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Eine Impfung, viele Fragen

Krammer - © Foto: Mount Sinai Healthy System
Wissen

Impfexperte Florian Krammer: „Ansturm auf US-Impfzentren“

1945 1960 1980 2000 2020

Florian Krammer ist zuversichtlich, dass wir schon bald ins „ganz normale Leben“ zurückkehren können. Der Experte in New York über Ängste und Hoffnungen rund um die Corona-Impfung.

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Florian Krammer ist zuversichtlich, dass wir schon bald ins „ganz normale Leben“ zurückkehren können. Der Experte in New York über Ängste und Hoffnungen rund um die Corona-Impfung.

Als Professor für Impfstoffkunde an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital in New York ist der gebürtige Steirer Florian Krammer derzeit ein weltweit gefragter Experte. Im FURCHE-Interview beantwortet er die wichtigsten Fragen zur Corona-Impfung.

DIE FURCHE: Herr Professor Krammer, wie ist die aktuelle Corona-Situation in den USA, verglichen mit Österreich?
Florian Krammer:
Grundsätzlich gibt es noch sehr viele Infektionen und Todesfälle, aber langsam gehen die Zahlen runter. Die USA hat am Anfang viel Impfstoff gekauft und der neue Präsident Joe Biden hat gerade 200 Millionen zusätzliche Dosen ausverhandelt. Bis Ende des Sommers sollte es möglich sein, die amerikanische Bevölkerung ausreichend zu schützen. Natürlich müssen sich die Leute auch impfen lassen, aber die Impfskepsis ist hier weitaus geringer als in Europa – es gibt einen regelrechten Ansturm auf die Impfzentren. In Österreich ist die Lage aufgrund der aktuellen Lieferengpässe schlechter einzuschätzen.

DIE FURCHE: Wie sehen Sie den globalen Kampf um die Impfstoffe?
Krammer:
Die COVAX Facility für weltweiten Zugang zu Covid-Impfstoffen hat zunächst versucht, die Verteilung der Impfstoffe möglichst fair zu gestalten. In Wahrheit ist es aber wie immer unfair: Der Westen hat die RNA-Impfstoffe größtenteils aufgekauft. Die globale Versorgung wird allerdings nicht aus dem Westen, sondern aus Indien und China kommen. Das sind die Big Player mit der größten Produktionskapazität, was Impfstoffe betrifft.

DIE FURCHE: Die Corona-Impfstoffe wurden in rekordverdächtigem Tempo entwickelt. Es gibt Bedenken, dass die Sicherheitsprüfung dabei zu kurz kam. Ist das berechtigt?
Krammer:
Absolut nicht. Für die rasche Impfstoffentwicklung gibt es mehrere Gründe: Zum einen wurden klinische Phasen parallel geführt und Zulassungsanträge vorgezogen. Auch dauern übliche Entwicklungsverfahren oft deshalb so lang, weil man die Impfeffizienz erst bei vielen Krankheitsfällen errechnen kann. Im Fall der Corona-Impfstoffe gab es so viele Fälle, dass dies binnen weniger Monate möglich war. Zudem hat man schon vor der Pandemie Impfungen gegen die Corona-Viren SARS und MERS designt. Für den Covid-19-Impfstoff musste man nur die Sequenz ändern. Und der größte Faktor: unlimitiertes Funding. Es gab genug Geld, um die einzelnen klinischen Testphasen schnell auszuführen. Theoretisch könnte man auch andere Impfstoffe in diesem Tempo entwickeln, aber das ist nicht unbedingt nötig.

Als Professor für Impfstoffkunde an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital in New York ist der gebürtige Steirer Florian Krammer derzeit ein weltweit gefragter Experte. Im FURCHE-Interview beantwortet er die wichtigsten Fragen zur Corona-Impfung.

DIE FURCHE: Herr Professor Krammer, wie ist die aktuelle Corona-Situation in den USA, verglichen mit Österreich?
Florian Krammer:
Grundsätzlich gibt es noch sehr viele Infektionen und Todesfälle, aber langsam gehen die Zahlen runter. Die USA hat am Anfang viel Impfstoff gekauft und der neue Präsident Joe Biden hat gerade 200 Millionen zusätzliche Dosen ausverhandelt. Bis Ende des Sommers sollte es möglich sein, die amerikanische Bevölkerung ausreichend zu schützen. Natürlich müssen sich die Leute auch impfen lassen, aber die Impfskepsis ist hier weitaus geringer als in Europa – es gibt einen regelrechten Ansturm auf die Impfzentren. In Österreich ist die Lage aufgrund der aktuellen Lieferengpässe schlechter einzuschätzen.

DIE FURCHE: Wie sehen Sie den globalen Kampf um die Impfstoffe?
Krammer:
Die COVAX Facility für weltweiten Zugang zu Covid-Impfstoffen hat zunächst versucht, die Verteilung der Impfstoffe möglichst fair zu gestalten. In Wahrheit ist es aber wie immer unfair: Der Westen hat die RNA-Impfstoffe größtenteils aufgekauft. Die globale Versorgung wird allerdings nicht aus dem Westen, sondern aus Indien und China kommen. Das sind die Big Player mit der größten Produktionskapazität, was Impfstoffe betrifft.

DIE FURCHE: Die Corona-Impfstoffe wurden in rekordverdächtigem Tempo entwickelt. Es gibt Bedenken, dass die Sicherheitsprüfung dabei zu kurz kam. Ist das berechtigt?
Krammer:
Absolut nicht. Für die rasche Impfstoffentwicklung gibt es mehrere Gründe: Zum einen wurden klinische Phasen parallel geführt und Zulassungsanträge vorgezogen. Auch dauern übliche Entwicklungsverfahren oft deshalb so lang, weil man die Impfeffizienz erst bei vielen Krankheitsfällen errechnen kann. Im Fall der Corona-Impfstoffe gab es so viele Fälle, dass dies binnen weniger Monate möglich war. Zudem hat man schon vor der Pandemie Impfungen gegen die Corona-Viren SARS und MERS designt. Für den Covid-19-Impfstoff musste man nur die Sequenz ändern. Und der größte Faktor: unlimitiertes Funding. Es gab genug Geld, um die einzelnen klinischen Testphasen schnell auszuführen. Theoretisch könnte man auch andere Impfstoffe in diesem Tempo entwickeln, aber das ist nicht unbedingt nötig.

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DIE FURCHE: Kritiker bemängeln vor allem das Fehlen von Langzeitstudien. Lässt sich ohne mehrjährige Beobachtung wirklich garantieren, dass die Impfung sicher ist?
Krammer:
Bei einer herkömmlichen Impfstoffentwicklung betrachtet man die Sicherheit in Phase I, II und III. Letztere dauert meist zwei bis drei Jahre. Häufige schwere Impfschäden würde man höchstwahrscheinlich schon in den ersten beiden Phasen erkennen. Verursacht ein Impfstoff im Rahmen dieser Studien größere Probleme, würde man ihn gar nicht mehr weiterentwickeln. In der Phase-III-Studie wurden bis zu 40.000 Menschen geimpft. Wenn man bei einer so hohen Zahl nichts findet, dann lässt sich sagen: Natürlich kann immer etwas passieren, aber es wird sehr selten sein.

DIE FURCHE: Muss man sich Sorgen machen im Hinblick auf mögliche Langzeitfolgen?
Krammer:
Sehr selten kommt es nach einer Impfung zu schwerwiegenden Komplikationen wie Narkolepsie oder dem Guillan-Barré-Syndrom. Diese treten jedoch auf, wenn das Immunsystem am stärksten reagiert – also Tage bis Monate nach der Impfung, nicht erst nach fünf Jahren. Die bisherigen Studien deuten darauf hin, dass man da keine Sorge haben muss.

DIE FURCHE: Es gab jedoch einige Fälle mit schweren allergischen Reaktionen ...
Krammer:
Das ist die einzige ernst zu nehmende Nebenwirkung, die bisher bekannt ist: Wir wissen, dass es bei etwa elf von einer Million Geimpften zu schweren allergischen Reaktionen kommt. Aber das ist behandelbar. Nach genaueren Untersuchungen wird man einschätzen können, warum das passiert und wer ein erhöhtes Risiko hat. Diesen Patienten wird man von einer Impfung abraten oder empfehlen, eine Notfalltherapie (EpiPen) bereitzuhalten.

Der Westen hat die RNA-Impfstoffe großteils aufgekauft. Die globale Versorgung wird aus China und Indien kommen.

DIE FURCHE: Es zirkulieren auch Befürchtungen, dass die RNA-Impfstoffe genetische Veränderungen hervorrufen könnten...
Krammer:
Da besteht überhaupt keine Gefahr, das wäre auch biologisch nicht nachvollziehbar. Der Impfstoff wird in den Arm gespritzt und erreicht die lokalen Zellen, nicht den ganzen Körper. Entgegen vieler Befürchtungen werden auch Ei- und Spermazellen nicht beeinflusst. Die Fruchtbarkeit wird also nicht beeinträchtigt.

DIE FURCHE: Was weiß man über die Dauer des Impfschutzes?
Krammer:
Anzunehmen ist, dass er einige Jahre anhalten wird. Möglicherweise benötigt man nach zwei bis drei Jahren eine Auffrischung, ähnlich wie etwa bei der FSME- oder Tetanus-Impfung.

DIE FURCHE: In Norwegen sind nach CoronaImpfung 23 sehr alte und gebrechliche Menschen verstorben. Weiß man schon, ob es da einen kausalen Konnex gibt?
Krammer:
Die Untersuchungen haben einen Zusammenhang mittlerweile ausgeschlossen. Bisher wurden Millionen Menschen in Altersheimen geimpft. Hätte es da Signale gegeben, hätte man schon weitaus mehr darüber gehört. Ich halte die Impfung auch für alte und gebrechliche Menschen nach wie vor für sinnvoll. Impfreaktionen wie Kopfweh, leicht erhöhte Temperatur, Müdigkeit und Schmerzen an der Einstichstelle sind bei RNA-Impfungen zwar grundsätzlich etwas stärker als bei anderen Impfungen. Sie betreffen jedoch in erster Linie junge Leute mit starkem Immunsystem. Bei älteren Menschen treten sie um ein Vielfaches seltener auf.

DIE FURCHE: Ist es trotz Impfung möglich, das Virus weiterzuverbreiten?
Krammer:
Dazu gibt es noch zu wenig Daten. Was wir wissen: Es ist möglich, trotz Impfung eine asymptomatische Infektion zu bekommen. Jedoch weisen Geimpfte vermutlich eine geringere Virenlast auf. Es ist auch anzunehmen, dass sie für kürzere Zeit infektiös und weniger ansteckend sind.

DIE FURCHE: Sollten sich auch Menschen nach bereits überstandener CoronaInfektion impfen lassen?
Krammer:
Auf jeden Fall! „Re-Infektionen“ sind zwar selten. Doch es gibt jene, die nach einer Infektion viele Antikörper aufweisen, sowie andere, die wenig produzieren. Wer eine Infektion hatte und danach geimpft wird, hat wirklich hohe und homogene Antikörpertiter gegen das Virus.

DIE FURCHE: Sind die Impfstoffe auch gegen Virusmutationen wirksam?
Krammer:
Viren verändern sich, diese Gefahr besteht immer. Die britische Variante scheint von geimpften Menschen sehr gut neutralisiert zu werden. Die südafrikanische und brasilianische Variante sind eher ein Problem. Doch die RNA-Impfstoffe sollten auch dann schützen. Damit sich ein Virus überhaupt verändert, muss es sich in Wirtszellen vermehren. Je mehr Menschen sich anstecken, desto höher die Chance einer Mutation. Bei einer hohen Durchimpfungsrate hätte das Virus gar keinen Freiraum, sich drastisch zu verändern. Auch deshalb ist die Impfung so wichtig!

DIE FURCHE: Lässt sich die Impfung im Hinblick auf Mutationen anpassen?
Krammer:
Mit den vorhandenen Technologien könnte man die Impfungen innerhalb von ein paar Tagen anpassen. Dann impft man gegen die neue Variante, die alte ist jedoch weiterhin vorhanden. In der Praxis ist das also um einiges komplizierter. Der Impfstoffhersteller Moderna hat vorgeschlagen, die ersten beiden Impfungen durchzuführen und später eine dritte gegen die mutierte Variante. Das wäre aber erst nach klinischen Studien möglich – und ist derzeit auch nicht nötig.

DIE FURCHE: Angenommen, die Durchimpfungsrate bleibt entgegen den Hoffnungen relativ gering: Müssten Geimpfte dann mit immerzu neuen Mutationen rechnen, die sie trotz einer Immunisierung angreifbar machen?
Krammer:
Es ist davon auszugehen, dass Geimpfte einen Vorteil gegenüber mutierten Viren haben – selbst, wenn es sich um Varianten handelt, bei denen der Impfschutz etwas schlechter ist. Dann liegt die Wirksamkeit eben nicht bei 95 Prozent, sondern vielleicht nur bei 70 Prozent.

DIE FURCHE: Die Empfehlung für die RNA-Impfstoffe liegt bei zwei Impfungen im Abstand von drei bis vier Wochen. Warum ist die zweite Impfung so wichtig?
Krammer:
Die erste Impfung ruft zwar schon einen Impfschutz hervor, jedoch sind die Antikörpertiter oft niedrig. Durch die zweite Impfung steigen sie auf ein sehr hohes Level. Wartet man nach der ersten Impfung zu lange ab, besteht die Möglichkeit, dass sich viele Geimpfte in dieser Phase asymptomatisch infizieren. Die zweite Impfung ist daher sehr wichtig, um einen robusten Impfschutz aufzubauen.

DIE FURCHE: Wie bewerten Sie die verfügbaren Impfstoffe im Vergleich?
Krammer:
Die Produkte von Biontech/Pfizer und Moderna bieten einen sehr guten Impfschutz. Beim Produkt von AstraZeneca weiß man nicht, wie hoch der Impfschutz tatsächlich ist: In einer brasilianischen Studie lag er bei 62 Prozent, in einer britischen bei 90 Prozent.

DIE FURCHE: Und wie sieht der Vergleich in der praktischen Handhabung aus?
Krammer:
Da gibt es riesige Unterschiede. Die Impfstoffe von AstraZeneca, Novavax und Janssen lassen sich bei vier Grad lagern, der von Moderna benötigt minus 20 Grad und der von Biontech/Pfizer minus 80 Grad. Das ist zwar kompliziert, sollte in Europa und den USA jedoch kein Problem sein. Schwierig ist das eher in Entwicklungs- und Schwellenländern, wo man die Kühlkette eventuell nicht aufrechterhalten kann.

DIE FURCHE: Viele Länder in Lateinamerika setzen jetzt auf den russischen Impfstoff Sputnik V. Auch Ungarn will damit impfen lassen. Wäre dieser Impfstoff eine gute Alternative für die EU, falls andere Impfstoffe nicht ausreichen?
Krammer:
Sputnik V wurde anfangs nach einer sehr kleinen Phase II zugelassen, ohne robuste Sicherheits- oder Effizienzdaten zu haben. Ethisch ist das extrem fragwürdig. Man sollte ihn nur bei ausreichender und transparenter Datenlage zulassen.

DIE FURCHE: Sollen die Menschen ihren Impfstoff selbst auswählen können?
Krammer:
Wir sind nicht in der Position dafür. Den Luxus, zu wählen, haben wir, wenn mehr Impfstoffe zur Verfügung stehen, als wir benötigen. Die meisten Menschen interessiert das auch nicht: Angesichts mehrerer Influenza-Impfstoffe etwa könnte man frei entscheiden, aber nur die Wenigsten machen das.

DIE FURCHE: Wie kann man jetzt möglichst viele Menschen mit der Impfung erreichen?
Krammer:
Man sollte nicht versuchen, die Leute von der Impfung zu überzeugen, indem man sie schönredet. Sinnvoll ist, vorhandene Daten zu teilen, transparent zu sein und jedem zu erlauben, die Risiken abzuwägen. Wir haben bislang ca. 80 Millionen Geimpfte, ohne größere Schwierigkeiten. Wenn sich hingegen 80 Millionen mit Covid-19 infizieren, gibt es ein großes Problem. Ältere Menschen haben ein großes Risiko, zu sterben; Jüngere können auf der Intensivstation landen; und bis zu 20 Prozent der Infizierten bekommen „Long Covid“, also eine Krankheit mit längerfristigen Folgen.

DIE FURCHE: Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen: In Corona-Zeiten ist das gut nachvollziehbar. Trotzdem: Wie blicken Sie in die Zukunft?
Krammer:
Sobald wir eine hohe Durchimpfungsrate haben, können wir schon bald zum ganz normalen Leben zurückkehren.

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