Umgang mit Fremden ist eine Glaubensfrage

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FREMDES BEREICHERT. Weltweite Vernetzung liegt in den Genen der Ordensgemeinschaften. Ein Charisma, das heute wichtiger ist denn je.

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FREMDES BEREICHERT. Weltweite Vernetzung liegt in den Genen der Ordensgemeinschaften. Ein Charisma, das heute wichtiger ist denn je.

Fremdes bereichert. Das Schlagwort, unter dem die Ordensgemeinschaften Österreichs in den Sommermonaten auf sich aufmerksam machen wollen, scheint ebenso selbstverständlich wie aus der Zeit gefallen.

Denn zum einen liegt die Vernetzung über Grenzen aller Art hinweg in den Genen der weithin international geprägten Gemeinschaften von Ordenschristinnen und -christen. Zum anderen ist aber die Abwehr des Fremden zu einem Stehsatz des öffentlichen Diskures auch und gerade in Österreich geworden.

Doch dieser Zeitgeist soll nicht bestimmend werden. Weder in Österreich noch anderswo. Gerade die Orden sind Vorreiter, wenn es darum geht, die kulturelle Vielfalt als Bereicherung wahrzunehmen: Die Pfarre der Salzburger Industriestadt Bischofshofen etwa liegt seit 2013 in den Händen der Steyler Missionare: Der Pfarrer ist ein Pole, der Kooperator stammt aus Togo, der Jugendseelsorger aus Indonesien und der Pfarrassistent kommt aus Ghana.

Erste Adresse in Sachen Internationalität

Natürlich sind die Angehörigen der "Gesellschaft des Göttlichen Wortes", wie die Steyler Missionare offiziell heißen, eine erste Adresse in Sachen Internationalität. Wer dieser Gemeinschaft beitritt, erklärt sich bereit, weltweit zur Verfügung zu stehen, sagt P. Franz Helm. Der Generalsekretär der österreichischen Männeroden ist selbst ein Steyler Missionar und hat viele Jahre in Brasilien gewirkt: Sein Pfarrer dort war ein Filipino, der eine Kaplan ein Argentinier und der andere -eben er - aus Österreich.

"Fremdes" hat eine große Potenz", so fasst Helm die Erfahrung seiner Gemeinschaft zusammen. Aber, so setzt er sogleich hinzu, es geht um mehr: Gott ist für die Christen auch der Fremde, der Andere. Und so wird der Umgang mit den Fremden erst recht eine Glaubensfrage

Auch für Schwester Beatrix Mayrhofer, Präsidentin der Frauenorden Österreichs, gehört der Umgang mit dem und den Fremden zu den wichtigen Fragen des Christseins. Der Slogan "Fremdes bereichert" mache den Reichtum der Gesellschaft bewusst und helfe, die eigene Begrenztheit wahrzunehmen. Dass auch ihre eigene Gemeinschaft, die Schulschwestern von Unserer Lieben Frau, international tätig ist, war für sie eine "Superschule": Sie habe, so Sr. Beatrix, im Zusammentreffen und -leben mit den Mitschwestern aus anderen Ländern gelernt, dass die Dinge, die für sie "immer so" waren, auch "ganz anders" sein können.

Die Schulschwestern, die ihr Zentrum in der Friesgasse in Wien XV. betreiben, sind aber auch aufgrund ihrer unmittelbaren Tätigkeit Expertinnen für das Fremde: Die Schule Friesgasse gilt österreichweit als Modell eines gelungenen Miteinanders von Schülerinnen und Schülern zahlreicher Nationen und Sprachen -und natürlich auch unterschiedlicher Religionen. Sr. Beatrix erzählt von einer Deutschmatura im dortigen Gymnasium, das sie jahrelang geleitet hat, und wo als Thema "Erfahrung mit dem Fremden" gestellt wurde. Eine der Maturantinnen habe gemeint, sie habe keine Erfahrung mit Fremden. Auf den Hinweis, dass allein in ihrer Klasse acht Nationen vertreten seien, habe das Mädchen geantwortet: "Aber die sind ja keine Fremden!"

Interkulturalität als Charisma für Orden

Diese Geschichte von Sr. Beatrix mag als Hinweis darauf dienen, dass sich die Frage nach dem Fremden sehr schnell relativiert, wenn man sie aus der eigenen Erfahrungsperspektive angehen kann. P. Helm von den Steyler Missionaren weist zusätzlich darauf hin, dass Interkulturalität ein wichtiges Charisma für Ordensleute geworden ist - zumal unter Papst Franziskus, der ja nicht aufhört zu fordern, sich um die Menschen an den Rändern zu kümmern.

Dieses Anliegen des Papstes sieht Helm schon seit Jahren bei den Orden in guten Händen, er weist darauf hin, dass viele der Väter der Befreiungstheologie Ordensleute waren -er nennt den Jesuiten Jon Sobrino, den Franziskaner Leonardo Boff oder den Dominikaner Gustavo Gutiérrez. Die Internationalität der Ordensgemeinschaften kennt dennoch auch historischen Ballast. So kamen viele der Gemeinschaften im Gefolge des Kolonialismus als "Missionare" in außereuropäische Weltgegenden. P. Franz Helm ist sich dieser Tatsache wohl bewusst und meint, die Orden seien einerseits Nutznießer des Kolonialismus gewesen. Gleichzeitig hätten sie zu den ersten gehört, die den Kolonialismus als "größtes Hindernis für den Glauben" erkannt hätten. Helm zitiert dazu die Generaloberin der Steyler Missionsschwestern, die bereits in den Jahren des Ersten Weltkriegs schrieb: Wir sind da, um den Menschen das Evangelium zu bringen, wir sind nicht da, den Nationalismus zu bringen. Missionsauftrag neu gefasst

Auch Sr. Beatrix weist darauf hin, dass bis zum II. Vatikanum der Missionsauftrag der Kirche dahingehend verstanden wurde, dass man die Menschen taufen müsse, sonst seien sie verloren. Das Konzil fasste den Missionsauftrag neu: Die ganze Kirche ist gesandt, die frohe Botschaft zu verkünden -und sie ist nicht gesandt, sie anderen aufzuzwingen. Es gehe darum, christliche Brunnen zu bohren, um das Grundwasser der Solidarität an die Oberfläche zu bringen.

Sowohl Sr. Beatrix als auch P. Franz Helm beobachten, dass die Ordensgemeinschaften immer internationaler werden. Das dürfe, stellt Sr. Beatrix aber klar, nicht dahingehend verstanden werden, dass die Ordensfrauen und -männer aus dem Süden die personellen Lücken der Orden in Europa füllen.

Es ist ja auch längst nicht mehr so, dass Ordensleute etwa aus Afrika in Europa mit offenen Armen empfangen werden, berichtet Helm. Er erzählt vom Spießrutenlauf seines Ordensbruders Laurenz Chardey, dem heutigen Kaplan in Bischofshofen: Der habe von Togo viermal in die nigerianische Hauptstadt Abuja fahren müssen -jeweils eine viertägige Reise, um an der österreichischen Botschaft das Visum für die Einreise zu erhalten. Von einem anderen Mitbruder aus Afrika erzählt Helm, dass dieser von der Polizei in Österreich bei der kleinsten Kleinigkeit kontrolliert wird -ein katholischer Priester aus dem Süden hat hierzulande längst keinen "Geistlichenbonus" mehr.

Für Sr. Beatrix geht es mittlerweile um die Grundpfeiler: "Die Gesellschaft ist durch Toleranz und Nächstenliebe geprägt, wenn sie demokratisch sein will", sagt sie. Die Botschaft des Evangeliums sei eine "ungeheure Überschreitung" des Fremden: "Gott, der Mensch wird, überschreitet die Schwelle des Fremdseins." Und P. Franz Helm ergänzt, dass dies mit "katholisch sein" zu tun hat: "Katholizität meint ja 'allgemein','für alle' ,'integrierend'". Christen müssen sich von daher auf das Fremde und die Fremden einlassen. Und Ordensleute erst recht.

Diese Seite entstand in Kooperation mit den Ordensgemeinschaften Österreichs. Die Redaktionelle Verantwortung liegt bei Der Furche.

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