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Blickwechsel

DISKURS
Seite 12 - © Foto: Wolfgang Schwens

„Warum hassen wir die Lyrik?“: Vom echten Gedicht, das niemals erscheint

1945 1960 1980 2000 2020

Brigitte Schwens-Harrant über „Warum hassen wir die Lyrik?“ von Ben Lerner.

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Brigitte Schwens-Harrant über „Warum hassen wir die Lyrik?“ von Ben Lerner.

„W arum hassen wir die Lyrik?“ fragt der amerikanische Dichter und Romanautor Ben Lerner in seinem Essay, einem eigenwilligen Gang durch die Lyrik bzw. durch die diversen Träume von der Vollkommenheit des Gedichts.

Und wirklich, was sollte das Gedicht nicht alles leisten: Es sollte „die Zeit überwinden, sie auf schöne Weise zum Stillstand bringen“, es möge bitte auch „irreduzible Individualität auf eine Weise ausdrücken“, „die sozial erkannt werden kann“ oder aber „Universalität erreichen“, „indem sie irreduzibel sozial ist, weniger eine Person als eine nationale Technik“, es soll „die Sprache und die Wertvorstellung der bestehenden Gesellschaft überwinden“, es soll mit allem Widerstand gegen das Primat der Nützlichkeit auch „einen Wertmaßstab jenseits des Geldes vorlegen“ usw. usf. Der Zuschreibungen ans Gedicht gibt es viele. „Was alle diese Forderungen gemeinsam haben“, so Ben Lerner, „ist, dass sie sich mit Gedichten niemals erfüllen lassen.“ An solchen Idealen können Dichterinnen und Dichter nur scheitern, und das Gedicht ist eine Manifestation davon. „Das fatale Problem bei der Dichtkunst: Gedichte. Das erklärt unter anderem, warum die Dichterinnen ihrerseits Dichter feiern, die aufhören zu schreiben“.

Drückt sich also im „Hass auf konkrete Gedichte“ womöglich ironisch und eventuell auch unfreiwillig eine Verteidigung der utopischen Ideale aus? Mit dieser spannenden These lädt Lerner zu einem kleinen, durchaus auch verblüff enden Gang durch unterschiedliche Vorstellungen ein, was Dichtkunst sei, und kontrastiert sie mit konkreten lyrischen Verwirklichungen, bis er resümiert: „Man kann nur Gedichte verfassen, die, wenn sie mit vollkommener Verachtung gelesen werden, einen Ort für das echte Gedicht freiräumen, das niemals erscheint.“

Lerner, dessen Gedichtband „No Art“ soeben bei Suhrkamp erschienen ist, lockt in seinem Essay klug, unterhaltsam und ironisch zu einem Blickwechsel, der gut tut, vor allem wenn man Gedichte liebt, aber vielleicht gar nicht weiß, warum. „Erinnern Sie sich an das Gefühl, dass Sinn provisorisch ist und zwei Menschen um eine Äußerung herum eine Welt aufbauen können, in der jeder Gebrauch eine Bedeutung hatte? Ich glaube, das ist Dichtung. [...] Erinnern Sie sich, wie leicht unsere Spiele die Wirklichkeit zusammenbrechen lassen, umgestalten oder neu beschreiben konnten? “

„W arum hassen wir die Lyrik?“ fragt der amerikanische Dichter und Romanautor Ben Lerner in seinem Essay, einem eigenwilligen Gang durch die Lyrik bzw. durch die diversen Träume von der Vollkommenheit des Gedichts.

Und wirklich, was sollte das Gedicht nicht alles leisten: Es sollte „die Zeit überwinden, sie auf schöne Weise zum Stillstand bringen“, es möge bitte auch „irreduzible Individualität auf eine Weise ausdrücken“, „die sozial erkannt werden kann“ oder aber „Universalität erreichen“, „indem sie irreduzibel sozial ist, weniger eine Person als eine nationale Technik“, es soll „die Sprache und die Wertvorstellung der bestehenden Gesellschaft überwinden“, es soll mit allem Widerstand gegen das Primat der Nützlichkeit auch „einen Wertmaßstab jenseits des Geldes vorlegen“ usw. usf. Der Zuschreibungen ans Gedicht gibt es viele. „Was alle diese Forderungen gemeinsam haben“, so Ben Lerner, „ist, dass sie sich mit Gedichten niemals erfüllen lassen.“ An solchen Idealen können Dichterinnen und Dichter nur scheitern, und das Gedicht ist eine Manifestation davon. „Das fatale Problem bei der Dichtkunst: Gedichte. Das erklärt unter anderem, warum die Dichterinnen ihrerseits Dichter feiern, die aufhören zu schreiben“.

Drückt sich also im „Hass auf konkrete Gedichte“ womöglich ironisch und eventuell auch unfreiwillig eine Verteidigung der utopischen Ideale aus? Mit dieser spannenden These lädt Lerner zu einem kleinen, durchaus auch verblüff enden Gang durch unterschiedliche Vorstellungen ein, was Dichtkunst sei, und kontrastiert sie mit konkreten lyrischen Verwirklichungen, bis er resümiert: „Man kann nur Gedichte verfassen, die, wenn sie mit vollkommener Verachtung gelesen werden, einen Ort für das echte Gedicht freiräumen, das niemals erscheint.“

Lerner, dessen Gedichtband „No Art“ soeben bei Suhrkamp erschienen ist, lockt in seinem Essay klug, unterhaltsam und ironisch zu einem Blickwechsel, der gut tut, vor allem wenn man Gedichte liebt, aber vielleicht gar nicht weiß, warum. „Erinnern Sie sich an das Gefühl, dass Sinn provisorisch ist und zwei Menschen um eine Äußerung herum eine Welt aufbauen können, in der jeder Gebrauch eine Bedeutung hatte? Ich glaube, das ist Dichtung. [...] Erinnern Sie sich, wie leicht unsere Spiele die Wirklichkeit zusammenbrechen lassen, umgestalten oder neu beschreiben konnten? “

Warum hassen wir Lyrik - © Foto: Suhrkamp
© Foto: Suhrkamp
Literatur

Warum hassen wir die Lyrik?

Essay von Ben Lerner
Aus dem Engl. von Nikolaus Stingl
Suhrkamp 2021
100 S., geb., € 14,40

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