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Alles auf Anfang

DISKURS
Emmanuela - © Foto: Benediktinerinnen Köln

Sr. Emmanuela Kohlhaas: „Klausur ist wie eine Art Haut“

1945 1960 1980 2000 2020

Was Reformkraft und -freude betrifft, seien Orden viel beweglicher als die Großkirche, sagt Sr. Emmanuela Kohlhaas. Die Priorin des Benediktinerinnenklosters in Köln-Raderthal will mit und in ihrer Gemeinschaft die Quelle zu lebendiger Spiritualität offen halten.

1945 1960 1980 2000 2020

Was Reformkraft und -freude betrifft, seien Orden viel beweglicher als die Großkirche, sagt Sr. Emmanuela Kohlhaas. Die Priorin des Benediktinerinnenklosters in Köln-Raderthal will mit und in ihrer Gemeinschaft die Quelle zu lebendiger Spiritualität offen halten.

Gerne wäre Schwester Emmanuela persönlich zum Ordenstag am 23. November nach Wien gekommen. Die neuerliche Corona-Welle ermöglicht jedoch nur eine Online-Präsenz der Kölner Benediktinerin, was aber ganz gut zum Thema ihres Vortrags und dieses Interviews passt.

DIE FURCHE: Sr. Emmanuela, das Thema des diesjährigen Ordenstags lautet „Leidenschaftlich gegenwärtig“ – ist das eine Beschreibung für gelungenes Christsein generell?
Sr. Emmanuela:
Christsein bedeutet sicherlich, leidenschaftlich gegenwärtig zu leben. Und da Ordensleben intensiviertes Christsein ist, spiegelt diese Formel auch das Programm des Ordenslebens wider. Wenn wir in die Ordensgeschichte schauen, sehen wir sehr viele, sehr leidenschaftliche Persönlichkeiten: Franziskus, Ignatius, Teresa… Neue Impulse und oft auch widerständige Antworten auf die brennenden Fragen der Zeit sind sehr oft von den Orden ausgegangen. Insofern finde ich die Wahl dieses Titels für den Ordenstag ausgezeichnet.

DIE FURCHE: Viele sehen im Ordensleben das Gegenteil von Leidenschaftlichkeit und Gegenwärtigkeit.
Sr. Emmanuela:
Da ist eine Spannung drin, deswegen lautet das Thema meines Vortrags „Verborgene Präsenz“. Man muss da auch Themen wie beispielsweise die Klausur infrage stellen. Ist das ein Ideal oder eine Ideologie? Wer hat das bestimmt? Was bedeutet es heute? Da gehören sehr kritische Anfragen dazu gestellt: Wo wird Verborgenheit zur Ideologie und wo ist Verborgenheit einfach Teil der neuen gesellschaftlichen Situation? Die Leute sehen dicke Klostermauern und haben keine Idee, was dahinter ist.

DIE FURCHE: Die meisten, denen die Ordenswelt fremd ist, werden wohl auf Weltfremdheit oder gar Weltflucht tippen.
Sr. Emmanuela:
Nach einigen Jahrzehnten Erfahrung kann ich darauf antworten: Funktioniert nicht! Da wo Menschen auf engstem Raum intensiv miteinander leben und versuchen, das aus der Botschaft des Evangeliums zu tun, da ist immer alles gegenwärtig, was zum menschlichen Leben gehört. Vor uns selbst davonlaufen können wir nicht. Jeder kann für sich das Experiment machen und eine Stunde in die Stille gehen: kein Radio, kein Buch, einfach still sitzen… Dann werden die meisten merken, dass das keine Fluchtmöglichkeit ist.

DIE FURCHE: In Ihrem gemeinsam mit dem Priester Thomas Frings geschriebenen Buch „Ungehorsam“ erzählen Sie die Geschichte einer Mitschwester, die aufgrund strenger Klausurvorschriften weder vom Tod ihres Vaters erfuhr, noch zum Begräbnis gehen durfte – Sie nennen das „lebensfeindliche Klausur“. Wie gelingt lebensfreundliche Klausur?
Sr. Emmanuela:
Hinter falsch verstandener Klausur steht eine Ideologie, die noch nicht einmal so furchtbar alt ist. Im Buch zitiere ich dazu einen Text von Papst Pius X. aus dem Jahr 1950. Da wird von außen ein Ideal auferlegt, das nichts mit der Lebenswirklichkeit der Nonnen zu tun hat. Aus unseren Chroniken geht hervor, dass sich die Schwestern zum Teil auch dagegen gewehrt haben. Dahinter steckt ein falsches Ideal der Abgeschlossenheit und der Verborgenheit. Für mich ist Klausur stattdessen etwas ganz Schlichtes, etwas, das jede Familie braucht: ein geschützter Lebensraum für eine Gemeinschaft. Und wenn Sie Stille wollen – und Stille gehört dazu, um intensiv beten und meditieren zu können –, dann brauchen Sie einen eigenen Raum dafür. Ich habe Klausur für mich als eine Art Haut definiert. Eine Haut ist etwas, was der Organismus braucht, um leben zu können und gleichzeitig ist es das Kontaktorgan. So stelle ich mir eine gesunde Klausur und ein gesundes Verhältnis zwischen Verborgenheit und Präsenz, Innen- und Außenraum vor. Alles andere ist Ideologie.

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