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Kleine Welt durch 1:2,8

DIE BILDER, die vor einiger Zeit in der oberen Halle des Wiener Südbahnhofes an transportablen Wänden zur Schau gestellt waren, dem p. t. Reisepublikum zur Unterhaltung und Belehrung über das Thema „OeBB“, waren die zuni Teil ausgezeichneten Ergebnisse eines von den Bundesbahnen ausgeschriebenen Photowettbewerbes. Thema des Bewerbes war selbstverständlich die Eisenbahn gewesen. Und wer das — eigenartigerweise noch immer allzu weit verbreitete — Vorurteil hegte, die Photographie sei zu „objektiv“, um künstlerische und damit subjektive Aussage möglich zu machen, fand in der Schau eben wegen ihres eng begrenzten Themas den einprägsamen Gegenbeweis: Wenn zehn gute Photographen dieselbe Lok aufnehmen, sind zehn verschiedene Bilder — nicht Abbildungen — das Ergebnis.

Unter den mehr oder weniger gelangweilten Besuchern der improvisierten Ausstellung fiel mir eine Gruppe halbwüchsiger Burschen und Mädel auf. Die jungen Leute paßten nach Kleidung und Gehaben genau in jenes Schema, das würdige Pädagogen auf diversen Tagungen von der „gefährdeten Jugend“ entworfen haben, und der tragbare, Synkopen von sich gebende Radioapparat vervollstäh- digte dieses äußere Bild. Aber es war bemerkenswert und mußte zum Nachdenken Anlaß geben, welche Bilder von diesen jungen Menschen mit den Noten „gsund“, „klaß“ oder „leiwand" klassifiziert wurden, den anerkennendsten Prädikaten, die sie zu vergeben hatten.

Nicht dien offiziellen; Preisen be-;

Achten.: R4j flandsskäff lm»rtm romantisch dampfenden Lokomotiven noch der fremdenverkehrswirksame „Blaue Blitz" auf dem Semmeringviadukt. Sondern aussagekräftige, „moderne" Photos: das abstrakte Liniengeflecht einer Oberleitung, das stampfende Gestänge einer Lok der Baureihe 52, die suggestiven Signallichter eines Bahnhofs in der Dämmerung.

DIE PHOTOGRAPHIE, darüber sollte kein Zweifel mehr bestehen, repräsentiert heute," ähnlich wie -der Jazz in der Musik, auf dem weiten Feld der bildenden Kunst den Bereich des Menschlichen. Der Weg der abendländischen Malerei von der Biblia Pauperum der mittelalterlichen Kirchen in die Galerien unserer Zeit, wo der stets gleiche Kreis von Verständigen (und Snobs) immer dieselbe Art von Malerei zu diskutieren versucht, war eine durchaus logische Entwicklung. Doch, wer darüber Klage führt oder hochmütig darauf hinweist, daß sich der Durchschnittsmensch von heute nicht für die zeitgenössische Kunst interessiere, vergißt die veränderten Voraussetzungen. Der Dreher Prohaska oder die Verkäuferin Gerd, die vom Diktat der modernen Kultur kaum erfaßt sind und sich darum das solide Maß bewahrt haben, akzeptieren die Kompositionen diverser Epigonen Picassos ohne große Debatten als Plakate, Stoffmuster oder Tapeten hypermoderner Espressos. Denn ein abstraktes Krawattenmuster hat keinen Titel, der den Anspruch erhebt, der Dekoration tieferen Sinn zu geben. ,

Das zweifellos vorhandene künstlerische Interesse der Massen wird in dieser Situation in das Verständlichere ausweichen. Es hat sich, soweit es passiver Natur ist, auf die Illustrierten (die ja keine andere Funktion ausüben als die mittlerweile in die Ku.istgeschichtelehr- bücher auf genommenen aktuellen Holzschnitte des Mittelalters) und in die Kinosäle verlagert. „Life“, jene T ustrierte, die mit Abstand die künstlerisch besten und aktuellsten Photos veröffentlicht und die Gattung des Photo feuilletons geprägt hat, besitzt die größte Auflage aller Bildzeitungen. Diese Zeitschrift ist im übrigen auch der Beweis dafür, daß eine Illustrierte auch ohne penetranten Sex gut verkauft werden kann.

Darüber hinaus aber gab die Erfindung der Photographie auch dem „Durchschnittsmenschen" — zum erstenmal in der Geschichte — die Möglichkeit, seine heute oft kaum bewußte Sehnsucht nach der Kunst, nach dem Schönen, auch aktiv zu erfüllen.

„SIE KNIPSEN, alles andere besorgen wir!“ Mit diesem werbekräftigen Slogan begründete der Amerikaner Georges Eastman nicht nur den „Kodak“-Weltkonzern, sondern gab er auch das Startzeichen zum Siegeszug der Photographie. Kaum zu glauben, wie lange das schon her ist: heuer werden es 75 Jahre, daß Eastman das Patent auf den ersten Rollfilm ei teilt wurde, der das Photographieren den Massen erst zugänglich machte.

Die einfache, unkomplizierte „Box“, die die Firma Kodak mit dem Rollfilm auf den Markt brachte, ist freilich heute längst aus der Mode gekommen. Sie ist nur noch verkäuflich, wenn sie wie eine Kleinbildkamera aussieht. Die Steigerung des Lebensstandards zeigt sich in den Photohandlungen in der Nachfrage nach Kameras der mittleren Preisklasse zwischen 1500 und 2000 S (neun von zehn Käufern bezahlen freilich in Raten). Allerdings kennt mein

Photohändler auch einen alten Herrn, der sich noch immer nicht von seiner Goldmann-Reisekamera trennen konnte. Ihre Platten haben das Format 13 mal 18 Zentimeter, ihr Objektiv besitzt die für das Baujahr — 1912 — sensationelle Lichtstärke von 1:7,7. Heute ist 1:2,8 auch bei billigeren Apparaten selbstverständlich. Und der Zug der Entwicklung geht jetzt z einäugigen Spiegelreflexkamera, zur Belichtungsautomatik und zum Wechselobjektiv, mit dem die Ausdrucksmöglichkeiten vielfältiger werden.

JEDE ZWEITE FAMILIE, in Oesterreich besitzt heute eine Kamera, meist Nachkriegserzeugnisse, denn in der Hungerzeit wurde so manche Leica, Rolleiflex oder Ikonta gegen Mehl, Eier oder Schmalz eingetauscht. Einer von vier erwachsenen Oesterreichern photographiert mehr oder weniger regelmäßig, ergab vor kurzem eine Gallup-Umfrage, deren Resultate den Erfahrungen der Händler entsprechen. Obwohl diese summarische Zahl nicht ganz zutreffend ist, weil der Anteil der Frauen unter den Amateurphotographen wesentlich geringer ist als cfie Zahl der Männer. Frauen bevorzugen im übrigen in der Regel Modelle, die möglichst unkompliziert arbeiten; Männer wollen spielen. Vom Photobazillus sind alle Berufsklassen infiziert, am stärksten die Jahrgänge zwischen 25 und 5 5. Interessanterweise sind die Jüngeren weniger eifrige Knipser. Arbeiter, Angestellte und mittlere Beamte sind die treuesten Kunden der Photohandlungen. Bei der „Gesellschaft“ sind, wie man nicht anders erwarten möchte, die teuersten Kameras en vogue.

Etwa zehn Prozent der Amateure, wissen die Händler zu berichten, haben daheim im Badezimmer oder in einem Abstellraum eine Dunkelkammer improvisiert. Die Perfektionierung des Filmmaterials ließ nach dem Schwarzweißfilm — der neueste ermöglicht bereits Aufnahmen bei Kerzenlicht mit einer Dreißigstelsekunde Be lichtungszeit! — nun die Farbe einen neben Vormarsch antreten. Etwa 30 Prozent der Amateure in Oesterreich verwenden bereits regelmäßig den Farbfilm, wobei — wegen des niedrigeren Preises, aber auch wegen der noch oft mangelhaften Qualität der farbigen Papierbilder — dem Umkehrfilm, dem Diapositiv, eindeutig der Vorzug gegeben wird. Die Vollbildvergrößerung setzt sich in Oesterreich nur schwer durch. Zwar stehen auch in Wien schon mehrere dieser elektronisch gesteuerten Maschinen, die im Tag etliche tausend Abzüge vollautomatisch her- stellen. Auf persönliche Wünsche nach Kontrastreichtum und Ausschnitten kann der Automat allerdings keine Rücksicht nehmen. Die Mehrzahl der Amateure bezahlt aus diesem Grund lieber etwas mehr für die „handgearbeitete“ Kopie.

DIE MOTIVE freilich, die weitaus die meisten Amateure bevorzugen, wenn sie die Kamera ans Auge heben, gehören in das Genre „Wald und Wiese“. Obwohl es nicht selten geschieht, daß ein von überheblichen Snobs wegen Mangels an Verständnis für Paul Klee oder Webern als kulturlos Klassifizierter plötzlich die Dinge seines Alltags mit den Augen eines Künstlers zu sehen beginnt, nachdem er ein paar Hefte des „Photo- Magazins“ oder ein Lehrbuch für Amateure durchblättert hat. Immer wieder kann man in den Leistungsschauen diverser Photoklubs — in jedem größeren Amt, fast in jeder Fabrik besteht heute einer — erstaunliche Beweise künstlerischer Potenzen finden, muß man feststellen, welche Aussagekraft auch der Mann von der Straße Bildern zu geben vermag, eine Aussage, die er mit Worten oder gar mit dem Pinsel kaum zu formulieren imstande ist. Nur der kleinere Anteil der Bilder in der Ausstellung „The Family of Man“ stammte von Berufsphotographen. Unter anderen war hier das Photo eines österreichischen Polizisten zu sehen: „Bauernfamilie am Eßtisch“. Hier erweist sich die Berechtigung der Freizeitverlängerung: Wenn am freien Samstag auch nur einem von A zehntausend _ Arbeitnehmern ein 11 künstlerisches pjhoto gelingt,-1 war es richtig und sinnvoll, die Arbeitszeit zu verkürzen.

Man weist heute dės öfteren darauf hin, — und die Innungen beklagen sich mitunter darüber —, daß die Bilder arrivierter Amateure von den Arbeiten gelernter Photographen kaum zu unterscheiden, ja ihnen an Lebendigkeit und Kraft der Aussage nicht selten vöraüs sind. Dies mag zunächst in der mangelnden technischen Vorbildung begründet sein: Wer keine Berufsschule für Photographen besuchte, hat weniger Hemmungen, sich über die bei den Gesellenprüfungen maßgebenden Regeln hinwegzusetzen. Ihn rügt kein Meister, wenn er sich etwa der Bewegungsunschärfe als wesentlichem Bildelement bedient. Vor allem aber ist der ernsthafte Photoamateur mit Liebe — das Wort „Amateur“ leitet sich ja von „amare“ her — bei seinem Hobby. Ihm ist es selbstverständlich, wenn nötig Stunden, ja Tage seiner freien Zeit für ein Bild zu opfern, das er in Gedanken bereits gestaltet hat. Dies ist freilich dem Berufsphotographen, für den Zeit Geld bedeutet, schon aus finanziellen Gründen kaum möglich. Allerdings geschieht es immer wieder, daß Photoamateuren das Steckenpferd zum Beruf wird. Der in diesen Tagen 80jährige Grand Old Man der amerikanischen Photographie, der Organisator der „Family of Man“, Edward Steichen, war,ursprünglich Maler; Hermann Fischer-Wahrenholz, der Nestor der deutschen Tierphotographen, ist gelernter Graphiker und hat nie eine Photolehre absolviert; einer der Jüngeren unter den deutschen Photoreportern, Siegfried Hartig, kommt aus dem Textilfach. Diese Männer würden ebenso wie der weltbekannte Henri Cartier-Bresson, wie einige aus der „Magnum“-Gruppe oder manche aus dem „Life“-Stab, in Oesterreich keine Gewerbeberechtigung erhalten. Daß heutzutage aber einige Linsen und ein Streifen lichtempfindlichen Zellophans jedem Menschen die Möglichkeit geben, viele Augenblicke für sein ganzes Leben festzuhalten, ist, bedenkt man’s recht, ein gewaltiger Fortschritt.

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