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NEUES LEBEN IN DÜRRES GEBEIN

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In den „Lineamenta” zur Vorbereitung der Bischofssynode 1994 mangelt es nicht an großen Worten. Es wird gesprochen von einer neuen Präsenz Christi durch die Gemeinschaften gottgeweihten Lebens in der Welt. „Die Bischöfe wollen euch helfen, Sauerteig des Evangeliums zu sein und die Kulturen des dritten Jahrtausends und die Gesellschaftsordnung der Völker zu evangelisieren” (Nr. 3).

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In den „Lineamenta” zur Vorbereitung der Bischofssynode 1994 mangelt es nicht an großen Worten. Es wird gesprochen von einer neuen Präsenz Christi durch die Gemeinschaften gottgeweihten Lebens in der Welt. „Die Bischöfe wollen euch helfen, Sauerteig des Evangeliums zu sein und die Kulturen des dritten Jahrtausends und die Gesellschaftsordnung der Völker zu evangelisieren” (Nr. 3).

Im Gegensatz dazu wird in einer Analyse der Europäischen Bischofssynode 1991 festgestellt, daß bei dieser Synode „dem Ordensleben nur wenig Raum gewährt wurde. Diese Tatsache ist von nicht geringer Bedeutung, da die Bischöfe bei ihren Überlegungen über eine neue Evangelisierung unseres Kontinents das Ordensleben offenbar nicht zu den besonders lebendigen Kräften zählen, auf die sie sich stützen können. Das ist noch besorgniserregender, wenn man bedenkt, daß die erste Evangelisierung Europas zum Großteil das Werk von Ordensleuten war” (Pier Giordano FN).

Diese.völlig entgegengesetzten Aussagen spiegeln die Situation wider, in der diese Bischofssynode stattfindet. Auf der einen Seite Wunschvorstellungen, die kaum erfüllbar sind, andererseits Enttäuschungen über die Entwicklung der Orden in der nach-konziliaren Zeit besonders in der sogenannten westlichen Welt, die neben allen positiven Initiativen doch gekennzeichnet ist durch den Mangel an Nachwuchs und die Überalterung in den meisten Gemeinschaften.

Konflikte mit der Kurie

Dazu kommen die verborgenen und offenen Konflikte zwischen der römischen Kurie und manchen Ordensleitungen. Konkret seien genannt: Die Ablöse des Generals der Jesuiten durch persönlichen Eingriff des Papstes, die Verweigerung der Anerkennung der gewählten Leitung der CLAR (der Vereinigung der Männerorden in Südamerika) durch die Religiosen-kongregation und die Einsetzung einer von ihr ernannten Leitung wie auch Konflikte wegen verschiedener Theologen aus dem Ordensstand.

Unter diesen Umständen kommt die Zielangabe der Bischofssynode: „Die derzeitige Lage überprüfen” und „Bilanz der Lage des gottgeweihten Lebens in den letzten Jahrzehnten ziehen” (vergleiche Nr. 25 und Nr. 26) der Wirklichkeit näher.

Eine solche Bilanz - mit dem Blick in die Zukunft - ist für die meisten Orden nichts Neues. Ich war selbst in der eigenen Kongregation bei vier Generalkapiteln (1973, 1979, 1985 und 1991), wo dies geschehen ist.

Neu ist, daß dies für alle Formen „gottgeweihten Lebens” auf einer Bischofssynode geschehen soll, und daß die ganze Kirche, auch die Laien und Weltpriester eingeladen sind, in der Vorbereitung mitzuwirken.

Was kann und soll diese Bischofssynode erreichen? Was sind die hintergründigen Sorgen und Hoffnungen des Papstes, der römischen Kurie, der Bischöfe? - Was sind die Ängste und Hoffnungen, die die Orden und sonstigen Gruppen „gottgeweihten Lebens” mit dieser Bischofssynode verbinden? Oder ist diese Bischofssynode vielen überhaupt gleichgültig? Sei es, daß sie für diese christliche Lebensform überhaupt kein Verständnis haben, sei es, daß sie von einer Bischofssynode in diesen Fragen keine positiven Impulse erwarten.

Auf alle Fälle ist es wichtig, sich dieser Einstellungen und Haltungen bewußt zu werden. Denn die bewußten und unbewußten Ängste und Hoffnungen, die offene oder verborgene Gleichgültigkeit und Erwartungslo-sigkeit behindern, bewegen und dirigieren die Bemühungen um die Vorbereitung dieser Bischofssynode.

Es gibt verschiedene Gründe, warum sich auch Nicht-Ordenschristen auf diese Diskussion einlassen sollten. Einen wesentlichen Grund nennt Johann Baptist Metz in seinem zweiten Buch über das Ordensleben mit dem Titel „Gottespassion”: „Angesichts der radikalen Fraglichkeit, der das Christentum in einer vermeintlich nachchristlichen Zeit bei uns ausgesetzt ist, darf die Unterscheidung zwischen Ordenschristen und Alltagschristen eigentlich als sekundär gelten. An der Situation der Ordensgemeinschaften wird allenfalls in verschärfter Form deutlich, in welchen Zustand das Christentum überhaupt geraten ist” (S. 13)

Diese Zusammenhänge sind einleuchtend. Wenn das Christentum in einer bestimmten Zeit nur sehr schwer in seiner ganzen Bedeutsamkeit erfaßt werden kann, wie sollen sich dann junge Frauen und Männer entschließen, ihre ganze Existenz - unter Verzicht auf Ehe und Familie - in den Dienst dieser Glaubenswirklichkeit zu stellen? So wird in der Frage nach dem „gottgeweihten Leben” die Frage nach dem Christsein heute überhaupt gestellt.

Die Ordensgemeinschaften haben in der Geschichte der Kirche in Österreich eine eminente Bedeutung, die vielen Christen heute nicht bewußt ist. Die Bischofssynode könnte Anlaß sein, 1) zurückzublicken, 2) die gegenwärtige Situation zu bedenkeh und 3) zu fragen, wie es in Zukunft weitergehen soll.

Österreich wird auch als Klösterreich bezeichnet. Rückblickend gab es Perioden in der Geschichte der Kirche und des Landes, die von den Orden maßgeblich mitgestaltet wurden. Ich nenne nur einige Stichworte. Die Erstevangelisierung nach der Völkerwanderung; die Errichtung der Klöster im Mittelalter, die zu geistigen und kulturellen Zentren wurden; die Gegenreformation, in der die pastorale Arbeit weitgehend von Orden getragen wurde; der Aufbruch der Orden im neunzehnten Jahrhundert. Viele Ordensgemeinschaften, vor allem Schwesterngemeinschaften, wurden in diesem Jahrhundert gegründet. Sie haben durch die Errichtung von Kindergärten, Heimen, Schulen, Krankenhäusern an der Lösung der sozialen Frage konkret mitgewirkt. Außerdem wurde die Missionsarbeit, die von Österreich geleistet wurde, bis in die jüngste Vergangenheit fast ausschließlich von den Orden getragen.

Die gegenwärtige Situation der Orden in Österreich ist nicht leicht zu überblicken. Dieses Dossier liefert einige Zahlen. Es gibt nicht nur den Mangel an Nachwuchs und die Überalterung in vielen Gemeinschaften. Es gibt auch hoffnungsvolle Aufbrüche. Es wäre sinnvoll, diese Aufbrüche ausfindig und bekannt zu machen, statt nur über Sorgen und Probleme zu klagen.

Damit sind wir schon bei der Frage nach der Zukunft. Dazu zwei Bemerkungen. Erstens: Die Gemeinschaften „gottgeweihten Lebens” - um nun wieder diesen Begriff der Lineamenta zu verwenden - hängen zutiefst mit dem Gesamtzustand der Kirche zusammen. Im Rückblick auf die Geschichte kann man sagen: diese Gemeinschaften sind zugleich Frucht und Träger der kirchlichen Erneuerung. Nur in einer lebendigen Kirche mit lebendigen christlichen Familien und Gemeinden können zahlreich solche Berufungen entstehen. Damit ist aber nicht gesagt, daß Gott nicht auch aus den Steinen Kinder Abrahams erwecken kann (vergleiche Mt 3,9), wofür manche Ordensgründer ein typisches Beispiel sind.

Ein Zweites: Viele dieser Gemeinschaften sind international. Es gibt in den Orden und Säkularinstituten auch den Austausch mit anderen Ländern und Kontinenten. Gerade am Beispiel der Orden und ähnlicher Gemeinschaften kann man erleben, daß die Impulse der Erneuerung auch aus den Ländern der sogenannten Dritten Welt kommen, wo es für diese Gemeinschaften hoffnungsvolle Entwicklungen gibt.

Es geht um die ganze Kirche

Bei all diesen Überlegungen ist zu unterscheiden zwischen der Lebensform und der Funktion. Die Lineamenta unterscheiden zwischen Weihe und Sendung. Vielleicht ist die Überbewertung der Funktion, der äußeren Tätigkeit, eine der Ursachen der Krise. Manche Gemeinschaften werden geradezu erdrückt von den großartigen Werken, die sie geschaffen haben.

In den Lineamenta wird die Hoffnung ausgesprochen, „daß sich die ganze Kirche der Wirklichkeit... des gottgeweihten Lebens bewußt wird”. In der Kirche in Österreich wurden bei Synoden und ähnlichen Vorgängen die Orden und ähnliche Gemeinschaften, wenn überhaupt, dann nur am Rande behandelt.

Die Tatsache, daß in den letzten Jahrzehnten die Zahl der Schwestern in Österreich fast halbiert wurde und 300 Niederlassungen aufgelöst werden mußten, wurde in der Öffentlichkeit der Kirche kaum bemerkt.

Die Bischofssynode kann und soll Anlaß sein, sich mit dieser Wirklichkeit christlichen Lebens auseinanderzusetzen. Ein Weltchrist, der sich mit dieser Lebensform befaßt, begegnet nicht Fremdartigem. Er wird herausgefordert, über das eigene Christsein nachzudenken. Und wer sich auf die Sendung der Orden besinnt, stellt sich auch der Frage, was die vordringlichen Aufgaben der Christen heute sind. Orden haben doch oft nur das exemplarisch aufgegriffen, was vordringlich für die ganze Kirche war.

In den Orden und ähnlichen Gemeinschaften zeigt sich in besonderer Weise das Charismatische in der Kirche. Sie entstehen unerwartet und ungeplant dort, wo Gottes Geist wirkt und Menschen sich diesem Wirken öffnen. Das Unverfügbare ist ein Kennzeichen all dieser Bewegungen. Das Entscheidende und Wesentliche ist geschenkt und läßt sich nicht erzwingen; auch nicht vom Papst und den Bischöfen; nicht einmal von den Ordensleuten selbst. Und trotzdem kann man etw,as beitragen. Man kann diese christliche Lebensform und Arbeitsweise wertschätzen oder verachten; man kann sie auf viele Weisen fördern oder behindern.

Im Blick auf die Situation der christlichen Kirchen hat Roger Schutz, der Gründer der Ordensgemeinde in Tai-ze\ ein Wort geschrieben, das auch auf die Gemeinschaften „gottgeweihten Lebens” bezogen werden kann: „Der Heilige Geist, der ständige .Ruhestörer' bearbeitet sein Volk. Er macht es zur Begegnung mit allen Menschen bereit, damit alle gemeinsam dem Ereignis entgegeneilen, das alle menschlichen Vorhersagen durchkreuzt und unserem dürren Gebein neues Leben einhauchen kann.”

P. Dr. Alois Kraxner ist Provinzial der Re-demptoristen in Österreich.

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