#Flucht

Auf der Flucht

Europe - © Foto: Pixabay
Feuilleton

Wo beginnt, wo endet Europa?

1945 1960 1980 2000 2020

Konflikte und Flucht ballen sich in einem Raum Europas, der ehemalige Militärgrenze und Hauptschauplatz des Ringens der Habsburgermonarchie mit dem osmanischen Reich war.

1945 1960 1980 2000 2020

Konflikte und Flucht ballen sich in einem Raum Europas, der ehemalige Militärgrenze und Hauptschauplatz des Ringens der Habsburgermonarchie mit dem osmanischen Reich war.

Der osterspazierende "Bürger" in Goethes Faust weiß sich "nichts Bessers an Sonn- und Feiertagen als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen". Daheim, bei einem "Gläschen am Fenster" "Fried' und Friedenszeiten zu segnen", das war schon um 1800 vorbei. Der Gegenangriff der christlichen Reiche, Habsburgermonarchie und Zarenreich, gegen den türkischen "Erbfeind" war seit 1683 auf siegreichem Vormarsch. Die Orientalische Frage zwischen Europa und Indien, wurde mit Englands und Frankreichs Eingreifen, seit Bonapartes Zugriff auf Ägypten, zum militärisch-politischen Hauptthema des 19. Jahrhunderts. Der Wettlauf des Imperialismus begann, vom Schwarzen Meer zu Donaumündung und "Balkan", von der Krim zum Kaukasus und zur Levante, bis Ägypten und Nordafrika. Der Streit um das Erbe des "kranken Mannes am Bosporus" (Zar Nikolaus I.) sollte in den Weltkrieg führen.

"Hoch vom Dachstein an ..."

1840 intervenierte ein österreichisches Geschwader, gemeinsam mit den Briten, in der Orientkrise des osmanisch-ägyptischen Ringens um Syrien: Erzherzog Friedrich, ein Sohn Erzherzog Karls, erstürmte auf Kreuzfahrerspuren Akkon, österreichische Truppen beteiligten sich am Vorstoß auf Beirut.

Angesichts solcher Herausforderungen besann man sich gern auf Heimat und Vaterland. "Hoch vom Dachstein an" tönte namens der steirischen Landwirtschaftsgesellschaft 1844 der Lobpreis des "lieben teuren Heimatlands bis ins Rebenland im Tal der Drav'" und "bis zum Wendenland am Strand der Sav'". So reimt, die Grenzziehung von Saint-Germain (1919) bei Spielfeld/Sentilj überspringend (bald kommen hier "technische Sperren"), die biedermeierliche Geographie der Landeshymne im Hier und Heute der Flüchtlingsfrage. Sie ist medial und in der Tat zum Problem Europas geworden, als Krise, Tragödie, Chaos, Explosion, Katastrophe.

Jeder Tag gebiert neue Worthülsen und Unworte. Hinter vordergründiger "Willkommenskultur", eiligem "Durchwinken" zwischen Mitleid und Abwehr und "Asyl auf Zeit"-Versprechen droht Rückschiebung, pardon: Rückführung. Oktoberfest/ung, so signifikant für deutsch-bayerische "Leitkultur", wird auf unbestimmte Zeit prolongiert. Werden wir es mit Quotenregelung, Transit/Registrierungs/Verteilungs-Zonen/Zentren/Korridoren/Lagern schaffen/stemmen/schultern, die unzählbaren, unabsehbaren Menschenströme zu kontrollieren/integrieren, besser noch abzuwehren, fragen sich von Gipfel zu Gipfel hastende Politiker und Bürger, besorgt, ratlos, desperat und überfordert. Flüchtlinge/Migranten/Asylanten, mit ihnen die Idee Europa, stranden an alt-neuen Grenzen, zu Wasser und zu Lande.

Administration des Elends

Hurtig wurde ein klingender Name für die Administration des grenzenlosen Elends seit diesem glühend heißen Sommer, auf den kalter Herbst und Winter folgen, gefunden: Hotspot. Der Begriff stammt aus der dynamischen Geologie: Kontinentaldrift und Plattentektonik lassen die Erdkruste auf feurig-flüssigem Untergrund mit den Folgen von Gebirgsbildung, Vulkanismus, Erdbeben und Tsunamis treiben.

An einem aktuellen Hotspot stehen wir in Bres ice/Rann an der Save, von wo allein am 21. Oktober 2015 20.000 Flüchtlinge gemeldet wurden. Dies ist der erste größere Ort westlich der kroatisch-slowenischen Grenze: Mit der Eisenbahn, so sie noch fährt, gelangt man von Zagreb über den Verkehrsknoten Steinbrück/Zidani Most mit der Südbahn nach Laibach und Triest, andererseits über Cilli und Marburg nach Spielfeld, Graz und Wien. (Ich bitte um Verständnis, dass ich hier die Ortsnamen nicht korrekt in ihrem sprachlichen Wandel wiedergeben kann.)

Wir sind an einer historischen Dreiländerecke: Kroatien, Untersteiermark (slowenisch noch heute S tajerska) und Herzogtum Krain, dessen Name, so wie Ukraina oder serbische Krajina, Grenze bedeutet. Das eiskalte Wasser der Sotla, des grünen Grenzflusses zwischen Kroatien und Slowenien, haben Flüchtlinge mit Kindern watend und schwimmend durchquert. Die Sotla, deutsch Sattelbach, von der Tourismuswerbung zum Wandern und Fischen empfohlen, ist schon 1016 durch Heinrich II. den Heiligen urkundlich genannt, und hier gab die Kärntner Landespatronin Hemma reiche Güter an ihr Stift zu Gurk, das zum Bistum wurde. Am kroatischen Ufer der Sotla liegt Kumrovec, der Geburtsort von Josip Broz Tito.

Von Brešice aus blickt man, jenseits von Krka (Krainer Gurk) und Save, über das AKW Krs ko zum dunklen Waldrücken des Uskokengebirges, hinter dem die Kulpa eine umkämpfte Grenzlinie bildet - mit der Festung Karlstadt, die den Namen jenes steirisch-innerösterreichischen Erzherzogs Karl trägt, der hier ein Bollwerk der Militärgrenze schuf, und Sissek, wo ein Sieg des christlichen Heeres über den Pascha von Bosnien (1592) den Langen Türkenkrieg Rudolfs II. eröffnete, der in den habsburgischen Bruderzwist mündete. Uskoken, das sind vor den Türken geflohene walachisch-serbische "Einspringer" in das habsburgische Kroatien, die das Rückgrat der Militärgrenze bildeten, fassten auch an der Adria (Zengg) Fuß. Sie wurden Venedig durch ihre Piraterie so lästig, dass es 1615 zu einem dreijährigen Krieg kam, der erst im Kampf um die Festung Gradiska (ein gewisser Oberst Wallenstein begann dort seine Karriere) entschieden werden konnte; Diplomaten handelten in Paris und Madrid den Frieden aus. Die Wehrbauern von der Meergrenze über die kroatische, slawonische, banater und siebenbürgische Grenze standen an der gefährdeten Peripherie zum Osmanischen Reich stets unter Waffen, kommandiert von den Kriegsräten in Graz und Wien.

Um 1848, da die kroatischen Grenzertruppen mit den furchterregenden Seres anern, den "Rotmäntlern" des Banus Jelaci, gegen das revolutionäre Wien geführt wurden, umfasste die Militärgrenze 50.000 km2, auf einer Länge von 1850 km. Die im Kleinkrieg an der Grenze und gegen den "inneren Feind" der Revolution, vor allem auch in Oberitalien, erzogenen Granicari, verloren zwar ihre Regimentsdistrikte (bis 1881), bewahrten aber ihre noch bis zu den jugoslawischen Zerfallskriegen nachwirkende Militanz.