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Gesellschaft

Die "Gämse" hat Geburtstag

1945 1960 1980 2000 2020
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Fünf Jahre neue Rechtschreibung: Zwischenbilanz einer halbherzigen Reform.

Nur wenige gratulierten aus tiefstem Herzen. Die meisten übten sich in Zweckoptimismus, und manche ergaben sich der Häme: Am 1. August waren es genau fünf Jahre, dass die neue Rechtschreibung offiziell an allen Schulen und Behörden im deutschsprachigen Raum Einzug hielt. Auch wenn es ihren Schöpfern - der zwölfköpfigen "Zwischenstaatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung" - gelungen war, die Zahl der Orthografie-Regeln von 212 auf 112 und die 57 Beistrichregeln auf neun zu reduzieren: Die großen Umbrüche - etwa die Einführung der Kleinschreibung oder die komplette Streichung des "ß" - blieben wegen hartnäckiger (politischer) Widerstände aus. Und so beschränkte man sich darauf, die Eindeutschung von Fremdwörtern zu ermöglichen ("essenziell" statt "essentiell"), neue Regeln in der Getrennt- und Zusammenschreibung vorzugeben ("Rad fahren" statt "radfahren"), Verstöße gegen das "Stammprinzip" zu beseitigen ("Gämse" statt "Gemse", "nummerieren" statt "numerieren"), dreifache Konsonantenanhäufigen zu erlauben ("Balletttänzer" statt "Ballettänzer") und die Konjunktion "daß" zugunsten von "dass" aufzugeben.

Die Widerstände gegen dieses "Reförmchen" waren dennoch groß: So kehrte die deutsche FAZ - zumindest in ihrer Printausgabe - zur alten Rechtschreibung zurück. Die österreichische Presse konnte sich erst im Rahmen ihres jüngsten Relaunches dazu durchringen, "neu" zu schreiben. Noch beharrlichere Gegner finden sich an den heimischen Universitäten: "Diese Rechtschreibreform ist nur geschaffen worden, damit die Leute etwas zu tun haben", ärgert sich der Wiener Germanist Wendelin Schmidt-Dengler bis heute. "Nummerieren" nun mit zwei "m" zu schreiben, hält der studierte Altphilologe für "idiotisch": "Das Wort kommt schließlich vom lateinischen ,numerus'." Kritik äußern manche auch an dem größeren Angebot von Schreib-Varianten: "Die Leute wollen nicht wählen", meint der Rostocker Germanist Dieter Nerius, ebenfalls Mitglied der Rechtschreib-Kommission. Die Mehrheit seiner Kollegen dürfte freilich anderer Meinung sein: "Die Kommission hat einen Bericht verfasst, wonach sie sich auf Grund ihrer Beobachtungen noch für ein paar zusätzliche Varianten im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung ausspricht", verrät Kommissions-Mitglied Ulrike Steiner vom Österreichischen Bundesverlag.

All jene, die mit der neuen Schreibung noch auf Kriegsfuß stehen - laut einer aktuellen Umfrage des Linzer Meinungsforschungsinstituts "Spectra" immerhin 50 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher - haben jedoch noch etwas Zeit: Bis zum Ende der Übergangsfrist am 31. Juli 2005 wird "Gemse" noch nicht als Fehler gerechnet. DH