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Ein Land verzweifelt an der Zukunft

Eine zutiefst patriarchale Gesellschaft behindert die Frauen in Afghanistan, sich zu befreien. Unter den Augen des Westens bleiben sie versklavt.

Der 8. März könnte ein Tag von großer Bedeutung für Afghanistan sein. Es ist jener Tag, an dem Jahr für Jahr die lokalen und internationalen Lenker des Landes auftreten - um dem Schicksal der Frauen Afghanistans zu gedenken. Heuer etwa versprach Präsident Hamid Karzai in seiner Rede, dass die Rechte der Frauen immer zu den Kernanliegen seiner Regierung zählen würden. Diese Rechte stünden auch nicht zur Disposition bei eventuellen Verhandlungen der Regierung mit den Taliban.

Leider erweisen sich die Reden des 8. März an jedem anderen Tag im Jahr als reine Täuschung. Wie zum Beweis dafür stellte UN-Generalsekretär Ban Kee Moon dieser Tage einen Bericht über die Lage der rund 15 Millionen Frauen und Kinder in dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land vor. Der Krieg gegen den Terror sollte ja gerade ihnen einerseits die Befreiung von der Unterdrückung durch die Taliban, und andererseits eine bessere Zukunft in einer demokratischen Gesellschaft bringen.

Verheerende Lage

Auf weniger als 20 Seiten stellt der UN-Bericht internationalem Engagement und afghanischen Behörden das schlechtestmögliche Zeugnis aus. Unterdrückung, Gewalt, manifeste Armut - und keinerlei Hoffnung auf Besserung. Das sind die Aussichten der Schutzbedürftigen zehn Jahre nach dem Beginn der Militäroperation "Enduring Freedom“.

Demokratie und Menschenrechte sind aber nicht primär durch wiedererstarkte Taliban gefährdet, sondern vor allem durch eine archaische Gesellschaftsordnung, welche Frauen und Kinder entrechtet.

Im Detail vermerkt der UN-Bericht: "Die Gewalt gegen Frauen und Straflosigkeit für die Gewalttäter bleiben weit verbreitet. Die Gewalt beruht oft auf schädlichen Traditionen, wie Zwangsehen und die Verheiratung Minderjähriger.“ Die Behörden wiederum "weigern sich, Fälle von Gewalt zu untersuchen oder Täter trotz klarer Gewaltdelikte einzusperren“. Vielmehr würden die Opfer wie Täter behandelt: "Frauen und Mädchen werden arrestiert, wenn sie aus Zwangsehen fliehen wollen und wegen versuchter Unzucht angeklagt. Viele von ihnen fallen sogenannten "Ehrenmorden“ zum Opfer, um die Familienehre wieder herzustellen.

Frauen und Mädchen werden in manchen Regionen auch als Zahlungsmittel gesehen. Aus der Provinz Faryab wurden zahlreiche Fälle von "Baad“ gemeldet, bei dem Kinder zur Beilegung eines Konflikts zwischen Familien als Faustpfand dienen. Sie werden dem Gegner "geschenkt“ und, wie im Bericht festgehalten, von ihren neuen Besitzern "als Sklaven behandelt. Sie müssen auch oft bei den Tieren schlafen, werden geschlagen und misshandelt“. Frauen, die Opfer von Zwangsehen wurden, werden für Schafe und andere Tiere oder Gegenstände weitergetauscht.

Wie tief verwurzelt die Tradition ist, zeigt ein Vorfall der sich 2009 im Bezirk Darqad ereignete. Dort drangen mehr als 300 Menschen in ein Gerichtsgebäude ein und entführten eine Frau, die aus der Leibeigenschaft geflohen war. Die Frau gilt seither als vermisst. Die Entführer blieben unbehelligt.

Fehlender Schutz

Staatliche Schutzeinrichtungen fehlen beinahe vollständig. Gerade einmal 14 Frauenhäuser gibt es in Afghanistan. Das Leben jener, die darin Aufnahme finden, ist von Angst und Gefahren geprägt. Bewaffnete Leibwächter müssen die Frauen begleiten sobald sie das Haus verlassen - die Burka ist trotz wesentlich liberalerer Gesetzeslage die meistbenutzte Kleidung von Frauen in der Öffentlichkeit. Das Bildungsniveau ist erschreckend gering - nur zehn Prozent der Frauen können lesen und schreiben. Ihre Lebenserwartung liegt trotz des Krieges um ein Jahr unter jener der Männer. 1600 von 100.000 Geburten enden für die Mütter tödlich, auch weil die Männer ihren Frauen verbieten, zur Geburt ein Spital aufzusuchen.

Selbstmordversuche und Selbstverstümmelungen von Frauen sind ein bekanntes Phänomen in Afghanistan. Ein anderer Bericht der UN-Mission in Afghanistan "UNAMA“, nennt Beispiele von Mädchen, die im Alter von zehn Jahren zwangsverheiratet wurden und sich aus Verzweiflung mit Benzin übergossen und in Flammen steckten. Wegen der Häufung solcher Selbstverbrennungsversuche wurde in der Stadt Herat eine eigene Klinik eingerichtet, die sich um die Opfer kümmert. Die zuständigen Ärzte sprechen von einer stark zunehmenden Zahl von Patientinnen.

Kinder unter Arrest

Die Lebensumstände von Kindern sind generell prekär. 165 von 1000 Säuglingen sterben bei oder kurz nach der Geburt. Ein Großteil der Jugendlichen ist unterernährt. Dank des internationalen Engagements war es in den vergangenen Jahren möglich, ein Netz von mehreren Hundert Gesundheitsstationen zu errichten, das zumindest für die Hälfte der Bevölkerung erhebliche Verbesserungen bringt. Doch was passiert, wenn die internationalen Truppen abziehen und das Land den Taliban und den archaischen Strukturen überlassen bleibt?

Selbst die Sicherheitskräfte der Regierung, die für den Schutz der Schwächsten sorgen sollten, sind in Missbrauchsskandale verwickelt. Nicht nur, so die UNO, würden die Taliban Kinder als Attentäter zwangsrekrutieren. Die Afghanischen Sicherheitskräfte würden Knaben "anwerben, mit dem Ziel sie sexuell auszubeuten“.

Die Politik scheint dieses Afghanistan nicht zu kennen. Vergangene Woche besuchte US-Außenministerin Hillary Clinton Kabul. Sie sprach dort vor Politikern und Frauenrechtsaktivistinnen. Sie lobte die Schulen für Mädchen, den Mut afghanischer Politikerinnen. Eine Versöhnung mit den Taliban sei wünschenswert - so Clinton, im Sinne des Friedens im Land. Aber freilich: Dieser Frieden dürfe nicht auf Kosten der Rechte der Frauen gehen. Das klang gerade so wie an jedem 8. März - weshalb wohl auch Präsident Karsai artig applaudierte.

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