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Gott wird wieder Regen senden

Bwagamoyo - mein Herz bleibt hier...! Das war der verzweifelte Ruf der Sklaven - (Millionen kräftiger Mädchen und Burschen wurden von den Arabern und Weißen aus Afrika geraubt und verkauft) wenn sie in der ehemaligen tanzanischen Hauptstadt Bagamoyo zusammengetrieben und auf Sklavenschiffe gepfercht wurden.

Und so ist es auch uns ergangen, als wir heuer in den äußersten Missionszentren des Landes (Österreich hat darin elf mal Platz) auf Besuch waren. Bwagamoyo - unsere Herzen sind in Tanzania geblieben!

Die Vereinigte Republik Tanzania mit 25 Millionen Einwohnern (jährlicher Zuwachs 3,2 Prozent) ist ein heißes, trockenes Land mit einer großen Regenzeit im November und Dezember, die heuer jedoch nur drei Wochen gedauert hat (normal sechs Wochen). Die geduldigen Afrikaner aber sagen: Heuer müssen wir wieder hungern, aber wir bitten Gott, daß die nächste Regenzeit besser wird.

Diese Zeit muß bestens genutzt werden, denn nur am Ende der Regenzeit kann man säen und Pflänz-chen dem Boden anvertrauen: Dann wächst alles schnell und gut zur Ernte! Fehltaberdas Wasser, dann istalle Mühe umsonst: Es gibt zuwenig Mais, Hirse, Cassava, Bohnen, Erbsen, Süßkartoffel... Heuer aber liegt die ganze Natur unter einem grauen Schleier infolge der Vulkanausbrüche in Japan und den Philippinen, unterWolkendecken (Folgen der Brände in Kuwait?) - aber ohne Wasser! Im Juli war schon alles verdorrt! Dabei ist der Höhepunkt der

Trockenzeit erst im September...!

Ostafrika - ein mitreißendes, schönes Erlebnis, aber auch erschütternd, - denn die Armut ist viel größer, als wir uns das je vorstellen können. Von den 25 Millionen haben nur zirka 360.000 eine Verdienstmöglichkeit! Der Tagesverdienst beträgt acht Schilling. Es gibt eine wahnsinnige Inflation: 1967 war ein Tanzaniashilling 3,60 österreichische Schilling wert, heute ist die Relation 100 zu 5,7! Die Menschen überleben nur mit ihren „Shambas": Jeder bebaut ein kleines Feld mit den oben genannten Stärkefrüchten. Daher sind auch alle dickbäuchig: zuviel Stärke, aber Eiweißmangel. Fisch und Fleisch sind für den Normalbürger unerschwinglich!

Geduldig ertragene Armut

Trotzdem ein Leben, eine Geduld und vor allem ein Glauben, der uns kalten Europäern zum Vorbild werden könnte: Ob Mohammedaner (etwa 45 Prozent), Anhänger von Naturreli-gionen oder Katholiken (mehr als sechs Millionen): Sie beten, leben ihr bescheidenes Dasein voll mit Gott. Der Sonntag ist für sie wirklich Tag des Herrn. Da ziehen auch die Ärmsten ihr sorgfältig bewahrtes Tuch über und sind in der Kirche!

Gottesdienste in Afrika - ein Erlebnis: Vier Messen am Sonntag und jede mit 2.000 bis 3.000 Gläubigen, die beten, singen, trommeln, voll integriert mit den Priestern am Altar. Sechs von diesen teilen die Heilige Kommunion aus. Die Leute opfern von dem Wenigen, das sie besitzen. Der Nachwuchs an geistlichen Berufungen ist für unsere Begriffe unvorstellbar.

Wir konnten eine feierliche Profeß mit 14 Ndugus (Kisuaheli = Bruder)

im rein schwarzen Benediktiner Kloster Hanga miterleben. Die vier Stunden dauernde Messe war ein mitreißendes und aufwühlendes Ereignis. Genauso bei den St. Agnes Si-stern von Songea: Mutter Generaloberin Bonaventura Kilowoko OSB hatte uns eingeladen und ihre 22 Klöster mit mehr als 2.100 Schwestern vorgestellt. Arm sind sie, besitzen nur den Habit am Leib - ohne Unterwäsche. Im Winter frieren sie furchtbar. Daher hörten wir immer wieder die Bitte: schickt uns Decken und Kleidung.

Die kirchlichen Zentren, Klöster und Missionsstationen leisten viel, sind Impulsgeber: Von ihnen geht nicht nur das Gebet aus, sondern auch

Arbeit und Wirtschaftsinitiativen. Dort kommen die Leute hin, um zu lernen, zu arbeiten, sich an den Krankenstationen behandeln zu lassen. Da gibt es Schwestern als Tischler, Schreiner, Motorre-parateure, Drucker, Redakteure, Zahnärzte... Genauso wird Landwirtschaft, Gartenbau, Tierzucht alles in Eigenregie und Eigenversorgung betrieben. Tausende wollten noch eintreten, aber die Seminare haben zuwenig Geld und Mittel um die Scharen zu verkraften!

Wenigen mutigen Missionaren, die seit Jahrzehnten ihr Leben eingesetzt haben, ist das zu verdanken, etwa zwei Österreichern: Pater Fidelis Krautsack und seinem Mitbruder Ndugu Seraphin Wiesinger. Sie haben das getan, was die Weißen eigentlich seit dem 18. Jahrhundert hätten tun sollen: Den Einheimischen ihr Land zu lassen statt es zu zerstören und auszubeuten, wie es zum Teil heute noch geschieht.

Noch immer gehören die besten Lagen und Gebiete mit Kaffee-, Sisal-und Baumwollplantagen den Weißen! Schlechte Weltmarktpreise treiben die Einheimischen in die Fänge der Mul-tis. Bekam man früher einen Traktor um 150 Sack Kaffee, so muß man heute dafür 430 Sack aufbringen.

Ndugu Seraphin Wiesinger ist anders vorgegangen. Seit über 32 Jahre lebt er in Tanzania. Ihm vertrauen die Leute, lebt, ißt und wohnt er doch mit ihnen. Er ist selbst einer von ihnen geworden. Ndugu Seraphin war vor fünf Jahren zum letzten Mal auf Heimaturlaub in Österreich, er ist jetzt 75 und will nicht mehr zurück.

Er ist noch quicklebendig und versorgt die mehr als 250 Personen im Priesterseminarmit allem Lebensnotwendigem von Nahrung bis Brennmaterial: Seine langjährigen Erfahrungen kamen ihm auch bei der Rinderhaltung zugute. Seine Kreuzung aus Holstein-Frisians mit Jerseyrind (hornlos) hat sich gut für Ostafrika bewährt und ist beliebt bei allen Missionen der Umgebung.

In Tanzania haben wir die Bestätigung von Glaube, Hoffnung und Liebe durch Verwirklichung im Lebensalltag gefunden. Die Leute sind arm, aber voller Geduld und Hoffnung, daß wir Brüder und Schwestern aus Europa ihnen helfen werden: Anfang Oktober dieses Jahres haben wir den 25. Jubiläumscontainer mit Hilfsgütern nach Tanzania verschifft. Was gebraucht wird? Werkzeug jeder Art, Kleidung, Wäsche, Radiorecorder mit österreichischer Volksmusik (zum Deutsch lernen), Sprachkurse Englisch-Deutsch, Wörterbücher, Kassetten, Batterien, Decken...

Spendenkonto: Landeshypo Krems „Tanzania" 3854-000283, BLZ 53.000

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