Zahlenlandschaft - © Foto: iStock/carloscastilla

Konrad Pesendorfer: „Zahlen können Geschichten erzählen“

1945 1960 1980 2000 2020

Der Statistiker Konrad Pesendorfer über eine nüchterne Arbeit, die oft drastische Einsichten eröffnet – und mit Beipackzettel zu vermitteln ist.

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Der Statistiker Konrad Pesendorfer über eine nüchterne Arbeit, die oft drastische Einsichten eröffnet – und mit Beipackzettel zu vermitteln ist.

Konrad Pesendorfer war von 2010 bis 2019 Generaldirektor der Statistik Austria, die statistische Informationen zu sämtlichen Bereichen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Verfügung stellt. Heute ist Pesendorfer als Chefstatistiker Saudi-Arabiens in Riad tätig. Die FURCHE hat mit ihm ein Zoom-Interview geführt.

DIE FURCHE: Herr Pesendorfer, was würden Sie einem Verschwörungstheoretiker sagen, der behauptet, dass Österreichs offizielle Coronazahlen gefälscht sind?
Konrad Pesendorfer:
Ich würde ihm wohl empfehlen, seinen kritischen Blick zu schärfen. Zu sagen „alle Zahlen sind falsch“, ist ein Ausdruck des Verzweifelns und zeigt, dass jemand offensichtlich nichts mit Zahlen anfangen kann. Statistiken einfach hinzunehmen, halte ich aber auch nicht für einen Ausdruck kritischen Denkens. Die beste Antwort auf Verschwörungstheoretiker ist es, sie einzuladen und ihnen zu helfen, ein besseres Verständnis für Zahlen zu entwickeln. Es ist die Aufgabe von Statistikern, klar zu kommunizieren, etwa durch Visualisierung von Daten. Beispiel Corona: Es geht um Messwerte, die uns zeigen, ob wir im roten oder im grünen Bereich sind.

DIE FURCHE: Neuinfektionen, Inzidenzen, Todeszahlen: Unser Leben ist seit der Coronakrise von Zahlen dominiert. Der deutsche Soziologe Steffen Mau sieht dabei aber auch Gefahren – zum Beispiel, weil bei der Bewertung von Ländern aufgrund ihrer Infektionszahlen wichtige strukturelle Faktoren nicht mitbedacht werden. Sehen Sie das auch problematisch?
Pesendorfer:
Nicht ganz. Es ist wichtig, auf Zahlen zu schauen – aber auch zu verstehen, wo ihre Grenzen liegen. Ohne ausreichende Kenntnisse über die Erstellung von Statistiken kommt es zu falschen Schlussfolgerungen. Wenn Sie ein Medikament einnehmen und den Beipacktext nicht lesen, wissen Sie ja auch nicht, wie es zu handhaben ist. In der Vermittlung von Statistiken dürfen Angaben zu Methode, Stichprobe und Aussagekraft daher nicht fehlen. Schon Albert Einstein hat empfohlen: „Man soll Dinge so gut wie möglich vereinfachen, aber auch nicht mehr, als möglich ist.“

Konrad Pesendorfer war von 2010 bis 2019 Generaldirektor der Statistik Austria, die statistische Informationen zu sämtlichen Bereichen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Verfügung stellt. Heute ist Pesendorfer als Chefstatistiker Saudi-Arabiens in Riad tätig. Die FURCHE hat mit ihm ein Zoom-Interview geführt.

DIE FURCHE: Herr Pesendorfer, was würden Sie einem Verschwörungstheoretiker sagen, der behauptet, dass Österreichs offizielle Coronazahlen gefälscht sind?
Konrad Pesendorfer:
Ich würde ihm wohl empfehlen, seinen kritischen Blick zu schärfen. Zu sagen „alle Zahlen sind falsch“, ist ein Ausdruck des Verzweifelns und zeigt, dass jemand offensichtlich nichts mit Zahlen anfangen kann. Statistiken einfach hinzunehmen, halte ich aber auch nicht für einen Ausdruck kritischen Denkens. Die beste Antwort auf Verschwörungstheoretiker ist es, sie einzuladen und ihnen zu helfen, ein besseres Verständnis für Zahlen zu entwickeln. Es ist die Aufgabe von Statistikern, klar zu kommunizieren, etwa durch Visualisierung von Daten. Beispiel Corona: Es geht um Messwerte, die uns zeigen, ob wir im roten oder im grünen Bereich sind.

DIE FURCHE: Neuinfektionen, Inzidenzen, Todeszahlen: Unser Leben ist seit der Coronakrise von Zahlen dominiert. Der deutsche Soziologe Steffen Mau sieht dabei aber auch Gefahren – zum Beispiel, weil bei der Bewertung von Ländern aufgrund ihrer Infektionszahlen wichtige strukturelle Faktoren nicht mitbedacht werden. Sehen Sie das auch problematisch?
Pesendorfer:
Nicht ganz. Es ist wichtig, auf Zahlen zu schauen – aber auch zu verstehen, wo ihre Grenzen liegen. Ohne ausreichende Kenntnisse über die Erstellung von Statistiken kommt es zu falschen Schlussfolgerungen. Wenn Sie ein Medikament einnehmen und den Beipacktext nicht lesen, wissen Sie ja auch nicht, wie es zu handhaben ist. In der Vermittlung von Statistiken dürfen Angaben zu Methode, Stichprobe und Aussagekraft daher nicht fehlen. Schon Albert Einstein hat empfohlen: „Man soll Dinge so gut wie möglich vereinfachen, aber auch nicht mehr, als möglich ist.“

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DIE FURCHE: Haben Sie den Eindruck, dass es mehr Bildung im Bereich der Statistik braucht?
Pesendorfer:
Statistisches Verständnis beziehungsweise „Statistical Literacy“ ist für viele Lebensbereiche essenziell. Das sollte ein wichtiger Schwerpunkt im Bildungssystem sein. Kritisches Denken muss all dem zugrunde liegen – da kann man nicht früh genug damit anfangen! Wenn man kritisches Denken fördert, ist auch der Hunger nach Evidenz größer. Denn man will die Positionen, die man vertritt, mit guten Argumenten untermauern können. Die Basis dafür sind eben oft Statistiken.

DIE FURCHE: In Krisen wie der Corona-Pandemie wurden die Ereignisse auch mit Bildern kommuniziert. Wir haben im Fernsehen aufrüttelnde Szenen aus den Intensivstationen oder von Massenbegräbnissen in Italien gesehen. Auch die Scheiterhaufen für die vielen Toten in Indien flimmerten über den Bildschirm. Was halten Sie von dieser emotionalisierenden Art der Berichterstattung?
Pesendorfer:
Medien wollen Aufmerksamkeit generieren, um ihre Verkaufszahlen zu steigern, was nun einmal gut mit Emotionen funktioniert. Das ist aber nicht das Feld, in dem ich tätig bin. Auch Zahlen können Geschichten über unser Leben vermitteln. Meine Arbeit soll zwar nüchterne Betrachtungen darstellen, die aber an sich schon oft sehr drastische Einsichten bieten.

DIE FURCHE: Aber ist es zum Einschätzen der Situation nicht auch wichtig, das Leid der Menschen bildhaft vor Augen zu haben?
Pesendorfer:
Ja, natürlich! Ich sage ja nicht, dass die ganze Geschichte mit Statistiken und Zahlen erzählbar ist. In der Pandemie stehen ergreifende Schicksale hinter den Todeszahlen. Für jede betroffene Familie ist das eine Tragik, die nicht in Zahlen messbar ist. Man muss die Statistiken daher gemeinsam mit den damit verbundenen Einzelschicksalen kommunizieren. Aber Zahlen sollten die Grundlage von gesellschaftlich relevanten Debatten sein und somit auch maßgeblich für Entscheidungen. Denn sonst trifft man reine „Gefühlsentscheidungen“, und das wäre doch viel schwieriger zu handhaben!

Statistisches Verständnis sollte ein wichtiger Fokus im Bildungssystem sein. Wenn man kritisches Denken fördert, ist auch der Hunger nach Evidenz größer.

DIE FURCHE: Bei Ihrer Arbeit in Österreich waren etwa 95 Prozent der Statistiken über EU-Verordnungen vorgeschrieben. Was leitet Ihre Arbeit jetzt in Saudi-Arabien?
Pesendorfer:
Aufgrund meiner Erfahrung kann ich gut einschätzen, welche Lücken es in Saudi-Arabien gegenüber Europa abzudecken gilt. Zum Beispiel baue ich gerade eine Abteilung auf, die sich mit Genderstatistiken auseinandersetzt. Das gab es bisher nicht. Zum anderen gibt es in Saudi-Arabien eine klare Strategie namens „Vision 2030“. Dafür gibt es klare Ziele im Sinne der wirtschaftlichen Diversifizierung, etwa wegzukommen von der starken Erdölabhängigkeit.

DIE FURCHE: Frauen werden in Saudi-Arabien systematisch stark benachteiligt. Sehen Sie hier einen Trend in Richtung Gleichberechtigung?
Pesendorfer:
Die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt ist heute ein großes Thema im Land. Es findet derzeit ein kultureller Wandel statt; und da gibt es das Ziel, die Rolle der Frau in der Gesellschaft zu stärken. Mithilfe von Statistiken lassen sich die Fortschritte dokumentieren.

DIE FURCHE: Gibt es in der orientalischen Kultur ein anderes Verhältnis zu Statistiken?
Pesendorfer:
Das Bedürfnis nach Zahlen ist hier teils sogar größer; Entscheidungen werden schneller getroffen. Die EU ist eine sehr regelgebundene Gemeinschaft, was dem Wunsch entspringt, gut vergleichbare Zahlen für die europäischen Länder zu haben. Durch Koordinierungsprozesse dauert aber alles viel länger. In Saudi-Arabien können wir bei Bedarf rasch neue Datensätze erheben, und beim Einsatz von modernen Technologien ist das Land an vorderster Front. Umgekehrt ist Europa in der Bandbreite des statistischen Portfolios sicherlich ein Vorbild.

Die Autoren dieses Beitrags sind Studierende an der FH Joanneum Graz. Der Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation zur Reihe „Styria Ethics“ der Styria Media Group.

Pesendorfer - © Foto: privat

Konrad Pesendorfer

Konrad Pesendorfer war von 2010 bis 2019 Generaldirektor der Statistik Austria, die statistische Informationen zu sämtlichen Bereichen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Verfügung stellt. Heute ist Pesendorfer als Chefstatistiker Saudi-Arabiens in Riad tätig.

Konrad Pesendorfer war von 2010 bis 2019 Generaldirektor der Statistik Austria, die statistische Informationen zu sämtlichen Bereichen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Verfügung stellt. Heute ist Pesendorfer als Chefstatistiker Saudi-Arabiens in Riad tätig.

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