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Blickwechsel

DISKURS
9 - © Foto: Wolfgang Schwens

Johanna der Bauernhöfe

1945 1960 1980 2000 2020

Mit "Johanna", 1979 erschienen, schenkte Renate Welsh vielen Frauen Mut zum Widerspruch. Auch die Fortsetzung, ihr Roman "Die alte Johanna", ist ein wichtiges Zeitdokument.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit "Johanna", 1979 erschienen, schenkte Renate Welsh vielen Frauen Mut zum Widerspruch. Auch die Fortsetzung, ihr Roman "Die alte Johanna", ist ein wichtiges Zeitdokument.

„Das wäre ja noch schöner,“ entrüstete er sich, „wenn ledige Kinder schon was wollen dürften!“ Seit dieser Satz sie verletzt hatte, waren mehr als dreißig Jahre vergangen, dennoch war die Narbe noch nicht völlig zugeheilt.

„Johanna“ von Renate Welsh, 1979 erschienen, war ein Meilenstein. Für Romane über Frauen. Für Jugendliteratur. Für Zeitgeschichte. Und für mich persönlich. Meine Mutter wurde damit beauftragt, einen Entwurf für den Umschlag des Werkes zu zeichnen, und ich begann, mich für dieses Buch zu interessieren. Gewählt wurde ein anderer Vorschlag, vermutlich war das Bild der Johanna meiner Mutter zu zart und zu verspielt, schlicht: zu schön, um wahr zu sein. Johannas Leben spielt sich unter schwersten Entbehrungen und Härte ab – und ist dennoch voller Mut und Stolz trotz all der Erniedrigung der Tochter einer ledigen Mutter, in jener Zeit ein anrüchiger Skandal.

So richtig verstanden, was diese unselige Zweiklassen-, ja sogar Mehrklassengesellschaft für ein Mädchen jener Zeit wirklich bedeutete, habe ich erst viel später, als ich das Buch nochmals las. „Johanna“ ist die Geschichte des Widerstands, und der hart erkämpften Selbstdefinition. Es ist ein zutiefst feministischer Roman, außerhalb jeder wertenden Norm. Ein Roman voller Widerspruch, um nicht dort zu bleiben, wo einen die Gesellschaftsnormen hinein - drücken wollen. Johanna ist ein wenig eine Jeanne dʼArc des Ständestaates.

Nun hat Welsh mit „Die alte Johanna“ die Fortsetzung vorgelegt – Johannas Kindheit, Jugend, Alter in einem per - fekten, sich schließenden Kreis. Wozu die Fortsetzung, könnte man fragen. Die Antwort ist: weil sie unvermeidbar und zwingend notwendig war. Und erneut ist auch dieses Werk ein erstaunliches, beklemmendes Zeitdokument. Ein einfühlsames Porträt einer herausragenden Frau – mit ihren Schattenseiten und ihren Verdiensten, auf ihrem Weg von der Wiege bis zur Bahre und all den Stationen dazwischen. Und es sind sehr viele Stationen. Der Roman springt manchmal wie ein wilder Bergbach über die Klippen von Johannas Erinnerungen, unchronologisch, ineinander geblendet. Dazwischen fließt er langsam und bietet Zeitlupenaufnahmen: von Geburten und Todesfällen, von Sozialscham und wildem Widerspruch dagegen, von der Härte, die man über alles legen muss, wenn das Weiche das Überleben nicht sichert, der großen Liebe und Loyalität hinter dieser aufgewendeten Härte.

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