Blickwechsel
DISKURS„Das Jahresbankett der Totengräber“: Das große Gelächter
„Das Jahresbankett der Totengräber“: In der France Profonde Funkeln die Weine um die Wette – Mathias Énards Monumentalbild von leben, Liebe und Tod.
„Das Jahresbankett der Totengräber“: In der France Profonde Funkeln die Weine um die Wette – Mathias Énards Monumentalbild von leben, Liebe und Tod.
David Mazon ist angehender Ethnologe und Ich-Erzähler von Mathias Énards Roman „Das Jahresbankett der Totengräber“. Der etwas überreife Student plant eine Dissertation über das Leben auf dem Land im 21. Jahrhundert, wofür ihn ein Stipendium von der Sorbonne ins westfranzösische Département Deux-Sèvres verschlägt, nach La Pierre-Saint-Christophe. Auf der Landkarte sucht man diese 500-Seelen-Gemeinde vergeblich, doch könnte ein reales Dorf dafür Modell gestanden haben: Saint-Christophe-sur-Roc. Le roc, der Fels – la pierre, der Stein, eine denkbare Sprachspielerei des Autors und Übersetzers Énard (Jahr - gang 1972). Er wuchs in Niort heran, der Hauptstadt besagten Départements, und kennt die Gegend wie seine Westentasche. Nach Jahren im Nahen Osten, Teheran, Rom und Berlin lebt er nun meist in Barcelona, wo er Arabisch lehrt und ein Restaurant betreibt. Sein Roman „Boussole“ (dt. „Kompass“) über das facettenreiche Verhältnis von Orient und Okzident hat ihm 2015 den renommierten Prix Goncourt und 2017 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung eingetragen.
Énards neuer Roman, „Das Jahresbankett der Totengräber“, liegt nun in der hervorragenden Übersetzung des Duos Holger Fock und Sabine Müller vor. Darin inszeniert er die Historie und Kultur seiner Heimat als geniales Spektakel, lebensprall und humanistisch wie Rabelais’ Riesen-Geschichten, aber auch im Zeichen der barocken Antithetik von carpe diem und memento mori. Mit parodistischer Verve verquickt er Nationalgeschichte und Lokalchronik, klassische Literatur und Folklore, die großen Fragen des Daseins mit dem Alltag der France profonde. Dabei jongliert er mit literarischen Genres, Stilen, Idiomen. Er lässt alten Druidenzauber aufleben, einen Altbauern buchstäblich verstauben und einen jungen den Hightech-Traktor anwerfen. Er nutzt die Interviews des Ethnologen, um viele Perspektiven auf die sozialgeografische und wirtschaftliche Aktualität der französischen Provinz zu eröffnen, zum Teil mit klar ironischem Unterton. So wird ein britisches Rentnerpaar bemerken: „Die Gegend war bis Ende des 15. Jahrhunderts englisch, vielleicht fühlen wir uns deshalb hier so wohl. England mit Weinbergen, das ist das Paradies.“
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