - wie er vorkommt (Heidegger) und wie Immanuel Kant gesagt hat - ist aber aus krummem Holz geschnitzt. Er kann dem Menschen ein Mensch oder auch ein Wolf sein. Er kann Abel oder Kain, Franz von Assisi oder ein IS-Terrorist sein. Religionen haben beide Typen immer wieder ausgeprägt. IS-Terroristen nennen ihre Gegner im Westen plakativ Kreuzzügler, und im gesellschaftlichen Westen gab und gibt es Kräfte, die wegen des Aggressionspotentials in den drei abrahamitischen Religionen gleich auch auf deren Verschwinden gehofft haben oder hoffen. Die katholische Kirche hat große Fehler begangen, konnte sich dabei aber nie auf das Evangelium berufen und darf sich entsprechend ihrer Berufung nie aus der Gesellschaft, aus dem öffentlichen Raum ins bloß Private verdrängen lassen. Die ohne Anstrengung des Begriffs auch hierzulande oft gehörte Forderung nach einer radikalen Trennung von Kirche und Staat - die kurioserweise auch gleich auf den Islam angewendet wird, obwohl er sich nicht als Kirche versteht - kann nicht Beziehungslosigkeit bedeuten, wenn die Zivilgesellschaft nicht auf große humane Ressourcen verzichten will. [...]

Der von der Bibel ausgespannte und positiv herausfordernde ethische Generalhorizont ist nun für die Länder Europas und zumal für die Mitgliedsländer der Europäischen Union aufgrund der großen Welle von Migration wieder einmal auf bedrängende Weise in Bewegung geraten. Was lange voraussehbar war, wurde im öffentlichen Diskurs weitgehend verdrängt. Nun wird diese offene Rechnung dramatisch präsentiert. Die meisten in Politik, Medien, aber auch in Religionsgemeinschaften davon Betroffenen begegnen dieser komplexen Gesamtsituation aber nur mit einer selektiven Wahrnehmung, also mit einem nicht ausreichenden Blick auf das Ganze. Die diesbezüglichen Wortmeldungen ergeben daher viel Nebeneinander, Gegeneinander und Durcheinander.

Aus dem Quellgrund des Christentums

Andererseits gibt es angesichts dieser Herausforderung eine höchst erfreuliche Welle von Solidarität und Empathie in der Zivilgesellschaft und besonders auch in den Kirchen. Ohne jemanden kirchlicherseits zu vereinnahmen, wird man doch sagen können, dass viel von dieser Empathie direkt oder indirekt dem Quellgrund des Christentums, dem Evangelium, zu verdanken ist. Angesichts der rasch anwachsenden Migrationsbewegung leben alte Stereotypen von Egoismus und Angst vor Neuem und Fremdem wieder auf. Es gibt aber auch sehr begründete Sorgen über die ökonomische und gesamtsoziologische Kapazität und Zukunft von Ländern wie Deutschland. Nicht ein blauäugiger, sondern ein realistischer Idealismus wird notwendig sein, damit nicht viel von dieser großen Solidarität in Aggression und Depression umschlägt. Denk- und Redeverbote betreffend die Gesamtkomplexität der Situation im Namen einer, wenn auch gut gemeinten, Political Correctness führen lediglich in Sackgassen. Zur Differenzierung tragen Printmedien, aber auch Hörfunk und Fernsehen, nach meiner Beobachtung jetzt zunehmend bei - man kann dafür dankbar sein. Der Grazer Soziologe Manfred Prisching hat mit der ihm eigenen sprachlichen Eleganz und emotionalen Nüchternheit in der Wochenzeitung DIE FURCHE die Hauptfaktoren des komplexen Themas Migration benannt und resümierend gesagt: "Die Wahrheit ist: Wir haben keine Lösungen."

Auch wenn diese Generaldiagnose derzeit leider stimmt, werden sich ernsthafte Christen und Humanisten überhaupt nicht einfach damit abfinden, sondern sie werden sich auch diesbezüglich an ein Wort von Leonardo da Vinci halten, der gesagt haben soll: "Wenn du nicht kannst, was du willst, dann wolle, was du kannst!" Jeder Mensch guten Willens kann angesichts dieser generellen Situation und im Grunde immer Gutes tun, auch wenn er keine großen Hebel zur Verfügung hat. Und wer überhaupt nicht Gutes tut, auch bis es ihm schon etwas wehtut, der sollte im öffentlichen Diskurs schweigen. [...]

Aus einem Vortrag beim Modestusfest am 20. November 2015 in Maria Saal

Schritte zur Mitte

Eine Nachlese.

Von Egon Kapellari, Styria Premium 2015.208 Seiten, geb. € 24,90