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Wenn Aussteiger von der Schulbank verschwinden

Kinder lernen ununterbrochen, es ist für sie eine Selbstverständlichkeit.“ Das finde ich auch; nur habe ich mittlerweile herausgefunden, daß die kindliche Wißbegierde gar nicht so lange anhält, zumindest nicht so lange, als ein Lernprozeß notwendig ist, um aus dem Halbgebildeten einen gebildeten, mit den Entwicklungen unserer Zeit vertrauten Staatsbürger zu machen.

Es lebt der Mensch, so lange er bereit ist zu lernen... Doch — sagen Sie das einem jungen Menschen, der Lernen unweigerlich mit Schule identifiziert!

Eine Erziehung, die sich nur auf „die Eigenschaften eines gesunden Kindes“ (FURCHE Nr. 36/85) stützen möchte, wird sich wohl nur auf die allerersten Schulstufen anwenden lassen. Denn Neugierde und Wissensdrang sind Ausdruck der kindlichen Vitalität; die menschliche Natur kennt auch noch andere Ventile für Vitalität, die in der Pubertät sichtbar werden. Womit auch das Volksschulalter als abgeschlossen gelten darf.

Glücklicherweise sind die Zeiten der lebenslangen Volksschulabsolventen endgültig vorbei, nicht zuletzt dank einer schon zu Anfang des Jahrhunderts laut gewordenen Forderung nach diffizilerer Schulbildung.

„Ich habe nur Hauptschule, aber ein bisserl Englisch kann ich noch“, sagen stolz viele Eltern jener Kinder, denen heute alle Schultore offenstehen. Und die Kinder strömen hinein, erfüllen ihre Eltern mit Stolz und der Genugtuung, wenigstens in der, zweiten Generation den Weg zur Allgemeinbildung gefunden zu haben.

Doch gerade an dieser zweiten Generation vollzieht sich das Schicksal des armen Fischers — oder vielmehr das seiner Frau — die drei Wünsche tun durfte. Als sie schließlich in Samt und Seide wandelte und sich am Ziel ihrer Wünsche wähnte, wußte sie mit diesem Prunk nichts mehr anzufangen. Und sie ging ihres Reichtums verlustig, weil sie in ihm nicht mehr das Ziel ihrer Wünsche erblickte. Unseren Teenagern in der höheren Schule ergeht es ebenso.

Für sie ist der tägliche Schulweg mit Ziel Matura nicht mehr die beglückende Möglichkeit zur Erlangung höherer Würden. Das liegt nicht etwa an einer Ubersättigung durch ständig erfüllte Wünsche, sondern im Wesen des jungen Menschen, der eben in diesem Lebensabschnitt so erfüllt ist von Dingen, die wichtiger scheinen als Bildung und schon gar das Lernen Tag für Tag.

War's bei uns etwa anders? Pennälerwitze, heitere und ernste Werke der Literatur und der Filmwelt leben vom unausweichlichen Übel Schule.

Auch das Vorbild von Eltern, die es zu höheren Bildungsehren gebracht haben, ist längst nicht mehr ausreichende Motivation für den Nachwuchs. Im Gegenteil — die Protestwelle gegen das Establishment hat schon manchen Aussteiger von der Schulbank weggeschwemmt.

Die Lehrer schließlich, die mit flammendem Idealismus und immerwährendem persönlichen Einsatz ihre Schützlinge zu stets neuen Leistungen anspornen, sind äußerst dünn gesät. Und wenn es sie gibt, so spricht ihnen eine starre Schulgesetzgebung die Fähigkeit guter Menschenkenntnis und damit die Handlungsfreiheit in der Beurteilung der Schüler ab.

Der Lehrer, der einen Drückeberger oder einen im Elternhaus gezüchteten Tachinierer nicht mehr durch Warnschuß (i.e.

„Fleck“) zur Nachholung versäumter Pflichten verhalten darf, ohne höhere Instanzen anrücken zu sehen, wird sich nicht mehr im Dienste der Pädagogik aufreiben. So kommt es zum „Friß oder stirb“ im Klassenzimmer, und auf der Strecke bleibt der Schüler, gar nicht zu reden von dessen Motivation.

Woher Erfolgserlebnis?

Jeder Leichtathlet, und nicht nur der Leistungssportler, wird sich freuen, wenn er nach vielen erfolglosen Versuchen eines Tages nicht mehr die Latte wirft. Gäbe es keine Latte, woher käme dann ein Erfolgserlebnis? In der Schule geht es nicht nur um Sport, aber um einen Wertmesser, sprich die Beurteilung. Einser oder Zweier - das ist nur die Frage für den Streber, der sich als Vorzugsschüler bewußt von seinen Kameraden absetzen möchte.

Doch ich möchte den bislang frustrierten, freudlosen Schüler kennen, der nicht angesichts einer guten Note neues Selbstvertrauen gewänne. So scheint die positive Schulnote doch mehr zu sein als nur Zuckerbrot, nämlich der Wertmesser für eine erbrachte Leistung.

„So wenig ein guter Lehrer autoritäres Auftreten nötig hat, so wenig benötigt ein gutes Schulsystem die Noten“ (Nr. 36/85). Der Lehrer, der Autorität ausstrahlt, ohne sie zur Schau zu tragen, kann auf Dauer nicht von seinem Image leben, noch seine Schüler durch Beliebtheit allein motivieren. (Siehe Spoerls „Feuerzangenbowle“). Er muß ungestraft fordern dürfen und eine Form des Nachdrucks handhaben, mit der er die Erfüllung oder Nichterfüllung seiner Forderung bekundet.

Ein Notensystem ist so. stur und so streng, wie ein Lehrer es handhabt. Gerechte Leistungsbeurteilung, von einem gerechten Lehrer gehandhabt, wird vom Schüler akzeptiert.

Wird eine positive Leistung „erlistet“ (Nr. 36/85), so liegt das am geschickten Schwindeln des Schülers, am Versagen des Lehrers oder am Instanzenzug des SCHUG, der jederzeit bemüht werden kann, wenn es gilt, den „Fleck“ zu einer positiven Note hinzubiegen.

Wer, wie die Schreiberin dieses Diskussionsbeitrages, jahrelang in der höheren Schule tätig war, daneben drei eigene Kinder ohne List und nicht immer ohne Schwierigkeiten zur Hochschulreife brachte, müßte eigentlich ein Rezept bereit haben für ein gutes Schulsystem ohne Schulnoten. Ich habe keines.

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