In einer "Seilschaft“ unterwegs

"Was ich mir gewünscht habe, und was ich gefunden habe, ist, dass ich in einer Art Seilschaft unterwegs bin“, sagt Sr. Melanie Wolfers. Seit neun Jahren ist die Philosophin und Theologin aus Deutschland Mitglied des Ordens der Salvatorianerinnen in Österreich - und den meint sie auch, wenn sie von einer "Seilschaft“ spricht. "Wenn ich am Berg unterwegs bin, dann ist in einer Seilschaft anderes möglich, als wenn ich mich allein auf den Weg mache“, sagt Wolfers. "Da werde ich von anderen gesichert und ich sichere die anderen, man kann andere Aufstiege wagen und größere Spalten überwinden.“

Die Salvatorianerinnen, die heuer das 125-jährige Bestehen ihres Ordens gefeiert haben, haben in Österreich 85 Mitglieder an neun Standorten. Gegründet wurde die "Kongregation der Schwestern vom Göttlichen Heiland“, so der offizielle Titel des Ordens, 1888 von Maria von den Aposteln (Therese von Wüllenweber) und Pater Franziskus Maria vom Kreuze Jordan (Johann Baptist Jordan), der sieben Jahre zuvor auch den Männerorden der Salvatorianer gegründet hatte. In Österreich sind die Salvatorianerinnen in verschiedensten Bereichen tätig - von klassischen wie der Krankenhausseelsorge bis hin zu innovativen Projekten wie etwa einem Beratungs- und Begleitungsangebot für junge Erwachsene namens "IMpulsLEBEN“ oder einem Verein gegen Frauenhandel und Zwangsprostitution.

Ein universeller Anspruch

Diese Vielseitigkeit begreifen die Salvatorianerinnen als eine ihrer großen Stärken. Sie wollen "die Nöte der Zeit erkennen und dann überlegen, wo wir handeln können“, wie es Sr. Melanie formuliert. "Universalität heißt‚ ‚mit allen Mitteln, die der Liebe Christi entsprechen, die Liebe Gottes allen Menschen sichtbar zu machen‘“, zitiert die Leiterin der Salvatorianerinnenprovinz Österreich, Sr. Brigitte Thalhammer, den Ordensgründer.

Als die Salvatorianerinnen gegründet wurden, waren sie einer der wenigen Frauenorden, die nicht mit einem bestimmten Gründungszweck verbunden waren. "Uns gibt es nicht um einer bestimmten Aufgabe willen - wir sind kein Schulorden, kein Krankenpflegeorden“, erzählt Sr. Melanie, "sondern es ist uns von unserer Gründung her aufgegeben: ‚Schaut, was es heute braucht, wo vielleicht der Staat oder die Kirche noch nicht so da sind, und wie ihr darauf antworten könnt.‘ Diese Offenheit unserer salvatorianischen Identität ist eine große Chance.“

Der universelle Anspruch des Ordens trägt konkrete Früchte, auch in Österreich. Eine davon heißt "IMpulsLEBEN“. "Wir leben in einer Zeit, in der das Individuum aus diversen Bindungen wirklich freigesetzt ist“, sagt Sr. Melanie, die das Projekt betreut, über die Ausgangssituation, die zu der Idee geführt hat. "Die Freiheit, dem eigenen Leben selbst Gestalt zu geben, ist eine große Freude, aber auch eine Last. Viele junge Menschen wollen sich den damit verbundenen Fragen auch in einem spirituellen Kontext stellen.“

Mit etwa 400 jungen Erwachsenen pro Jahr steht Sr. Melanie in Kontakt, schätzt sie: sei es bei wöchentlichen Treffen in Wien, beim Pilgern nach Assisi oder ins Heilige Land, in Exerzitien oder in den vielen seelsorgerlichen Einzelgesprächen. "Die Frage nach Gott hat sich im modernen Leben nicht erledigt“, sagt Sr. Melanie. "Bloß die alten Antworten greifen nicht mehr. Sie müssen neu übersetzt werden, und manchmal müssen neue gefunden werden, weil die Herausforderungen andere sind.“

Ein weiterer Bereich, in dem die Salvatorianerinnen in Österreich tätig sind, ist die Hilfe für Frauen, die Menschenhandel und Zwangsprostitution zum Opfer fallen. "Eine Mitschwester hat mir schon vor Jahren erzählt, dass es Menschenhandel gibt, auch bei uns, dass Frauen wirklich gekauft und gebraucht werden“, erzählt Sr. Brigitte vom Ursprung des Vereins "SOLWODI Österreich“ ("Solidarity with women in distress“ - "Solidarität mit Frauen in Not“), der von den Salvatorianerinnen mitbegründet wurde. "Ich hab mir gedacht, das gibt es in unseren Breiten maximal als Randphänomen. Und dann ist mir bewusst geworden, dass es diese Frauen wirklich gibt und dass sie nicht so wenige sind - und das hat mich schockiert.“

Ein Schutzhaus für Frauen

Auf Initiative der Salvatorianerinnen haben sich 2010 sechs Frauenorden zusammengeschlossen und den österreichischen Ableger des international bereits seit den 1980er Jahren tätigen Vereins "SOLWODI“ gegründet. Heute betreiben sie in Wien ein Schutzhaus für Betroffene, das diesen Frauen ein Dach über dem Kopf und Beratung für weitere Schritte bietet. Darüber hinaus setzt sich der Verein für Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit ein.

Vielleicht sind es lebensnahe Projekte wie diese, die dazu führen, dass die Salvatorianerinnen nicht ganz so stark mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen haben wie andere Frauenorden. Trotz des weit verbreiteten Klischees, das Ordensleben sei verstaubt und im 21. Jahrhundert kein attraktiver Lebensweg mehr, haben gleich drei junge Frauen im Jänner 2013 ihr Noviziat in der Gemeinschaft begonnen.

Sr. Brigitte kennt die Klischees aus eigener Erfahrung: "Ich habe selbst nie an ein Leben in einer Ordensgemeinschaft gedacht. Nicht von dieser Welt; abgeschottet; Leute, die ihre Persönlichkeit an der Tür abgegeben haben - das waren die Bilder die ich im Kopf hatte“, erzählt sie. "Erst in konkreten Begegnungen haben sich diese Vorurteile aufgelöst. Es war beruhigend, zu sehen, dass das keine Heiligen sind, sondern ganz normale Menschen mit einer Persönlichkeit, die etwas gefunden haben, was ihrem Leben Tiefgang gibt.“

Sr. Brigitte und Sr. Melanie haben bei den Salvatorianerinnen ihren Lebensweg gefunden - auch wenn der Orden zu einer Kirche gehört, an der sie nicht alles gut finden. Kirchenpolitische Fragen und - für einen Frauenorden kaum überraschend - insbesondere die Rolle der Frau in der katholischen Kirche sind durchaus Themen, die die Ordensfrauen bewegen.

Wenn sich Beichte "ereignet“ …

"Ich glaube, wir haben als Ordensfrauen eine wichtige Funktion in der Kirche, weil wir uns in einem Freiheitsraum bewegen, in dem wir Dinge tun können, die Einzelpersonen nicht so leicht möglich sind“, sagt Sr. Melanie. "IMpulsLEBEN“ sei ein gutes Beispiel dafür: "Da gibt es einen Ort in der Wiener Innenstadt, wo einmal in der Woche Frauen der Liturgie vorstehen und predigen - das ist ja nicht so häufig. Wir versuchen, die Grenzen ein wenig auszuweiten und das zu tun, was möglich ist abseits der Eucharistiefeier.“ Auch dabei ist der Orden eine wichtige Stütze: "Man kann uns nicht so leicht absprechen, dass wir Teil dieser Kirche sind, auch wenn wir kritische Positionen vertreten“, ergänzt Sr. Brigitte. "Die Kirche ist mir wichtig. Und genau aus dieser Loyalität heraus muss ich gewisse Dinge, auch wenn es lästig ist, immer wieder zur Sprache bringen.“

Manchmal ist das sogar schmerz-haft, so für Sr. Melanie in ihrer seelsorgerlichen Aufgabe. Schon oft hätten ihr Menschen im Zusammenhang mit ihrer Arbeit gesagt: "Schade, dass du nicht Priesterin bist. Dich bräuchten wir“, erzählt sie. "Zum Beispiel, wenn sich in einem Gespräch Beichte ‚ereignet’. Und dann müssen diese Menschen für eine sakramentale Beichte zu jemandem gehen, der ihren inneren Weg nicht kennt. Das ist ein großes Leiden - für mich und für andere. Und ich glaube, dass solche Strukturen der Verkündigung der Botschaft Jesu schaden.“

www.salvatorianerinnen.at

www.impulsleben.at

www.solwodi.at

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